Capoeira: Kampftanz für Liebhaber

Nina Braun

An dem verheißungsvoll klingenden Begriff "Capoeira" kommt man inzwischen auf Dauer kaum vorbei: Der brasilianische Kampftanz ist Modesport und gilt als spannende Alternative zu herkömmlichen Leibesübungen. Grund genug, sich einmal die Szene in Freiburg anzuschauen.

    Gleich zu Beginn eine kleine Enttäuschung: „Wir praktizieren hier Capoeira Angola“, erklärt Portugiesisch- und Anthropologiestudent Momo, während er seine langen Rastazöpfe zu einem Dutt zusammen bindet und sich auf den Auftritt vorbereitet. „Dabei versucht man, sich ganz auf die traditionellen Elemente zu konzentrieren – im Gegensatz zum moderneren Capoeira ‚Regional’, der sich Techniken aus asiatischen Kampfsportarten angeeignet hat.“


Im Klartext: Nix mit Akrobatik. Dabei hatte ich mir von der Vorführung katzenhafte Beweglichkeit, schwindelerregende Salti und vielleicht ein bisschen brachiale Maskulinität erhofft. Denn bei meinem Auslandsaufenthalt in Brasilien durfte ich die Sache vor Ort hautnah miterleben, und das war visuell immer sehr beeindruckend.

Anders in Freiburg. Meine erste, wenig vielversprechende Begegnung mit dem Sport hier war vor einigen Jahren eine Aufführung motivierter Ethnologie-Studenten. Was im Vorfeld spannend geklungen hatte, erwies sich schnell als eine recht absurd wirkende Mixtur aus unschönen Verrenkungen und nervtötender Musik – fast ein wenig so, als wolle man Brasilien spielen. Mir schwant also Böses, als Momo in den Ring steigt.

Der Ring, das ist beim Capoeira die „roda“ – portugiesisch für „Kreis“. Er wird aus den Mitgliedern der Gruppe gebildet, welche die jeweils zwei Kontrahenten in ihrer Mitte mit brasilianischen, sich ständig wiederholenden Endlosgesängen begleiten. Einer singt vor, die anderen fallen ein. Zentrales Instrument der musikalischen Begleitung ist der Berimbau, der im Aussehen an eine Angel erinnert und monotone Laute erzeugt.



Momo und sein Gegenüber gehen in die Hocke, während um sie herum die Stimmen erhoben werden, halten sich kurz an beiden Händen und beginnen dann mit ihrer Vorführung, die nur entfernt obigem Filmchen ähnelt. Tatsächlich erinnert sie im ersten Moment eher an Fruchtbarkeitstanz denn an Kampf. Die angetäuschten Angriffe und Fußtritte werden extrem langsam ausgeführt, und weil viele Bewegungen gebückt und oft auf Händen und Füßen zugleich ablaufen, ist zudem eine Menge Hinterteil zu sehen.

„Angola ist so langsam, weil die Kommunikation mit dem Gegenüber und der Gruppe im Vordergrund stehen soll“, erklärt Trainer und Deutsch-Lehrer Gerhard. Mehr noch als beim Regional, bei dem sich die Gegner auch kaum berühren, geschweige denn verletzen, wird der Kampf vor allem mit symbolischen Mitteln ausgefochten. Die Protagonisten selbst sprechen von „Spiel“. Im Gegen- und Miteinander sollen sich grundlegende Lebensabläufe im Kleinen ausdrücken: „Der kleine Kreis der roda ist wie die Welt im Großen“, beschreibt Gerhard dies. Höhepunkte für den Laien und unbedarften Beobachter hingegen sind ein paar Handstände und der Moment, als sich Momos Zöpfe aus dem Dutt lösen.

Capoeira ist in seiner Entstehung wie Verbreitung ein Kind der Globalisierung. Sklaven, die aus Afrika auf brasilianische Zuckerplantagen verschifft worden waren, entwickelten ihn dort ursprünglich als Verteidigungsinstrument gegen die weiße Herrscherklasse. Als solches wurde er jahrzehntelang verboten und verfolgt, in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts schließlich gesellschaftsfähig und hat nun als Trendsportart seinen Siegeszug auch in Europa angetreten. Die Form des Angola ist zugleich ein Widerstand gegen diese Entwicklung – weniger massentauglich als der spektakulärere Bruder vielleicht, von den Anhängern aber umso leidenschaftlicher verteidigt.



Ursprünglicher sei es so, erklärt mir Matthias, Gründer der hiesigen Ablegers der „Associação de Capoeira Angola Dobrada“, deren Auftritt ich heute mitverfolge. Auch die andere größere Gruppe in Freiburg, „Quilombo“, praktiziert diese Richtung.

Für Außenstehende mag das weniger spannend anzuschauen sein, für Liebhaber ist es ein Bekenntnis. Fragt man ihn, warum nicht Regional, muss Matthias ein bisschen an sich halten, um sich nicht zu sehr über die Bodybuilding-Mentalität des modernen Capoeira zu echauffieren: „Das ist alles zu kommerzialisiert heute. Wir versuchen, das Kapitalistisch-Westliche auszuklammern.“

Wer sich in diese anfangs recht seltsam anmutende Form der Bewegung einfinden will, sollte also in jedem Fall zweierlei mitbringen: einen Hang zu Symbolik und ein grundlegendes Interesse an Brasilien, seiner Kultur und Geschichte.

Meiner eigenen Begeisterung für Capoeira setzt die Abwesenheit besagter westlicher Elemente indes leider Grenzen. Als bekennendes Mitglied der Erlebnisgesellschaft bleibe ich wohl doch beim gänzlich sinnfreien Fußball und freue mich aufs nächste Elfmeterschießen.

Mehr dazu:

  • Capoeira Angola Dobrada Freiburg: Website