Camping im wilden Süden

Linda Tuttmann

Linda war früher, abgesehen von einem Wochenendausflug ins Sauerland, alles andere als ein Outdoorfreak. Ihre Campingreise durch Namibia, Botswana und Zimbabwe hat sie allerdings zu einem anderen Menschen gemacht. Hier ihr Bericht mit wunderschönen Fotos.



Liomar hat sich einen Sticker an den Pullover geklebt. „Liomar, Brazil“ steht da drauf, damit jeder weiß, wie sie heißt. Dazu verteilt sie Lutscher mit Bananen-Schoko-Geschmack und Kekse, aus Brasilien natürlich. Liomar ist eine meiner 20 Mitreisenden auf der Overland-Tour von Kapstadt zu den Victoria Fällen. Mit Letischa, unserem Guide, und Denis, dem Fahrer, ist unsere Gruppe komplett. Unser Truck heißt Jimmi. Jeder Bus oder Truck wird nach einem Rockstar benannt, weil es – je nach Qualität der Straße – mal mehr und mal weniger rockt. Eigentlich rockt es auf afrikanischen Straßen immer, wie ich später feststelle.




Unsere Reisegruppe ist bunt gemischt. Mit 73 Jahren sind Liomar und ihr Mann die Ältesten. Ich bin 24-jährig eines der Kücken. Da ich vor Reiseantritt vor dread-lockigen Berufs-Travelern eher Angst hatte, sind mir ein paar Ältere ganz recht. So weit gestaffelt die Alterstufen, so unterschiedlich sind auch die Herkunftsländer der Teilnehmer. Mit Koreanern, Japanern, Amerikanern, Iren und Deutschen eine Campingtour durch Namibia, Botswana und Zimbabwe zu machen, könnte spannend werden.
Neben mir sitzt Laura, Lehrerin aus der Nähe von Stuttgart. Frisch getrennt, sucht sie nach neuen Möglichkeiten, ihren Urlaub zu verbringen. Normalerweise sei sie eher die „Pool – Liegerin“. „Mal sehen, ob Zelten etwas für mich ist“, hält sich ihr Campingenthusiasmus in Grenzen. „Ganz oder gar nicht“, hatte sie sich wohl bei der Reiseauswahl gedacht. Drei Wochen Campen in Afrika sind kaum ein Vergleich zum All-Inclusive-Urlaub. Meine Camping-Erfahrung beschränkt sich übrigens auf einen Wochenendausflug ins heimatnahe Sauerland. Pfadfinder und Naturkind bin ich nie gewesen.



Nach knapp 20 Minuten Fahrzeit halten wir an der Waterfront in Kapstadt. Letischa kauft für die nächsten Tage ein, die meisten Reiseteilnehmer tauschen Rand (südafrikanische Währung) in Dollar um. Die brauchen wir für die Visa in Botswana und Zimbabwe.

Alle bekommen schließlich Dollar, nur ich keine. Der Mann am Schalter erzählt irgend etwas von meinem Flugticket, das er unbedingt bräuchte. Ich verstehe nicht, warum mein Flugticket fürs Geldumtauschen notwendig ist, konnten doch alle übrigen Reiseteilnehmer ohne Flugticket Geld umtauschen. Mein Flugticket hatte ich aus Sicherheitsgründen bei Freunden in Windhoek gelassen. Als Letzte in der Schlange gibt’s für mich jedenfalls keine Dollar mehr, die Geldbeschaffung schiebe ich auf.

Als Trost trinke ich mit Ewa, Sozialwissenschaftsstudentin aus Bochum, einen Cafe Latte, einen doppelten. „Keine halben Sachen mehr“ wird unser Reisemotto.



Meine erste Nacht im Zelt, das ich mit Ewa teile, wird ungemütlich. Es stinkt bestialisch. Schuld daran ist eine dreckig gefleckte Katze, die ihr Revier an unserem Zelt kennzeichnet. Fatal ist, dass wir dieses Zelt (Nr. 5) bis zum Ende der Reise behalten sollen. Fatal für die Besitzer einer weiteren Nr. 5 (es gab zwei mit „5″ nummerierte Zeltsäcke) ist, dass wir beim nächsten Zeltaufbau die Säcke austauschen. Nicht die feine englische Art, aber die Aussicht, die nächsten drei Wochen in einer Pumakäfigluft zu schlafen, macht uns egoistisch. Nach ein paar Nächten sind Ewa und ich im Zeltauf- und abbau geübt und überzeugt, den Contest am Ende der Reise gewinnen zu können.

An den Reiserhythmus gewöhne ich mich schnell. Aufstehen um sechs, Sonnenaufgang bei Tee und Cornflakes, Zeltabbau und los geht’s mit Jimi on the road. Besonders im Süden von Namibia, den weite Wüsten, Steppenlandschaften und nur wenige Menschen prägen, verbringen wir teilweise fünf bis sechs Stunden täglich im Truck. Mir macht das viele Fahren nicht viel aus. Vielmehr genieße ich es, Zeit und Ruhe zu haben, um meine Gedanken schweifen zu lassen und den Wechsel der Landschaften zu beobachten. Zum Sonnenaufgang auf die Düne hinaufklettern, am Fisher River Canyon entlang wandern und im Orange River Kanu fahren – jeden Tag aufs Neue fasziniert mich Namibias Landschaft. Nach einer Woche Camping werden wir in Swakopmund mit zwei Nächten in Betten belohnt. Angesichts des Zehn-Mann-Schlafsaals und der durchgelegenen Matratze sehne ich mich schnell nach meinem gemütlichen Zelt zurück.



„Nördlich von Swakopmund fängt Afrika erst an“, berichtet Letischa über den zweiten Teil der Reise. Doch bevor Afrika anfängt, brauche ich noch Dollar. Beim Banken-Hopping fühle ich mich wie eine illegale Immigrantin, die auf eine Aufenthaltsgenehmigung hofft. Einen Vormittag lang verbringe ich wartend in einer Schlange, ohne zu wissen, ob sich das Anstehen lohnt. Diese Ungewissheit ist der eigentliche Psychoterror. Letztlich kann ich den Bankbeamten von meiner Notlage überzeugen. Warum Namibian Dollar oder Rand gegen US Dollar einzutauschen in Afrika so ein Problem darstellt, weiß ich bis heute nicht.

Jetzt beginnt das eigentliche Afrika: Lehmhütten so groß wie die meisten unserer Badezimmer, Frauen und Kinder, die mit Holzpflöcken Hirse stampfen und Männer, die schmuckbehangen die Rinderherden zusammentreiben.



Wäre ich als Kind einer Himba-Frau geboren, in einen Stamm im Norden von Namibia, hätte mich die Mutter nach der Geburt einfach vor dem Zelt liegen gelassen. Bei dem Himba-Volk ist es üblich, dass die Frauen alleine vor dem Zelt gebären. Bekommt sie Zwillinge oder gar Drillinge (wie in meinem Fall), kann sie nur eines der Kinder wieder mit ins Zelt nehmen. Jedes weitere Kind muss sie vor dem Zelt zurück lassen, da sie, wenn der Stamm weiter zieht, nur ein Kind tragen kann. Was in meinen Ohren grausam klingt, ist hier völlig normal. Sozialdarwinismus 2006.

Zwei Tage fahren wir durch den Etosha Nationalpark, nach dem Krüger Nationalpark in Südafrika der größte auf diesem Kontinent. Die Abende verbringen wir hier an den Wasserlöchern in der Hoffnung, das ein oder andere Wild zu erblicken. Unsere Geduld wird belohnt. Zebras, Giraffen und ganze Elefantenherden drängen sich nach Sonnenuntergang an der Wasserstelle.

Als ich nach drei Wochen in das tosende Wasser der Victoria Fälle schaue, plane ich schon meine nächste Afrikareise. Und zwar bald.