Charlotte Roches TV-Serie komplett online

Alina Ganter

Bis jetzt war Charlotte Roche eher bekannt als VIVA-Moderatorin und als feucht-fröhliche Buchautorin. Doch nun erfreut sie uns auf 3sat mit ihrer ersten eigenen TV-Berufsschnupper-Serie "Charlotte Roche unter..." Man kann sich jetzt schon alle Folgen online ansehen.



Eine zierliche, ganz in schwarz gekleidete Frau geht die Fußgängerzone hinab und betritt das Geschäft von Ferdinand Pfahl. "Frau Roche, hallo!", strahlt sie in die Runde, aber man sieht dieser Frau an, dass sie sich nicht ganz wohl fühlt. Ferdinand Pfahl ist nämlich Bestatter und in seinem Unternehmen wird Charlotte Roche an diesem Tag Leichenlehrling sein, wie sie es nennt. Sie hält nicht damit hinterm Berg, dass sie vor Aufregung am ganzen Leib zittert und ganz bestimmt umkippt, wenn sie ihre erste Leiche sehen wird.


Sowieso ist Roche, die man als VIVA-Moderatorin mit großer Klappe kennt, zwischen Kühlkammer und Urne erstaunlich kleinlaut, nur beim Festschrauben von Sarggriffen stellt sie sich als Naturtalent heraus. Vielleicht liegt ihre anfängliche Distanz aber auch daran, dass ihr Praktikum beim Bestatter die erste Folge der fünfteiligen Serie ist, in der Charlotte Roche jedes Mal einen anderen Beruf ausprobiert: Jäger, Müllmann, Altenpfleger, Truckerfahrer.



Das, was von Anfang an auffällt und "Charlotte Roche unter…" seinen ganz eigenen Stil gibt, ist die Mischung aus Roches beinahe kindlicher Neugierde und der Natürlichkeit der Menschen, die sie begleitet. Es gibt keine Stimme aus dem Off, die Kommentare zu dem Gezeigten abgibt und das ist auch nicht nötig, denn die Bilder und Situationen sprechen – gerade weil sie so schlicht sind – für sich.

Als Charlotte im Laufe des Tages tatsächlich ihrer ersten Leiche gegenübersteht, wird ihr wider Erwarten nicht schlecht, sondern sie verliert nach anfänglicher Furcht die Scheu davor, den Toten einzukleiden und die wachsartigen Hände zu falten.



Bei der Markierung der Sargvorderseite fragt sie dann wieder grinsend ihren Chef, ob schon mal aus Scherz die Seiten absichtlich falsch markiert wurden. "Nein", antwortet Pfahl. "Ich veräppele meine Mitarbeiter sehr oft, aber nicht mit die Toten."

Wie beim Bestatter zeigt Charlotte Roche auch in den anderen Folgen keinerlei Berührungsängste, weder bei pflegebedürftigen Menschen und aufgeschnittenen Kaninchen, noch bei dreckigen Mülltonnen. Als Trucker Harald sie fragt, ob sie tierlieb sei, weil sie sich über ein Mäuschen auf dem Parkplatz freut, behauptet sie voller Überzeugung, eine Kuh töten zu können, wenn es nötig wäre. Der Schokokekssüchtige Harald ist scheinbar ebenso beeindruckt von ihr wie alle anderen, die auffälligerweise ausnahmslos Männer sind. Da macht es auch nichts, dass Charlotte auf Haralds Handy verführerische Fotos seiner Frau entdeckt.



Das Konzept der Serie besteht darin, dass es kein Konzept gibt. Für Roche ist der "charmante Aufeinanderprall" wichtig, das gegenseitige Kennenlernen und Aufräumen mit Vorurteilen. Sind die Pornohefte an den Autobahngaststätten wirklich nur für Fernfahrer? Können Menschen, die den ganzen Tag vom Tod umgeben sind, eigentlich noch Scherze machen? Und warum darf man die überfahrene Schleiereule nicht mitnehmen und ausstopfen?

Dafür muss man auch mal früh aufstehen, hart anpacken oder viel Geduld zeigen, obwohl nichts passiert und es winterlich kalt ist wie bei Charlotte Roches Pirsch mit Revieroberjäger Christoph Hildebrandt. Als Entschädigung für das erfolglose Warten auf dem Hochsitz erfährt sie einiges über den Naturschutz in Deutschland und wie wichtig es ist, den Wildbestand ständig zu reduzieren. Zu Leuten, die die Tiere aufscheuchen und in ihre Rückzugsgebiete eindringen, ist er genauso konsequent. "Ich bin schon so oft persönlich bedroht worden, deshalb bin ich erst unfreundlich und werde dann zahm. Wir füttern und töten die Tiere genauso wie Landwirte. Nur dass unser Wild frei leben darf. Im Prinzip sind wir Jäger das älteste Gewerbe der Welt."



Am Ende des Tages zeigt sich mal wieder, dass Charlotte Recht hatte, wenn sie mit alten Vorurteilen aufräumen wollte: "Ich dachte, ich hätte ein bisschen Ahnung von diesem Beruf, aber dann habe ich gemerkt: Ich habe gar keine Ahnung!"

«Charlotte Roche unter…» ist kein großes Kino, dafür sind die vorgestellten Menschen zu alltäglich, aber eben dieser Umstand gibt dem Format eine Natürlichkeit und eine Alltagskomik, wie sie nicht besser sein könnte. Eine halbe Stunde kommt einem viel zu kurz vor, reicht aber, um das Leben eines Menschen in seinem Beruf und auch darüber hinaus kennen zu lernen – was eindeutig dem Charme und der Neugier Charlotte Roches zu verdanken ist.

Mehr dazu:

  •  Nächster TV-Termin: "Charlotte Roche unter Müllmännern", morgen, 15. Oktober, 23.15 Uhr auf 3sat