Buchtipp: Allison Pearson - Working Mum

Rebekka Sommer

In unserem neuen 'Eltern in Freiburg'-Blog wird Bloggerin Rebekka auch das ein oder andere Buch empfehlen. Allerdings keine Erziehungsratgeber, sondern Bücher, die sich unterhaltsam mit dem Thema Elternschaft und Erziehung auseinandersetzen. Zum Start widmet sie sich 'Working Mum' von Allison Pearson - einem echten Klassiker des 'Berufstätige Eltern-Roman'-Genres.



Elternratgeber nerven. Zugegeben, auch ich war nach der Geburt meiner Tochter verunsichert, auch ich habe die ideale Schlafmenge und Kotkonsistenz meines Babys gegoogelt und in Elternforen Detailfragen à la „meine Tochter ist 7 Monate alt, 70cm lang und wiegt nur 6,7 Kilo, zwischen 6 und 7 Uhr trinkt sie 160ml Milch, mittags bekommt sie 190g Brei und später nochmal 100ml […] ist das normal?“ gestellt. Und da war ich nicht die einzige, das Internet birst über vor „besorgte Eltern“-Texte.


Trotzdem.

Ihre Inhalte mögen korrekt sein, aber man kann ihnen ja kaum entkommen, den Ratschläge erteilenden Pädagogik-Gurus in Buchform. Sie lauern in jeder Kinderarztpraxis, allen Buchhandlungen und als Lesetipps in meinem Amazon-Profil. Deshalb will ich im Elternblog keine Erziehungsratgeber rezensieren, denn die findet ihr bei Interesse ganz von alleine. Lieber möchte ich Euch Literatur vorstellen, die das Eltern- oder Kind-Sein unterhaltsam in ein besonderes Licht rückt. Ein solches Buch, vielleicht der Klassiker berufstätiger Eltern, ist Working Mum von Allison Pearson.

Mein erster Gedanke: Klischeeeee. Was habe ich mit einer arbeitssüchtigen Fondsmanagerin mit Putzhilfe und Kindermädchen gemeinsam, die sich nach ihrer Heimkehr von der Geschäftsreise in die Küche stellt, um auch noch vor einer Clique überdrehter Hausfrauen und Übermütter das Gesicht zu bewahren? Das dürfte der Realität der wenigsten jungen Familien entsprechen und dass nicht alle Mütter perfektionistisch sind, dafür bin ich selbst das beste Beispiel.

Aber irgendwie hat es mich dann doch gepackt, und das hielt 500 Seiten lang an. Als Satire auf das Superweib lebt „Working Mum“ vom bissigen Humor der britischen Journalistin Allison Pearson, die das Leben ihrer Kate Reddy mit überspitzten Anekdoten ausmalt, die viele, viele Frauen ihr in Briefen geschildert haben. Alltäglicher Chauvinismus in der männlich dominerten Börsenwelt kommen darin vor, und eine enttäuschte Familie, wenn die Mutter spät abends heimkehrend Anweisungen erteilt oder sich extra lang die Zähne putzt, um Sex mit dem Ehemann zu vermeiden, weil das Zeit spart.

Stattdessen stellt Kate sich spät nachts in die Küche und fälscht einen Supermarktkuchen mit Zuckerguss, damit er wie selbst gemacht aussieht und den Ansprüchen der „Muffia“ genügt – den Privatschulmüttern der Londoner Elite, die ihre Kinder aus Sorge um deren Zukunft überwachen, hätscheln und zurechtbiegen.

Die Muffia und die Männerschweine sind die Feder, die Kates Rädchen antreibt. Und das macht sie wichtiger als die sympathisch wirkenden Freundinnen, Kates Mutter und ihren geduldigen Ehemann. Alle wirklich wichtigen Personen vertröstet, verkennt und vergisst Kate, weil sie einen Fehler haben: Sie sind aus der Arbeitswelt ausgestiegen. Kates eigene Schwäche: Nicht loslassen können. Alles erledigt sie selbst, vom Teppichkauf bis hin zum Bekochen der kinderlosen Architektenfreunde, die angesichts der Knetmasse an der Kuchengabel höflich lachen, über angesagte Filme sprechen und sich ganz besonders überschwänglich verabschieden, um wieder nach Hause auf das eigene, rotzfreie Sofa zu gelangen.

„Manchmal, wenn ich mit Paula (dem Kindermädchen) und den Kindern zusammen bin, hab ich so ein Gefühl wie damals in der Schule, als drei Mädchen in meiner Klasse plötzlich eng befreundet waren, offenbar über Nacht.“ Dass Paula die Kinder mit Chicken Nuggets füttert, statt mit Gemüse, nimmt Kate hin. Genauso wie die Marotten der Putzfrau, die nicht schwindelfrei ist und keine Fenster putzen kann und aufgrund ihrer Rückenbeschwerden nicht in alle Ecken kommt. Um Harmonie zu bewahren, besticht sie das Kindermädchen mit Extrageld und die Kinder mit Süßkram und scheußlichen Pipi-Puppen.

Auf dem Weg zur Arbeit. „Mummy, mein Bauch tut weh. Mummy, bringst du mich heute Abend ins Bett? Es ist der erste Tag nach den Schulferien, Emily ist in diese Atta-datta-Babysprache zurückgefallen, die sie benutzt, wenn ich weg war oder im Begriff bin, wieder einmal wegzufahren. Mich macht das wahnsinnig.“ Kate verspricht, Emiliy ins Bett zu bringen, doch eine Besprechung wird vorverlegt, und sie muss nach Deutschland fliegen.

Trotzdem aller nicht erfüllten täglichen Ansprüche rüttelt Kate ihre Kollegin auf, die ungeplant schwanger ist und abtreiben will: „Weißt du, die beiden Tage, an denen ich meine Babys gekriegt hab?“ Sie nickt. „Also wenn ich nur zwei Tage aus meinem Leben behalten könnte, dann wären es diese.“ „Warum?“ „Ehrfurcht.“

Doch wie es die Tragödienlehre will, birst Kates zusammengeschustertes Familien- und Arbeitsleben in alle Stücke. Eine Ratte im Haus ist nur der Vorbote, der die überfällige Trennung von der Putzfrau mit sich bringt. Eine Freundin stirbt, eine Kollegin wird gedemütigt und Kates Mann nimmt sich eine Familienauszeit. Der Ausweg, den Kate aus der Misere findet, mag nicht alle Leser befriedigen, doch er ist nah an der Realität und eins steht fest: Kate Reddy gibt niemals auf.

Allison Pearson
Working Mum
ISBN 3499238284
rororo
480 Seiten
9,95 Euro

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