Charlotte Roche: "Schamlippen wie Vanillekipferl"

Joana Jäschke

"Feuchtgebiete", so heißt Charlotte Roches neuer Roman, aus dem sie gestern Abend im Vorderhaus vorgelesen hat. Darin geht es vor allem um den Unterleib der 18-jährigen Helen Memel. Die liegt im Krankenhaus und hat viel Zeit, sich mit ihren Körperausscheidungen, Antihygiene und Analfantasien zu beschäftigen. Joana war dabei, hat sich ein bisschen geekelt und viel gelacht.



„Hallo, ich bin Charlotte Roche (sprich „Rohsch“) und ich hab ein witziges Buch geschrieben. Ich habe es liebevoll ‚Roman‘ getauft.“ So begrüßt Charlotte Roche das Publikum gestern Abend im ausverkauften Vorderhaus.


Sie setzt sich an ihr Tischchen, über dem eine schwarze, gehäkelte Decke liegt und knipst die altmodische Leselampe an. Mit ihrem grauen knielangen Kleid sieht sie aus, als wolle sie aus einer Handarbeitszeitschrift vorlesen. Was das Publikum dann jedoch auf die Ohren bekommt, ist alles andere als spießig.



Für die erste dreiviertel Stunde nimmt Roche ihre Zuhörer mit ins Krankenhaus. Dort liegt ihre Romanfigur Helen Memel, nachdem sie sich bei einer Intimrasur derart verletzt hat, dass eine Operation nötig ist. Während Helen sich auf ihrem Zimmer langweilt, lässt die 18-jährige ihren Gedanken freien Lauf.

Diese drehen sich meistens um ihr „untenrum“, damit geht sie nämlich ziemlich kreativ um. „Ich pflege einen sehr engen Kontakt zu meinen Körperausscheidungen“, bekennt „Sexualforscherin“ Helen. Und so überrascht es nicht, dass sie die Zeit auf der Hospitalmatratze zur Auseinandersetzung mit körpereigenen Gerüchen und Flüssigkeiten jeder Art nutzt.



Eine Stunde später wissen die Zuhörer, dass Helen „weiblichen Schleim“ als Sexuallockstoff einsetzt, dass sie auf öffentlichen Toiletten versucht, möglichst viele Bakterien von der Klobrille mitzunehmen und dass sie „Amazing Grace“ singt, wenn sie sich mit dem Duschkopf selbstbefriedigt.

„Die Helen, die is‘ schon ne Sau“, fälltl sich Roche selbst ins Wort, als das Publikum die detaillierten Ausführungen zur Duschkopf-Selbsbefriedigungs-Wasserrutsche der Romanheldin mit Lachen honoriert.

„Es gibt auch traurige Stellen. Nach denen muss man nur länger suchen“, sagt Roche. Die will das Publikum im Vorderhaus aber gar nicht hören. „Wollt ihr’s versaut oder traurig?“ fragt Roche, bevor sie den zweiten Ausschnitt des Buches vorliest. Die Antwort kommt von einer Frau. Und so konzentriert sich Roche gestern auf die ekeligen Sachen.



Von denen gibt’s genug in den „Feuchtgebieten“. Nach anderthalb Stunden Lesung konnte man sich ein besseres Bild von Helens Intimbereich machen, als von ihrem Äußeren. Lustig ist der Schweinkram vor allem durch den Gegensatz zwischen derber Fäkalsprache einerseits und fast kindlichen Namensgebungen und Wortschöpfungen andererseits. So sehen die Hämorrhoiden der Romanheldin aus wie Blumenkohl, ihre Klitoris nennt sie Perlenrüssel und die Schamlippen Vanillekipferl oder Hahnenkamm.



Wenn Roche erzählt, wie sich Helen Spermareste unter den Fingernägeln her kratzt und diese als „Sex-Andenken-Kaubonbon“ genüsslich verspeist, tut sie das mit so ruhiger und fast kindlicher Stimme, als säße sie am Bett ihrer Tochter und läse ihr aus Kalle Blomquist oder Karlsson vom Dach vor.

„Feuchtgebiete“ ist also ein lustiger Porno. Das Publikum, das zu zwei Dritteln aus Frauen bestand, klatscht begeistert. Noch mehr Applaus erntet eine Frage aus dem Publikum: „Sind denn da auch Bilder drin?“. Gar keine schlechte Idee, findet Roche. Sie wolle mal über einen Bildband nachdenken. Sonst sei sie aber auch so ganz zufrieden. Sie findet, dass der Körper der Frau dabei ganz gut wegkommt. Trotzdem hat sie ihren Eltern verboten, den Roman zu lesen. „Nach diesem Buch habe ich keine Eltern mehr!“



Am Ende des Abends bleibt nur eine Frage offen: „Wie sagt man eigentlich ‚wichsen‘ (umgangssprachlich für masturbieren) für Frauen?“, will ein schüchterner Zuschauer beim Signieren des Buches wissen. Zum ersten Mal an diesem Abend hat es auch Charlotte Roche die Sprache verschlagen.