Camping im Zentrum

Lilian Kaliner

Könnte man in Berlin mitten im Tiergarten campen, ohne gleich Ärger zu kriegen? Wohl kaum. In Canberra, der Hauptstadt Australiens, ist sowas aber möglich. Lilian und Patrick haben es ausprobiert.



Unsere neu gewonnene Freiheit nach der Kirschsaison ermöglichte uns den direkten Weg in das Australian Capital Territory. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts konnte man sich nicht einigen, welche Stadt die Hauptstadt Australiens werden sollte. Sydney und Melbourne standen zur Debatte. Also bauten die Australier einfach eine weitere Stadt, nämlich Canberra, und ernannten sie zur Hauptstadt. Da man aber weder die Menschen von Sydney, noch die von Melbourne kränken wollte, sollte die neue Stadt nicht zu New South Wales gehören, obwohl sie dort stand. Also erklärte man das Gebiet um die Stadt zum Australian Capital Territory. Eine Stadt, die also mitten in New South Wales liegt, aber nicht zu New South Wales gehört. Wir hatten ein wenig das Gefühl, in ein Niemandsland zu fahren, als wir die Grenze passierten. Ein Ort, losgesagt von der Welt drum herum.




Klingt ein wenig übertrieben. Zu was auch immer Canberra gehört, es hat uns gut gefallen. Die ganze Stadt ist am Reißbrett entstanden, vom einen Ende zum anderen komplett geplant. Das Ergebnis ist die wohl angenehmste Hauptstadt der Welt. Etwa 300 000 Einwohner, Parklandschaften ohne Ende, super zum Entspannen. Auf die Erholungsmöglichkeit der Einwohner wird offensichtlich viel Wert gelegt. Mitten in Canberra befindet sich eine gigantische Seelandschaft.

An den Ufern wähnt man sich zwischen kleinen Wäldchen in einem Urlaubsort. Wir haben drei Nächte auf einem kleinen Parkplatz direkt am Wasser kampiert. Niemanden hat es interessiert, ob wir unsere Nudeln draußen kochen, mitten in der Stadt. Würde das in Berlin gehen? Kann man in Berlin ein paar hundert Meter vorm Reichstagsgebäude campen?

Wir haben das National Museum of Australia besucht (Eintritt frei) und dort einiges über das Land und seine relativ überschaubare Geschichte erfahren. Die Geschichte eines Landes, dessen Gesellschaft sich aus Einwanderern der ganzen Welt zusammensetzt. Das National Museum of Australia bietet Kinderrouten. Viele Geschichten veranschaulichen nicht nur Ausstellungsstücke, sondern auch Filme.



Canberras beeindruckende Architektur ist in allen wichtigen Einrichtungen sichtbar. Das neue Parlament ist ein richtiger Hingucker. Auf einem runden Hügel gelegen, dem Capital Hill, ähnelt es ein wenig einem Gebäude von einem anderen Stern. Supermodern und mit Fahrradpolizei. Vermutlich sah unser Bus vor dieser Kulisse noch oller aus als sonst. Auf jeden Fall hat uns ein Fahrradpolizist weggescheucht.

Gern hätten wir das Parlament besichtigt - wenn wir nicht gerade von einer Kirschfarm gekommen wären und bei besserem Wetter. Denn leider haben wir all unsere langen Hosen bei der Arbeit sehr versaut. In unseren Kirschjeans sehen wir aus wie Gammler und für kurze Hosen war es zu kalt, also keine Parlamentsbegehung.



Einige Tage haben wir uns dann in den kleinen Ortschaften zwischen Canberra und Young herum getrieben. Unsere Weihnachtspakete wurden auf die Farm in Young geschickt und wir mussten warten, bis sie eintrafen. Das Packet für Patrick kam an, jenes für mich ist offenbar irgendwo unterwegs untergegangen. Am 22. Dezember kam uns die Erkenntnis, dass kein Paket der Welt so lang für die Strecke braucht und die Postangestellten in Young haben versprochen, anzurufen, falls es doch noch kommen sollte. Weihnachten ohne Familie und dann auch noch ohne Geschenke, gemein.

Um die Stimmung oben zu halten, haben wir uns entschieden, spontan nach Sydney zu fahren. Nachmittags am 24. Dezember kamen wir an. Unser besonderes Weihnachtserlebnis war die erste Fahrt über die Harbour Bridge. Gigantisch! Und endlich sind wir wieder am Meer. Bis Silvester haben wir uns auf einem Campingplatz eingemietet. Über eine Woche, um Sydney zu erkunden.