Bücherversteller im Hausarbeitskampf

Helena Barop

Hausarbeitenzeit: lesen, viel Kaffee trinken und manchmal Nächte durcharbeiten. Für die Freiburger Juristen ist der Stress gerade besonders groß, denn im juristischen Seminar verschwinden immer wieder Bücher von ihren Plätzen. Faulheit, Bosheit oder Konkurrenzdruck? Was bewegt Freiburgs Bücherversteller?



Es ist schon fast zehn Uhr abends. Gleich wird die Bibliothek geschlossen und immer noch fehlt der Kommentar zum Strafvollzugsgesetz, der die Hausarbeit noch retten soll. Ausleihen kann man ihn nicht. Wo ist er geblieben?


Die Studenten im juristischen Seminar wissen es genau. Irgendwo zwischen zwei Büchern mit ähnlichen Buchrücken, vielleicht auch hinter einer Bücherreihe, gut versteckt vor der Konkurrenz, nur zugänglich für den einen, der das begehrte Buch dort verborgen hat. Reserviert für den Bücherversteller.



Der nächste Tag. Ein paar jüngere Studenten aus dem dritten Semester machen gerade Pause. Bei den Schließfächern trinken sie einen Kaffee und nehmen ihre Kommilitonen in Schutz. Verstellte Bücher? Klar, das haben sie auch schon erlebt, aber das sei sicher nur Faulheit, glauben sie. Die Leute hätten einfach keine Lust, ihre Bücher wieder einzuordnen.

Zwei ältere Kolleginnen sind da pessimistischer. "Die halbe UB verstellt Bücher!", da sind sie sicher. Die Juristen sind da ganz schlimm, diese Erfahrung machen die beiden immer wieder. Herausgerissene Seiten und die Verbreitung falscher Gliederungsvorlagen sind keine Seltenheit. Über ihre Hausarbeit reden die beiden nur mit engen Freunden. Kollegialität erleben sie kaum, dazu sei die Konkurrenz zu groß. Aber warum gerade die Juristen? Sie haben einen schlechten Ruf. Es heißt, bei ihnen sei der Kampf um die Hausarbeit rücksichtsloser als in den anderen Fakultäten.

Doch es ist keine Boshaftigkeit, die die Studenten zu solch rohen Umgangsformen bringt. "Am Ende geht es eben nur um die Note", sagt eine der beiden Jurastudentinnen mit einem Schulterzucken. "Ich habe noch nie Bücher verstellt, aber ich kann das gut verstehen. " Bei 300 Studenten, die alle mit der gleichen Aufgabenstellung um ihre juristische Karriere kämpfen, ist der Druck groß. Da kommt leicht die Vorstellung auf, alles hinge von einem einzigen Buch ab. "Einmal hab' ich einen Freund von mir gefragt, wo er dieses Buch her hat. Als ich es gesucht habe, war es immer weg. Da hat er mir gezeigt, wo er es versteckt", erzählt eine der beiden Juristinnen. Namen nennt sie natürlich nicht.



Zweimal im Jahr werden die acht Regalkilometer der Bibliothek im juristischen Seminar aufgeräumt. "Ich gehe dann einen Bestand von ungefähr 5000 Büchern durch. Normalerweise finde ich 20 Versteller", sagt der akademische Direktor, Günter Paschek. Seit 20 Jahren leitet er die Bibliothek. Besonders oft verschwinden seiner Erfahrung nach die "juristischen Kochbücher", also die Arbeitsanleitungen, wie zum Beispiel die "Zehn Fälle aus dem BGB". Manchmal ärgert er sich über Studenten, "die sich schon wie die jungen Staatsanwälte vorkommen, aber dann die Bücher nicht richtig wieder richtig einordnen."

Die Bibliothekare sehen sich nicht in der Lage, die Bücherversteller zu bestrafen. Das klappt deshalb nicht, weil das gezielte Umstellen schwer zu beobachten, geschweige denn nachzuweisen ist. Was bleibt ist leider meist verlorene Zeit für die suchenden Studenten.