Buch-Rezension: Klick - Strategien gegen die digitale Verdummung

Philip Hehn

Die Autorin Susanne Gaschke wirft in ihrem gerade erschienenen Buch "Klick – Strategien gegen die digitale Verdummung" einen skeptischen Blick auf uns und unsere Gesellschaft im Zeitalter des Internet. Erkennt ihr euch wieder?



Gaschkes neuer Mensch ist auf gut deutsch ein armes Schwein. Bei der Arbeit kriegt er nichts gebacken, weil er ständig privat im Internet rumsurft oder Mails bekommt, und er bekommt so viele Mails, weil alle anderen ihm, wenn sie bei der Arbeit nichts gebacken kriegen, schnell eine Mail schicken. Nach der Arbeit kann er nicht ausspannen, weil sein Chef Samstagnachmittag noch schnell eine Mail auf den Blackberry schickt. Er ist ständig erreichbar, aber nie ganz da.


Er surft nebenher so viel, weil er weiß, dass er eh nur ein halbes Jahr bei der Firma bleiben wird, und ohne Perspektive hat er keinen Anreiz, sich anzustrengen – nach ihm die Sintflut. Seinen Frust über diesen Zustand kann er nur durch Konsum abbauen, weil er dank sozialer Netzwerke und seine freiheitsliebende Lebensweise keine Freunde und keinen Partner hat, und wenn er shoppt, kauft er lieber Computerspiele als Bücher, denn dank Internet ist seine Aufmerksamkeitsspanne hinüber.

Wie Forscher feststellen, nutzt er von seinen Google-Suchergebnissen nur die erste Seite, von Texten im Internet liest er nur die erste Zeile und überfliegt den Rest, dann springt er zur nächsten Seite und wiederholt den Vorgang. Deshalb werden diese Seiten zunehmend auf dem Leseniveau der achten Klasse geschrieben. Seinen Lebensstil betrachtet er als schick, modern und befreit, und wenn er ihn nicht als schick, modern und befreit betrachtet, sagen sein Chef, die Meinungsführer in den Medien und der Politik, und seine schicken, modernen und befreiten Freunde, er sei ein Spießer.

Sein Handy sagt dem Rest der Welt, wo er ist. Auf Facebook kann man nachsehen, mit wem er was raucht und Google merkt sich alles, wonach er so sucht, um ihm bessere Suchergebnisse bieten zu können. Die Regierung, seine Krankenkasse und sein Chef springen auf seinen Datenzug auf und fahren ein paar Stationen mit, und er findet das total praktisch, bis eines Tages seine Krankenkasse unter Hinweis auf seinen Haschkonsum die Beiträge erhöht.

Seine Nachrichten bekommt der Neue Mensch online, denn er will sofort über alles informiert werden. Dadurch, dass er ständig am Computer sitzt, braucht er auch ständig neue Nachrichten, und die bekommt er. Er kann sogar selber mitmachen, Bilder einschicken, Leserreporter spielen, Kommentare schreiben, ein Blog aufmachen, und die Medienunternehmer fühlen sich dadurch nicht angegriffen, sie finden das klasse! Denn dank seiner Gratismitarbeit – Crowdsourcing genannt – brauchen sie keine teuren Journalisten mehr.

Leider prüft die Nachrichten jetzt keiner mehr nach, also ist viel davon falsch, und niemand hat die Zeit, eine interessante Reportage zu machen oder auch nur Zusammenhänge herauszuarbeiten, weil alle nebenher noch einen bezahlten Job haben. Der Nutzer lässt sich eine Weile mit Quatsch und Tratsch berieseln, bis ihn das stresst, und dann liest er lieber keine Nachrichten mehr. Nur noch ein paar Blogs.

Es gibt Millionen Blogs, also liest er nur die, die ihm am besten gefallen, und am besten gefallen ihm die, mit denen er übereinstimmt. Die Blogkultur, so Gaschke, führt zu einer zunehmend insulären und dadurch radikalisierten Denkkultur, in der abweichende Meinungen und Quellen gar nicht erst wahrgenommen werden. Informierte politische Entscheidungen seien so nicht möglich, adios Demokratie.



Einer der Pfeiler von Gaschkes Rezept gegen diese Misere ist simpel und verblüffend erfreulich: Romane. „Wer liest, lernt denken; lernt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen; mitzufühlen; Fremdes zu verstehen, innere Bilder zu produzieren, die ihm ganz alleine gehören. Wer liest, hat die Chance, Luft zu holen und Distanz zu gewinnen – zu sich selbst und der Welt“. Lesen fördere Empathie in einem Ausmaß, das durch die Außenansicht einer Film- oder Spielfigur nicht zu erzielen sei.

Gerade Kinder aus sozial schwachen Familien, aber immer mehr auch Kinder aus der Mittelschicht, schreibt Gaschke, erfahren dies aber zuhause nicht mehr und lernen es in der modernen, computerbegeisterten Schule auch nicht: Berauscht von der Masse an vom Privatkonzern Google monopolartig erschlossenen, nach gänzlich undemokratisch ausgearbeiteten Kriterien gefilterten und zur Verfügung gestellten Informationen werde vergessen, dass Inhalte hinterfragt, verstanden, systematisiert und verarbeitet werden müssen. Ein schlichtes Gemüt mit Google und Wikipedia ist bleibt ein schlichtes Gemüt.

Die sorgfältige Lektüre von Büchern erreiche das Gegenteil von punktueller und schnell vergessener Wikipedia-Bildung, nämlich kritisches, distanziertes, sorgfältiges Denken und einen Sinn für Zusammenhänge. Letztlich sei es nötig, die übertriebenen Heilsversprechen der Internetpropagandisten – sie nennt sie „Digitalisten“ – zu hinterfragen, die Schulen zurück zur Vermittlung von Inhalten und Denk- und Arbeitstechniken zu führen und Kinder von Fernseher und Computer fernzuhalten und ganz altmodisch „von Hand“ zu erziehen.

Gaschke beklagt in „Klick“ eine Gesellschaft, die von einer atemberaubenden technologischen Revolution, grassierendem Narzissmus und konsumseliger Haben-will-Infantilisierung berauscht ist. Neoliberale, Technologieunternehmer und –begeisterte sowie sich an diese Propheten des Fortschritts anbiedernde Politiker beschleunigen die Entwicklung noch nach Kräften, während einigen Passagieren langsam mulmig wird und das Gebälk von Medien, Demokratie und Wirtschaft knirscht.

Sie schreibt, Technologie und der durch sie möglich gemachte Wandel seien nicht gottgegeben, es sei vielmehr wichtig, sich klar zu machen, was wir mit diesen neuen Mitteln eigentlich erreichen wollen. Gaschke fordert dazu auf, stehenzubleiben und sich zu orientieren, wo wir so schnell hinwollen.

Der bei einer derart umfassenden Kritik nahe liegende Vorwurf, um des verkaufszahlenfördernden wohligen Gruselns Weltuntergangsstimmung zu verbreiten, scheint daher nicht angemessen. Letztlich fordert Gaschke dazu auf, sich die Kontrolle über das eigene Leben nicht aus der Hand nehmen zu lassen, sondern im Interesse der Chancengleichheit (früher hätte man gesagt "„Solidarität"“), der nachwachsenden Generation und des Lesers selbst den Mund aufzumachen und sich einzusetzen. Optimistischer geht’s eigentlich nicht.

Mehr dazu:

Susanne Gaschke
"Klick - Strategien gegen die digitale Verdummung"
Verlag Herder
1. Auflage 2009
ISBN 978-3-451-29996-4
19,95 Euro

[Foto: Heder Verlag/ Martina Oppermann]