"Bube Stur": Moritz Krämer hat ein Schwarzwald-Freiburg-Drama gedreht

Tamara Keller

Auf der Berlinale und in Kopenhagen war er schon, Montréal soll folgen, jetzt ist Freiburg dran: An diesem Donnerstag läuft der erste Langzeitspielfilm "Bube Stur" des im Schwarzwald aufgewachsenen Filmemachers Moritz Krämer auf dem Filmfest. Er handelt von der Berlingöre Hanna, die auf einem Bauernhof im Schwarzwald Arbeitsstunden absolvieren muss:



Wieso heißt dein Film „Bube Stur“, wenn es auf den ersten Blick um ein Mädchen geht?

Moritz Krämer: Als wir das Buch geschrieben haben, hatte ich das Gefühl, dass es eine dramaturgische Hauptfigur gibt, das wäre dann Hanna, die junge Frau aus Berlin, die die Handlung vorantreibt. Und Uwe die thematische Hauptfigur. Ich wollte, dass der Titel sich auf beide bezieht.

Der Uwe, der spricht ja auch Alemannisch. Wie findet man denn alemannische Schauspieler?

Ich habe kaum Schauspieler gefunden, die dieses Alemannisch was man ganz unten spricht, sprechen. Mir war es wichtig, dass es so klingt wie in dem Dorf in dem ich aufgewachsen bin. Mir kommt es so vor, als ob das Alemannische eher nach innen geht, und nicht wie im Hochdeutschen nach außen sendet. 

So wie zum Beispiel die Sprache Spanisch ihren eigenen Singsang hat, so hat das auch der Dialekt Alemannisch. Aber das ist eher eine gewagte These, ich weiß nicht ob man das generalisierend so sagen kann. Bei den Schauspielern hatte ich eher das Gefühl, dass sie senden.

Deswegen habe ich irgendwann angefangen jemanden zu suchen, der im Alltag auch Alemannisch spricht. Uwe wird gespielt von Niels Braun aus Inzlingen und der ist ein alter Freund von Francesco Wilking (Tele), mit dem ich zusammen in Berlin Musik mache. Ich musste Niels aber ein bisschen überreden, weil er keinen Bock hatte. Und dann habe ich ihn solange genervt bis er ja gesagt hat.

Wenn es so sehr auf die Sätze ankam - wurden diese dann manchmal auch im Drehbuch geändert?

Im Drehbuch standen die Dialoge so wie ich mir geschriebenes Alemannisch vorstelle. So sind wir dann auch in die Probe gegangen. Wenn ich dann aber zum Beispiel geschrieben habe “Du Simpel!” und Niels gesagt hat: „Simpel würde ich niemals sagen - bei mir würde es 'Du Pfosten' heißen“, dann hat er das auch gesagt.

Und wenn er gesagt hat: „Ich würde gar nichts sagen an der Stelle. Das ist total komisch, dass ich das kommentiere. Ich würde mir einfach nur meinen Teil denken und dafür in der nächsten Szene misstrauischer reagieren“, dann haben wir das so gemacht wie er das machen würde.

Wie kam denn das Alemannisch in Berlin an, als der Film auf der Berlinale gezeigt wurde?

Wie die Sprache oder irgendwelche Details ankommen, dass kann ich nicht so genau sagen, weil das wie nach einem Konzert ist: Es kommen nicht die Leute zu dir, die das Konzert scheiße fanden, sondern es kommen die, die es gut fanden.

À propos Konzert: Du bist ja Musiker, aber dein Film lebt oft durch stille Momente – abgesehen von Kid Kopphausens “Das Leichteste der Welt” im Abspann ist eigentlich nur sehr selten Musik zu hören. Warum hat du größtenteils auf Filmmusik verzichtest?

Es gab kein Dogma, dass es keine Filmmusik geben soll. Aber wir haben im Schnitt gemerkt, dass es komisch wäre Emotionen mit Musik zu pushen. Es ist ja ein sehr kleiner Film, der keine riesigen emotionalen Bögen und Umschläge hat. Die wollten wir nicht künstlich verstärken. Musik kommt nur in der filmischen Welt vor.

Du zeigst viel von der Landschaft und arbeitest mit Klischees: Zum Beispiel gibt es Schwarzwälder Speck und ein Rothaus-Zäpfle zum Abendbrot. Wie viel Heimatgefühl hast du in den Film gepackt?

Ich habe in ganz vielen Punkten versucht den Film mit dem zu erzählen, was ich mit der Heimat verbinde und nicht wie es in Wirklichkeit im Moment ist. In der Kneipe läuft heute natürlich nicht wirklich die Musik von Tele. Im Film aber läuft die Band Tele, weil ich sie mit Lörrach verbinde.

Das Moped sieht so aus wie eines, dass die Jungs damals immer hatten. Und mit dem Essen – so isst Udo Steinebrunner, auf dessen Hof wir gedreht haben, zu Abend. Wir hatten den Speck von ihm. Es gibt Szenen in einem Doku-Porträt, das ich 2008 zusammen mit Patrick Jasim über Udo gedreht habe, da war er gerade im Milchstreik. In der Doku sind Szenen und Bilder, die ich dann ins Spielfilmdrehbuch übernommen haben.

Wieso hat die Doku dich angespornt, einen Langzeitspielfilm daraus zu machen?

Ich fand das damals interessant. Udo kenne ich von früher. Die Probleme, die er gerade hatte, als er 2008 im Milchstreik war, haben mich interessiert. Aber erstmal wusste ich darüber so gar nichts, weil das nicht meine Lebenswelt ist. Der Spielfilm handelt davon, dass eine Person, die ein eigenes Problem hat, von außen in die Welt von Uwe Steinebrunner reinkommt und versucht zu beobachten.

Das war die Setzung: Ab wann die Figuren für das Problem von dem Anderen Interesse zeigen und vielleicht anfangen Verantwortung für den Anderen zu übernehmen. Und diese Grundidee kam eigentlich von dem Dokuporträt, weil ich mit Patrick, der damals die Kamera gemacht hat, auch von außen in Udos Welt reingeguckt habe und das verstehen wollten.

Dem Zuschauer bleibt nix erspart: Er darf beim Schlachten eines Schweins, beim ausmisten der Kühe und bei einem traditionellen Dorffest reinschauen. Wie kamen diese Szenen zustande?

Genauso wie wir in einem echten Bauernhof drehen wollten und nicht im Studio drehen wollten, wollten wir auch mit Leuten drehen, die dann auf eine Weise dokumentarisch. Wir haben zum Beispiel gemeinsam mit den Schönebergern ein Dorffest organisiert und dann die Szenen innerhalb dieses Festes inszeniert und eigentlich nur die Leute gebeten nicht in die Kamera zu gucken.

Bei der Szene mit dem Schwein kam der Schlachter vorbei, mit dem Udo Steinebrunner immer schlachtet. Dann haben sie so wie sie es immer machen das schwein geschlachtet und unsere Hauptdarsteller standen mit im Bild. Das war unser Ansatz. Wir wollten einen Film drehen, bei dem die Kamera sowohl echte als auch inszenierte Dinge beobachtet und keine zeigende Funktion hat, nicht vorschwenkt, sondern eher zu spät kommt. Ein Handkamerafilm halt. Die Kamera rennt den Protagonisten hinterher und guckt was sie so machen.

Wie haben denn die Leute in Schönenberg reagiert? Die kennen dich doch sicher noch von früher?

Na klar, ich bin ja da aufgewachsen. Die haben uns die ganze Zeit mit allem geholfen. Jemand hat uns seinen Traktor geliehen und jemand aus einem anderen Dorf sein Moped. Oder wir standen an der Straße und haben gemerkt, dass ein Requisit fehlt und haben dann kurz bei jemanden geklingelt, ob er uns einen roten Koffer leihen kann. Oder die Freunde von meinen Eltern kamen vorbei und haben uns Kuchen gebracht. Das war toll. Wir sind natürlich nicht besonders schnell gewesen mit dem Film. Weil so ein Studentenfilm sich ganz schön hinziehen kann, wenn niemand bezahlt wird in der Postproduktion. Aber inzwischen müssten alle eine DVD bekommen haben.

Hat man als Regisseur eigentlich auch eine Lieblingsszene?

Klar habe ich Szenen, die ich besonders mag. Nicht alle davon sind im Film gelandet. Ich mag die Tanzszene zum Beispiel sehr gerne - die Musik und wie die Zwei so vorsichtig anfangen miteinander zu tanzen und er den Arm aus der Schlinge nimmt.

Am Freitag bist du auch zur Vorführung von Bube Stur am Filmfest zu Gast. Auf was freust du dich am meisten? Hast du besondere Erwartungen?

Ich freue mich, dass er gezeigt wird, weil wir dort gedreht haben. Bei der Berlinale traf ich manchmal nach dem Screening Leute, die ursprünglich auch von da unten kamen und mit mir über den Dialekt und Dinge, die sie seltsam oder unrealistisch fanden, sprachen. Auf solche Gespräche freue mich.



Zur Person

Moritz Krämer wurde 1980 in Basel geboren, “weil meine Mutter mit mir im Bauch über die Grenze gefahren ist und mich dort zur Welt gebracht hat”. Er wuchs in Schönenberg bei Schönau auf, hat aber im Gegensatz zu seinen Filmfiguren nie richtig Alemannisch gelernt, weil seine Eltern zuzogen sind und sein bester Freund ebenfalls nicht Alemannisch sprach. Bis zur 12. Klasse ging er in Schönau zur Schule, die 13. Klasse absolvierte er dann in Freiburg und machte danach dort noch seinen Zivildienst.

Er studierte Video und Text an der Universität der Künste in Berlin und arbeitete dort als Videokünstler, Komponist, Liedtexter und musikalischer Leiter an verschiedenen Theatern. Seit 2008 studiert er zudem an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, wo er irgendwann noch gerne seinen Abschlussfilm machen würde. Da er zudem als Singer/Songwriter tätig ist, arbeitet er momentan mit seiner Band “Die höchste Eisenbahn” an einer neuen Platte - gemeinsam mit seinem Kumpel Francesco Wilking.

Mehr dazu:

Was: "Bube Stur"
Wann: Donnerstag, 23. Juli 2015, 19 Uhr (zu Gast: Darsteller Niels Braun und Monika Wiedemer), Wdh. Freitag, 24. Juli 2015, 16.45 Uhr (zu Gast: Regisseur Moritz Krämer)
Wo: Friedrichsbau, Kaiser-Joseph-Str. 268-270, 79098 Freiburg
Eintritt: 7,50 Euro, ermäßigt 7 Euro [Film-Fotos: Patrick Jasim/Promo, Foto Moritz Krämer: Promo]