Fotografie

Carl-Schurz-Haus zeigt Joakim Eskildsens eindringliche "American Realities"

Dietrich Roeschmann

Sechs Wochen war der Däne Joakim Eskildsen 2011 in den USA unterwegs. Nun zeigt das Carl-Schurz-Haus in Freiburg sein Fotoserie "American Realities".

Die Sonne scheint, kein Wölkchen trübt den blauen Himmel. Doch ein schöner Tag sieht anders aus. Unter kahlen Bäumen stehen Frank und Jessica Whitehill auf struppigem Gras zwischen Stühlen, Regalen und Müllsäcken, in die sie hastig ein paar Kleider und das Spielzeug ihrer drei Kinder gestopft haben. Zu ihren Füßen liegt eine Stehlampe im Dreck. Seit zwei Monaten haben die Whitehills keine Miete mehr gezahlt, weil ihnen das Geld fehlte. An diesem Morgen standen dann die Packer vor der Tür und haben sie kurzerhand auf die Straße gesetzt.


Der Sheriff erzählt, dass die Polizei täglich sechs bis acht Zwangsräumungen dieser Art vollstrecken muss. Alltag in Athens, Georgia: Im 18. Jahrhundert während des Baumwollbooms von Plantagenbesitzern, Sklavenhaltern und Textilfabrikanten gegründet, gehört die Stadt heute zu den ärmsten des Landes. Knapp 40 Prozent der Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze – so viele wie in keiner anderen US-amerikanischen Kommune über 100 000 Einwohner.

Das Foto, das Frank und Jessica auf dem schmutzigen Rasen vor dem kleinen Haus zeigt, in dem sie vor wenigen Minuten noch wohnten, stammt von Joakim Eskildsen. Es gehört zu dessen eindringlicher Serie "American Realities", die derzeit im Freiburger Carl-Schurz-Haus zu sehen ist. 2011 war der in Berlin lebende dänische Fotograf dafür gut sechs Wochen in den USA unterwegs. Zusammen mit der Journalistin Natasha del Toro suchte er Orte in New York, Kalifornien, Louisiana, South Dakota und Georgia auf, die vor allem eines miteinander verband: eine extrem hohe Armutsrate.

Noch während der ersten Amtszeit von Ex-US-Präsident Barack Obama aufgenommen, dokumentiert Eskildsens Serie den prekären Alltag der Menschen auf der Schattenseite des amerikanischen Traumes, der sich spätestens seit dem Amtsantritt von Donald Trump für viele vollends zum Albtraum verkehrt hat: Arbeitsmigranten, Prostituierte, Obdachlose, arbeitslose Mütter, Veteranen.

Die zerstörerischen Effekte der Armut

Eskildsen nähert sich ihnen mit großem Respekt und viel Empathie. Seine Fotografien zeigen sie vor notdürftig aus Latten und Malerplane zusammengeschnürten Zelten, in penibel aufgeräumten Trailern, im Auto, das zugleich Unterkunft ist. Manche jobben in der Sozialstation oder in der Armenküche, viele warten – auf die nächste Mahlzeit, das Ende des Tages, eine Antwort auf die Frage, wie es weitergehen soll.

Die fiebrige Farbigkeit, die Eskildsens Fotografien spätestens seit seinem wohl bekanntesten Projekt "Die Romareisen" prägt, legt sich auch hier wie ein Filter über die abgebildete Wirklichkeit und über die Gesichter der Menschen, deren Geschichten in knappen Begleittexten erzählt werden. Es sind Gesichten wie die der völlig mittellosen Mutter aus der Bronx, die sich – um ihren Sohn zu ernähren – bei der Armee gemeldet hat, sich aber nicht mehr um ihn kümmern kann, sollte sie tatsächlich eingezogen werden. Oder die des Dreijährigen Eli, der auf dem Fischerboot seiner Großeltern im ölverseuchten Hafen von Plaquemines Parish lebt und mit großen Augen aus einer Hängematte in die Kamera starrt.

Auch wenn auf den meisten Fotos die Sonne scheint, wirken diese Porträts nie friedlich, sondern auf eine verstörende Weise erschöpft und überspannt zugleich – als hätte hier jemand am helllichten Tag das Licht brennen lassen. Es ist eine Ästhetik, die sich jeder Romantisierung verweigert und gegen die zerstörerischen, isolierenden, nivellierenden Effekte der Armut die Einzigartigkeit jeder Biografie der Porträtierten hervorhebt. Unbedingt sehenswert.

Carl-Schurz-Haus, Eisenbahnstr. 62.
Bis 23. März, Mo bis Fr 9–18, Sa 11–15 Uhr.