Bullerbü-Blues: Ein Tag mit dem Kind im IKEA Freiburg

Rebekka Sommer

Himmel oder Hölle: Was ist IKEA wirklich? Um das herauszufinden, war unsere Eltern-Bloggerin Rebekka einen ganzen Tag lang in Deutschlands beliebtesten Möbelhaus - und das samt ihrer Tochter Magdalena! Dabei fragte sie sich, wie familientauglich das schwedische Einrichtungshaus wirklich ist, was sein Restaurant zu bieten hat und wie man eine IKEA-Mutti wird.



Heissa! Heute ist es endlich so weit: Ich werde einen Tag bei IKEA verbringen. Auf der Suche nach Freiburgs familienfreundlichen Orten musste ich unweigerlich auf das schwedische Einrichtungshaus stoßen. Es soll Familien geben, die ganze Urlaube lang hier residieren. Als meine Tochter noch klein war, verstand ich das als Warnung. Doch nun, da Magdalena nach zwei gemeinsamen Einkäufen „IKEA“ in ihren Wortschatz aufgenommen hat, will ich das auch mal probieren und freue ich mich sogar darauf.


Schon Babys merken, wenn etwas für sie gemacht ist, und das gefällt ihnen dann: Kinderessen, Spielzeug, Hochstühle und die Krabbelecke im Restaurant, niedrige Treppenknäufe, Bionade, Softeis und vor allem andere Kinder - und all das findet man im IKEA. (Vom Kinderparadies Smaland mal abgesehen, das allerdings erst für größere Kinder interessant ist.)

Einen Tag bei IKEA stelle ich mir skandinavisch nett vor, mit vielen entspannten Müttern und fröhlichen Kindern.

 

Mittwoch, 9:30 Uhr

Die Euphorie ist schnell verflogen. Zwar habe ich einen Werktag ausgewählt, aber die Schulferien machen uns einen Strich durch die Rechnung. Trotz ungeöffneter Lagerhalle ist das IKEA-Restaurant rappelvoll. Ich wähle die falschen Brötchen für mein Frühstück und muss sie an der Kasse extra bezahlen. Dafür darf ich meinen Kaffeebecher den ganzen behalten. Am Kaffeeautomaten steht eine lange Schlange, und im Familienbereich gibt es nur noch einen winzigen freien Tisch für uns fünf: Magdalena (2 ½ Jahre) und mich sowie Judith mit Maja (4) und Mattis (1 ½ ). Es ist so laut, dass ich am liebsten wieder nach Hause fahren würde.



An den Nebentischen sitzen Mütter mit ihren Kindern, wahlweise Oma und Opa oder Freundinnen. Das ganze Umland ist angereist; ich höre Elztäler- und Markgräfler Dialekte aus dem Stimmwirrwarr heraus. Nebenan sitzt eine nette, blonde IKEA-Mutti mit zwei größeren Kindern, Oma und Tante. Anhand der Kleidung tippe ich auf Wiehre-Bewohner - Stiefelhose und weinrot melierte Strickjacke sowie Jako-o für die Kinder.

Brötchen und Kinderfrühstücke zu einem Euro stapeln sich auf den Tischen. Was machen all diese Leute hier? Das Feriengerücht scheint wahr zu sein. Armes Freiburg, wenn ein überfülltes Möbelhaus der einzige Ort ist, an dem Kinder ihre Eltern in Ruhe essen lassen.

Preis für ein Kinderfrühstück, ein Schwedenfrühstück, zwei Brötchen und eine Bionade: 5,75 Euro.

11 Uhr

Keine Besserung in Sicht. Die Schlange vor Smaland ist jetzt am längsten und das Restaurant füllt sich trotz geöffneter Markthalle. Irgendetwas piept seit einer Viertelstunde. Als das Geräusch verstummt, geht ein Raunen durch den Saal. Um Magdalena zu wickeln, schleppe ich sie durch die ganze Markthalle – sie würde lieber bei jedem bunten Möbelstück stehenbleiben. Später stelle ich fest, dass es oben auch einen Wickelraum gibt. Windeln sind gratis an der Kasse erhältlich, allerdings erst bei der dritten Verkäuferin, die ich frage.



Mattis spielt vergnügt in der Krabbelbars, Maja möchte ins Smaland, doch Judith ist angespannt, während sie Mattis im Gewimmel mit ihren Blicken verfolgt. Für ihren Geschmack ist hier alles etwas zu weitläufig, und das Essen taugt nicht wirklich. Für Smaland ist es schon zu spät, denn um 12 Uhr verschwinden die drei für den Mittagsschlaf nach Hause. Magdalena, die schon den ganzen Vormittag müde an mir klebt, weigert sich, einzuschlafen - so wie bereits seit 2 ½ Jahren. Eine Buggyfahrt auf dem IKEA-Parkplatz lässt uns etwas herunterkommen. Dann marschieren Dagmar und Elonie (9 Monate) an.

13 Uhr

Dagmar ist die Ruhe selbst und Elonie schläft und schläft. Meine Salatsoße schmeckt nach Spülmittel, die Tortellini nach zu viel Fett und ich frage mich, warum ich die letzten IKEA-Besuche so positiv in Erinnerung habe. Nett finde ich die Familientablettständer, mit denen man mehrere Menüs transportieren kann, plus den Plüschball, den Magdalena zu ihrem Kindermenü dazu bekommt. Als Elonie aufwacht, vergnügen sich die Mädchen mit dem bunten IKEA-Ball und einer Reiswaffel.



Preis für Lachsfilet mit Tortellini und Salat, einen Kinderteller, Saft, Wasser und Schokocreme: 12,50 Euro.

15 Uhr

Es wird ruhiger im IKEA-Restaurant. Dagmar verabschiedet sich mit einem Alibi-Einkauf, um ihren IKEA-Besuch zu rechtfertigen. Ich mache mit meiner Tochter einen Rundgang durch die Möbelwelt, und ein freundlicher IKEA-Mitarbeiter fotografiert uns in einigen Wohnzimmern. Magdalena entschließt sich im Kinderwagen doch noch zu einem Schläfchen, und ich hole im Restaurant mein Buch heraus.

Mir fällt wieder ein, dass ich mit Magdalena immer erst nach der Kita, also abends, hier gewesen war. Scheinbar ist das die beste Uhrzeit. Dass mein Kind ein Nachtmensch ist, hat einen Vorteil: Wir könnten bis 21 Uhr bei IKEA bleiben und uns in aller Ruhe ausbreiten.



16:30 Uhr

Telefonat mit Angela, kinderlos, in Berlin. Sie bemitleidet mich. Ob ich den Tag bei IKEA nicht abkürzen könne? „Jetzt wird´s doch gerade erst richtig gemütlich“, sage ich und fülle meinen Cappuccino auf. Tatsächlich wuseln nur noch acht Kleinkinder um ihre Eltern herum, und die Zusammensetzung der Anwesenden wird heterogener. Ein älteres Pärchen gestikuliert bei Milchkaffee und Obstsalat. „IKEA ist für mich irgendwie eckig“, sagt sie, und er nickt zustimmend. Ein Mann in Arbeitskleidung sitzt über seinem späten Mittagessen. Im Restaurant fragt mich ein Vater, ob ich wisse, wie die Apfelsaftzapfanlage funktioniere. Offenbar sehe ich wie jemand aus, der das weiß. Und das stimmt auch: „Sie müssen auf die andere Seite“, sage ich. „Die hier hat heute Morgen schon nicht funktioniert.“ Heissa, ich bin eine IKEA-Mutti geworden!

17 Uhr

Das Kind ist wach und erinnert sich hartnäckig an die Softeismaschine vom letzten Besuch. Weil ich selbst früher wegen irgendwelchen angeblichen Bakterien in der Maschine nie Softeis bekommen habe, gebe ich nach und freue mich mit allen Vorbeilaufenden über das eisklecksende, strahlende Kind. Dann noch ein Rundgang durch die Kinderzimmer. Noch einmal: „Schau mal Mama, was ich kann“ am Treppengeländer auf Kinderhöhe, an dem Magdalena sich so gerne festhält. Noch einmal Rennen durch die riesigen Gänge der Markthalle, übermütig und knapp an den Einkaufswägen vorbeigeschrammt. Dann ist es genug. Bevor das Kind eine Bullerbü-Neurose bekommt, brechen wir den IKEA-Tag ab.



Magdalena hat sich an zwei Plüschratten festgekrallt, die sie an der Kasse natürlich selbst bezahlt.

19:24 Uhr

Wir verlassen den IKEA-Parkplatz.

Wieder zu Hause lese ich die E-Mail-Absagen kinderloser Freunde, die ich zu meinem IKEA-Tag eingeladen hatte. Sie reichen von Ulis „Leider keine Zeit“ bis hin zu Tobis „Nicht so coole Idee, Bekka“. „Nun gut“, antworte ich, „warte ab, bis du Kinder hast.“

Mein Fazit: Das Möbelhaus kann lustig sein, wenn man für wenig Geld mal etwas Abwechslung ins Programm bringen will und zufällig Plüschratten braucht. Aber nicht vor 15 Uhr.

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