Chaos bei Sea of Love: Stadt will sich zu Vorwürfen äußern

Joachim Röderer

Verkehrschaos, überforderte Ordner, zugestellte Fluchtwege: Die Sea of Love 2011 ist am Wochenende aus dem Ruder gelaufen. Polizei und Rettungsdienst werfen dem Veranstalter schwere Versäumnisse zu. Auch zur Rolle der Stadt gibt es Fragen. Die will sich demnächst äußern.

Einigermaßen fassungslos reagierten Polizei und Rettungsdienst auf das organisatorische Chaos. "Wir haben unheimlich viel Dusel gehabt, dass nichts Schlimmes passiert ist", sagte etwa der Leitende Notarzt Frank Koberne, der selbst vor Ort war. Polizeisprecher Karl-Heinz Schmid hatte bereits nach brenzligen Situationen bei der Festival-Eröffnung am Freitagmorgen von zugestellten Fluchtwegen und fehlenden Ordnern berichtet.


Beim eilig einberufenen Ortstermin am Samstagmorgen stand laut Martin Schulz, dem stellvertretenden Leiter des Ordnungsamtes der Stadt, sogar ein Abbruch des Festivals zur Debatte – was aber augenblicklich verworfen wurde, auch weil dies angesichts der Tausenden von teils sehr weit angereisten Fans nicht durchsetzbar gewesen wäre.

Torkelnd auf der Autobahn

Die gefährlichste Situation gab es am Samstagabend nach Ende der Auftritte auf dem Gelände am Tunisee nahe der Autobahnauffahrt Nord. Viele Besucher wollten zur Aftershowparty auf die Messe. Das Shuttle-Bus-System funktionierte aber nur schleppend. Vor der Autobahnunterführung (Bild oben), einem Nadelöhr, gab es einen Rückstau von vielen hundert Fans, nicht alle mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte.

Rund 40 Besucher kletterten auf die Böschung und überquerten die Autobahn – die Polizeileitung bereitete bereits eine Sperrung der A 5 vor. Doch ihren Kollegen vor Ort gelang es, die A 5-Fußgänger wieder einzufangen. Aber auf dem Zubringer-Nord torkelten angetrunkene Festivalgäste. "Autos konnten da nur noch im Schritttempo fahren", berichtet Notarzt Koberne. Viele Festivalbesucher irrten orientierungslos durch den Mooswald – auf der Suche nach dem Fußweg zum Messegelände.

Widerspruch des Veranstalters gegen Auflage

Die Stimmung auf dem Festivalgelände sei davor friedlich und entspannt gewesen, berichtete die Polizei am Sonntag. Doch auch am Tunisee gab es immer wieder Probleme. So sei der Veranstalter der in der Genehmigung verfügten Auflage nicht nachgekommen, den Besuchern kostenloses Leitungswasser zur Verfügung zu stellen, so Notarzt Koberne.

"Viele Gäste dehydrierten und mussten dann von den Sanitätern versorgt werden", so der Mediziner. Manche würden auch nichts mehr trinken, weil sie sparen wollten oder kein Geld mehr hätten. Koberne hat eigenen Angaben zufolge auf die Trinkwasser-Auflage bestanden, auch nach dem Widerspruch des Veranstalters. Umgesetzt sei sie dann aber nicht worden. Später ging dann an einigen Verkaufsstellen das Mineralwasser aus – was für eine aggressive Stimmung sorgte. Ein Besucher aus der Schweiz beschwerte sich später, dass man für Mineralwasser eine halbe Stunde anstehen musste.

Das Festival hatte schon am späten Freitagnachmittag mit Schwierigkeiten begonnen. Bei der Anreise der Campinggäste brach der Verkehr rund um die Messe komplett zusammen, auch auf der Mooswaldallee.



Das Einchecken auf dem Riesencampingplatz auf dem Messegelände war viel zu zeitaufwändig, was den Rückstau auslöste. Rund 7000 Besucher konnten auf den Platz; als der gefüllt war, standen noch viele auf den Straßen und suchten Ausweichplätze – unter anderem auf dem Flugplatz. Dort wurden auf der Baustelle für den Papstbesuch die Markierungen zerstört. Die für heute geplante Asphaltierung der Wege muss deswegen verschoben werden.

"Wir haben nicht gerechnet, dass alle Camper auf einmal ankommen", räumte Bela Gurath vom Veranstalter Endless Event am Samstag ein. Im vergangenen Jahr sei das anders gewesen. Ein Dutzend Anrufe hat Horst Bergamelli am Wochenende erreicht. Dem Vorsitzenden des Bürgervereins Mooswald schilderten die Anwohner, wie die Partygänger grölend durch die Straßen zogen und in die Vorgärten pinkelten. Vom Stadtteil Mooswald her suchten und fanden die Besucher den Weg auf den Flugplatz, um dort ihre Zelte aufzuschlagen. Genau das, was laut Bergamelli im Vorfeld verhindert werden sollte. Er vermisste Ordner und Beschilderungen. "Diese Veranstaltung war ein Unding", sagte Bergamelli der BZ. "So etwas werden wir nicht mehr dulden." Notfalls werde es Sitzblockaden geben.

Am Sonntag waren die Veranstalter nicht zu erreichen. Und auch die Stadt, die das Festival genehmigt hatte, wollte sich nicht äußern. Antworten gab es erst einmal keine. Am Montag will Bürgermeister Otto Neideck jedoch eine Pressekonferenz geben.

Auf Facebook hat sich inzwischen eine Gruppe gegründet, die eine Sammelklage gegen die Veranstalter plant. Am Montagvormittag hatte die Gruppe über 180 Mitglieder. Auf der offiziellen Fanseite der Sea of Love auf Facebook wurden zahlreiche kritische Kommentare entfernt.

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[Bild 1: Dominik Rock; Bild 2: dpa]