Bundes-Militärarchiv: Akten aus dem Dritten Reich

Nina Braun

Unauffällig liegt das Bundes-Militärarchiv in der Freiburger Wiesentalstraße: Zwei Weltkriege und 141 Jahre deutsche Militärgeschichte sind hier genau dokumentiert. Wie das Archiv ausgerechnet nach Freiburg kam, was dort alles lagert und welche Stücke im Panzerschrank aufbewahrt werden müssen, hat Carina beim Besuch zwischen Akten und Lageplänen erfahren.



Die Landkarte hat schon einiges mitgemacht. Am Abend des 27. Januar 1943, drei Tage, bevor Generaloberst Friedrich Paulus nach Monaten aufreibender Schlacht aus Stalingrad an Hitler funkt: „Zusammenbruch ist keine 24 Stunden mehr aufzuhalten“, wurde sie im Führerhauptquartier entrollt. „Lage Ost“ lautet die knappe Überschrift. Es ist die nüchterne Dokumentation einer Kriegskatastrophe, fein säuberlich als Lageplan in Blau (eigene Streitkräfte) und Rot (Streitkräfte des Gegners) festgehalten.


Aussichtslos sind die deutschen Truppen in Stalingrad zu diesem Zeitpunkt bereits von der Front abgeschnitten – auf der Karte eine kleine, blaue Bastion, tief in feindlichem Gebiet gelegen. Als „Kessel“ ist sie in die Geschichte eingegangen. Große Dramen, auf ein Koordinatenkreuz verdichtet.



Der Plan ist heute neben etwa 600 000 anderen Karten in den Lagerhallen des Bundes-Militärarchivs zu besichtigen, das sich seit 1968 in der Freiburger Wiesentalstraße befindet – das „Gedächtnis der Streitkräfte“, wie Leiter Hans Joachim Harder es auch nennt. Die Dokumente der verschiedenen militärischen Bundesverbände seit 1867 werden hier gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Als Stichdatum gilt somit die Gründung des Norddeutschen Bundes, der als Vorläufer des Kaiserreichs betrachtet wird. Alle früheren Dokumente befinden sich in Berlin.

Insgesamt fünf große Hallen bergen den Archivbestand, unzählige Regalreihen fassen die Unterlagen unter anderem der Waffen-SS und der Nationalen Volksarmee. Die meisten Akten, so älter als 30 Jahre, sind auch für Privatbesucher frei einsehbar. Nicht öffentlich zugänglich ist eine Auswahl an Geheimdokumenten der Bundeswehr, die gesondert in einem gut gesicherten Hallenbereich lagert.



Neben den amtlichen Schriftstücken wie Marschbefehle und Personalakten gibt es auch private Dokumente, Nachlässe, Korrespondenzen. Vieles ist pure Bürokratie, ein großer Teil der enormen Bestände wird nie genutzt. Am stärksten nachgefragt sind die Akten aus dem Dritten Reich, denn ganz allgemein legen, wo es um die beiden Weltkriege geht, nicht nur Historiker ein brennendes Interesse an Militärgeschichte an den Tag.

Harder erklärt sich die Faszination des Krieges mit der Außerkraftsetzung moralischer Normen: „Plötzlich werden Verbrechen gefordert, Menschen sollen sterben. Es kommt zu Gewissenskonflikten.“ Dass Militärgeschichte für die meisten erst dann interessant werde, wenn sie auch zugleich Kriegsgeschichte sei, gehe aus den Anfragen im Archiv hervor. „Die Bundeswehr in Friedenszeiten interessiert keinen. Und bei den DDR-Akten fragen die Leute vor allem nach denen der Grenztruppen – da also, wo Menschen getötet wurden.“



Kapitulationserklärung im Panzerschrank

So umfangreich das Archiv, so knapp gehalten sind die zentralen Dokumente. Neun Blatt haben Hitler gereicht, um in der Akte „Barbarossa“ den Überfall auf die Sowjetunion zu planen. Gerade mal drei Seiten umfasst das wohl berühmteste aller Stücke: Die Original-Durchschläge der Kapitulationserklärung vom 8. Mai 1945, unterzeichnet auf deutscher Seite von Friedeburg, Keitel und Stumpff – „eine Art Verfügungsexemplar für Deutschland“, wie Harder erklärt.



Die wichtigsten Schriftstücke, darunter auch die französische Waffenstillstandserklärung von 1940 und mehrere Führerweisungen zur Planung des Krieges, lagern heute sicher im Panzerschrank – mit gutem Grund, denn über den ideellen und historischen Wert hinaus ließe sich damit auch eine Menge Geld machen. Wie in der Kunst liegt Schönheit offensichtlich auch bei militärgeschichtlichen Akten im Auge des Betrachters, wie in der Kunst bestimmt die Nachfrage den Preis. Und der ist bei Dokumenten aus dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere wenn es um prominente Nationalsozialisten geht, hoch. „Es gibt Leute in der rechten Szene, die eine ganze Stange Geld dafür zahlen würden“, sagt Harder. Erst kürzlich habe es sich ein Auktionshaus leisten können, eine Beförderungsurkunde von Rommel für rund 18 000 Euro anzubieten.

Das Militärarchiv in Freiburg

Nicht nur der Bestand, auch der Werdegang des Archivs liest sich wie ein Streifzug durch die deutsche Geschichte und dokumentiert das schwierige Verhältnis zu sich selbst, den gegensätzlichen Umgang mit der eigenen Schuld, das lange Ringen um eine ausgeglichene Positionierung. Noch zur Reichsgründung 1871 hielten die deutschen Kleinstaaten an ihren eigenen Archiven fest.

Als sich aber nicht zuletzt durch den Ersten Weltkrieg und den Protest gegen die Kriegsschuldthese des Versailler Vertrages rasch eine einheitliche Ideologie über den territorialen Flickenteppich legte und ein aufs Reich ausgerichtetes Nationalbewusstsein entwickelte, war die Zeit für eine gemeinsame Bestandsaufnahme gekommen. 1919 wurde das Reichsarchiv in Potsdam gegründet. Zugleich erhielt es einen Forschungsauftrag mit klaren politischen Vorgaben: „Es sollte nachgewiesen werden, dass der Erste Weltkrieg den Deutschen aufgezwungen worden, er aus deutscher Sicht ein Verteidigungskrieg gewesen sei“, erklärt Harder.



Trotz ihrer nationalistischen Färbung sind die Publikationen für Historiker heute von unschätzbarem Wert. Denn der Zweite Weltkrieg minimierte den Quellenbestand, aus dem sie geschöpft hatten, beträchtlich – durch die Luftangriffe, die das Reichsarchiv 1944 zerstörten, aber auch durch Hitlers Weisung, alle militärischen Akten zu vernichten. Was übrig blieb, wurde von den Siegermächten nach Kriegsende in die jeweiligen Länder verschafft. Erst ab 1954 fanden die westdeutschen Unterlagen ihren Weg wieder zurück; noch heute tragen sie Vermerke wie „captured enemy document section“.

1955 wurde für ihre Auswertung das Militärgeschichtliche Forschungsamt gegründet, das nun ausdrücklich neutral forschen und Wissenschaftsfreiheit gewährleisten sollte. Dieser Abkehr von der angewandten Forschung wollte der damalige Leiters des Forschungsamts, Oberst Hans Meier-Welcker, auch durch einen neuen Standort Rechnung tragen: weitab der Truppen, an einem Ort mit renommierten geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Schnell fiel die Entscheidung für Freiburg. Und da nun die Forscher im Schwarzwald saßen, wurde 1968 kurzerhand auch das Militärarchiv dorthin verlegt. Zwar musste das Forschungsamt im Zuge von Wiedervereinigung und Lastenausgleich 1994 nach Potsdam umziehen, und auch eine Verlegung des Archivs stand zur Diskussion. Ein Machtwort von Schäuble setzte derselben aber schnell ein Ende.



Auf den Spuren der Großväter

Die meisten Besucher im Militärarchiv sind heute laut Harder weder Wissenschaftler noch besonders militärbegeistert: „Typischer Nutzer ist die Enkelin, die sich auf die Suche nach Spuren ihres Großvaters im Zweiten Weltkrieg begibt – und den Verbrechen nachgehen will, in die er vielleicht verwickelt war.“ Aber auch Akten mit aktueller Brisanz, wie etwa im vergangenen Jahr die Filbinger-Prozesse, werden häufig angefragt.



Nachfrage und Bedeutung entscheiden schließlich unter anderem darüber, welche Dokumente in den zum Archiv gehörigen Werkstätten sorgfältig restauriert und auch auf Dia oder Mikrofiche abgefilmt werden. Die Haltbarkeit ist eine der großen Sorgen der Archivare. Auf Digitalisierung verzichten sie fast ganz, die sei zu schnelllebig, sagt Harder. „Wir denken hier in Generationen.“ Durch das Abfilmen sollen die wichtigsten Objekte auf etwa hundert Jahre hin konserviert werden. Dann, so die Hoffnung, sind vielleicht schon neue Techniken erfunden, um den Bestand zu sichern. Fast mit Wehmut beschwört Harder das Bild von alten Keilschriften auf Stein, die sich über Jahrtausende halten.

Zwei Weltkriege haben einige der Dokumente überstanden. Jetzt drohen sie, Schimmel und Papierfraß zum Opfer zu fallen.

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Web: Bundesarchiv - Militärarchiv