Büstenhalter tackern

Eva Hartmann

Gewichtshalbiererin Eva steckt mitten in ihrem ersten Motivationstief. Jede Menge Arbeit, Stress und eine private Krise zehren an ihren Nerven und nagen an ihrem Ehrgeiz. Was passiert ist und mit welchen –trotz allem positiven- Dingen sie sich derzeit über Wasser hält, schildert sie in ihrer heutigen Blogfolge.



Ich hatte während der letzten Wochen ein echtes Motivationsproblem. Irgendwas stimmte nicht mit mir. Zum einen hatte ich wirklich viel zu tun, scheinfrei wird man schließlich nicht von selbst. Außerdem habe ich wegen der Studiengebühren drei Jobs, die erledigt werden wollen.


Zum anderen ging es mir einfach nicht gut. Ich bin grundsätzlich kein seelisches Leichtgewicht und so manchen Ausnahmezustand gewöhnt; vor etwa zwei Wochen ist dann aber etwas passiert, was mir den (noch immer brauereipferdartigen) Allerwertesten so richtig auf Grundeis gehen ließ. Drei Nächte lang hatte ich derartige Panikzustände, dass sich mein ganzer Körper stundenlang ununterbrochen zusammenkrampfte.

Morgens hatte ich Muskelkater davon. Dies nur zur Veranschaulichung, wie mies es mir ging. Würde ich diesen Zustand nicht so deutlich beschreiben, könnte man als Außenstehender wahrscheinlich nicht nachvollziehen, dass einen eine private Krise derart lähmen kann, dass man nicht einmal mehr zum Sport gehen kann.

Lähmung scheint hier tatsächlich das passende Wort zu sein. Ich war tatsächlich irgendwie bewegungsunfähig während dieser Tage. Glücklicherweise ist dann noch mal alles gut gegangen, aber dieses Ereignis hat seine Schatten auch noch auf die nächste und übernächste Woche geworfen.

Statt der üblichen drei bis vier Male war ich selten öfter als zweimal pro Woche im Fitness-Studio; letzte Woche nur einmal, und wenn ich das nächste Mal gehe, wird dies das erste Mal seit fast anderthalb Wochen sein. Ausreden hatte ich natürlich jede Menge: Mal war es der Unistress (der mich aber doch sonst auch nie abgehalten hat), dann war mir mal schlecht, einmal war ich zu müde und zuletzt waren die Orkanwarnungen mein Alibi (wo mich sonst nicht der stärkste Regen davon abhalten konnte, trainieren zu gehen). Bitter.

Umso größer ist natürlich jetzt meine Angst, auf die Waage zu steigen – seit Weihnachten habe ich mich nicht mehr gewogen und mit jedem Tag, den ich es weiterhin nicht tue, wächst die Angst, doch wieder zugenommen zu haben. Weil ich mich aber noch weniger dem Frust aussetzen will, der sich einstellen würde, wenn ich tatsächlich zugenommen hätte, traue ich mich gleichzeitig mit jedem weiteren Tag noch weniger, es endlich zu tun.



Bis ich mich diesem digitalen Monster in meinem Badezimmer wieder stellen können werde, werden vermutlich Wochen vergehen. Wahrscheinlich klappt das erst wieder, wenn meine derzeit passenden Klamotten deutlich zu groß geworden sind und das Ergebnis auf der Waage demzufolge gar keine andere Chance hat, als positiv auszufallen.

Bis es soweit ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als irgendwie zu meiner ursprünglichen Motivation zurückzufinden und meine Abnehmfortschritte anhand anderer Dinge als rot leuchtender Digitalzahlen festzumachen.

Immerhin gibt es da derzeit zwei Indizien, die entweder auf Materialermüdung oder auf ein tatsächliches Schlankerwerden hinweisen: Zum einen ist mir meine Armbanduhr zu weit geworden. Als ich sie mir Ende Juli kaufte, passte das Armband kaum um mein Handgelenk. Die Frau, die sie mir im Laden anlegte, brauchte mehrere Minuten und musste gegen Ende ein wenig unsanft werden, um die beiden Teile des Verschlusses endlich zuzubekommen.

Letzte Woche fing mich diese Uhr dann plötzlich an, irgendwie zu nerven. Nach ein paar Tagen fiel mir endlich der Grund dafür auf: Sie schlackerte und rutsche an meinem Handgelenk herum. Dauernd hing die Uhr an der Innenseite, und der Verschluss an der Außenseite meines Handgelenks und die Kettenglieder machten blöde Klackergeräusche, wenn ich beispielsweise aus der Tastatur tippte – meine Uhr war tatsächlich zu weit geworden.

Viel zu weit: ganze zwei Glieder musste ich aus der Verschlusskette entfernen, bis sie wieder stramm saß. Demzufolge müsste mein Handgelenk um satte drei Zentimeter an Umfang verloren haben – klingt irgendwie ziemlich viel für so ein kleines Gelenk.

Wenn ich mich da allerdings mit anderen Leuten vergleiche, sieht mein Handgelenk noch immer ziemlich speckig aus und ein Knöchel ist da auch nur mit viel gutem Willen zu erkennen. Schätzungsweise können da noch drei weitere Zentimeter runter, bis man meinen Unterarm auch schon auf den ersten Blick von einem zu schwach pigmentierten Elefantenrüssel unterscheiden kann.



Zum anderen sind die Träger eines meiner BH ebenfalls so weit geworden, dass sie dauernd über die Schultern rutschen. Auch an der Seite ist auf einmal Stoff übrig; dort steht der BH deutlich ab, was ziemlich doof aussieht. Verführen kann ich mit diesem Ding jetzt wohl niemanden mehr, aber da ich kein Geld für neue Unterwäsche habe, muss dieser BH wenigstens noch eine Zeit lang irgendwie seinen Dienst tun. Wenigstens an den zu weiten Trägern kann man ja was ändern – und wie macht man das als findige Studentin? Richtig: man liest erst mal ein Buch über die Geschichte und die Theorie des Nähens. Oder man greift, wie ich es getan habe, zum nächstbesten Schreibtischutensil und tackert die Träger einfach fünf Zentimeter kürzer. Funktioniert ganz einfach, geht schnell und hält selbst meine mittlerweile „nur“ noch 90D im Zaum.

Nichts desto trotz darf ich mir nichts vormachen: So selten, wie ich während der letzten drei Wochen im Fitnessstudio war, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich tatsächlich abgenommen habe, verschwindend gering und die Annahme, dass der BH einfach bloß ausgeleiert ist und sich das Leder des Uhrenarmbandes nur gedehnt hat, die realistischere. Es ist viel eher davon auszugehen, dass mich der Schlendrian dieser letzten Wochen wieder um ein oder zwei Kilo zurückgeworfen hat.

So kann das nicht weitergehen, ich muss es irgendwie schaffen, zu meinem alten Ehrgeiz zurück zu finden, sonst werde ich mein Ziel nie erreichen.