Einbürgerungsfeier

Briten sind jetzt auf Platz 2 der Neu-Freiburger

Anja Bochtler

Der Brexit wirkt sich bis in den Breisgau aus: Bei der städtischen Einbürgerungsfeier wurden 35 Britinnen und Briten als Neu-Freiburger eingebürgert. Noch mehr neue Staatsbürger kamen nur aus dem Kosovo.

Noch nie haben so viele Britinnen und Briten den deutschen Pass beantragt wie 2017. Sie wurden damit zur zweitgrößten Gruppe unter den Eingebürgerten. Auch insgesamt lassen sich immer mehr Menschen einbürgern. Bei der städtischen Feier für die 545 neuen Deutschen am Samstag im Historischen Kaufhaus gab’s gute Stimmung, mitreißende Musik vom Heim- und Fluchtorchester und anrührende Beiträge vom Verein "Zusammen leben", der den Freiburger Integrationspreis gewonnen hat.


Seit 15 Jahren in Freiburg – jetzt wollte Stephen Altoft den deutschen Pass

Stephen Altoft (44) liegt doppelt im Trend: Er hat sich für den deutschen Pass entschieden, und er stammt aus Großbritannien. In Freiburg lebt er seit 15 Jahren, dass er ausgerechnet 2017 die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte, liegt vor allem am Brexit. "Man weiß nicht, was sich nun verändert", sagt der Trompeter und Trompetenlehrer, der in Nordengland aufwuchs. Das habe ihn verunsichert: "Ich habe mich immer als Europäer gefühlt. Und ich habe hier in Freiburg ein nettes Leben und meinen Beruf. Das will ich nicht aufgeben."

Zur Feier ist er mit seinem Kollegen gekommen: Alfredo Mendieta (54) stammt aus Chile, ist Flötist und Flötenlehrer, lebt hier seit mehr als 30 Jahren und hat sich zusammen mit seiner Frau und den zwei Kindern einbürgern lassen. Er will endlich mehr mitbestimmen und wählen können: "Das ist jetzt besonders wichtig, weil die Zeiten schwierig sind."
Die Freiburger Einbürgerungen 2017

2017 wurden in Freiburg 545 Menschen aus 80 Ländern eingebürgert. Der Trend ist steigend: 2007 waren es noch 305 Einbürgerungen, ein Jahr später 336.

Im Vergleich zu 2016 (597) gab’s jetzt zwar eine leichte Abnahme, laut Stadtverwaltung liegen kleinere Schwankungen aber an der Bearbeitungssituation und anderen strukturellen Faktoren. Die meisten Eingebürgerten stammten diesmal aus dem Kosovo (45), gefolgt vom Brexit-Land Großbritannien (35) und der Türkei (30), die bisher auf Platz eins war. Danach folgen Rumänien (25) und der Libanon (22).

Insgesamt leben in Freiburg Menschen aus 172 Ländern, rund 38 000 ohne deutschen Pass, das sind etwa 17 Prozent der Bevölkerung. Die meisten davon sind Italiener (3417).

Jetzt können sie als Staatsbürger endlich mehr mitbestimmen

Wie immer ist das Spektrum der neuen Eingebürgerten breit, ihre Hintergründe sind vielfältig. Teresa Engelhard (34) und ihr Sohn Kenneth Manguilimodan (10) stammen von den Philippinen. 2010 kam Teresa Engelhard mit ihrem deutschen Mann nach Freiburg. Die erste Zeit war hart für sie: Alles war fremd, und ihr kleiner Sohn konnte erst nach eineinhalb Jahren nachkommen. Inzwischen fühlen sich beide sehr wohl. Kenneth geht in die vierte Klasse der Tulla-Grundschule in Zähringen, seine Mutter arbeitet morgens in einem Hotel und abends in einem Restaurant. Sie freuen sich über ihre deutschen Pässe.

"Nehmen Sie teil an unserer Demokratie. Wählen Sie Parteien, die niemanden ausgrenzen." OB Dieter Salomon
Genauso geht’s Mohamed-Macky Bah aus Sierra Leone, der in Guinea aufgewachsen ist, vor rund zehn Jahren als Student nach Deutschland kam, inzwischen im Amt für Migration und Integration arbeitet und als Neu-Eingebürgerter auf der Bühne das Grußwort an alle anderen Eingebürgerten übernimmt: "Wir haben hier das Gefühl von Zuhausesein und Sicherheit. Wir können wählen, haben Freiheit und wirtschaftliche Sicherheit", sagt er. Er ruft alle dazu auf, daran mitzuarbeiten, dass die Bedingungen so bleiben und noch besser werden.



Auch Oberbürgermeister Dieter Salomon appelliert an die Gäste: "Nehmen Sie teil an unserer Demokratie. Wählen Sie Parteien, die niemanden ausgrenzen." Es sei aber auch eine berechtigte Frage, wie "integriert" die Einheimischen überhaupt selbst seien, die immer nur Integration von den Neuen fordern, obwohl das ein wechselseitiger Prozess sei. Hätten sie verstanden, dass Einwanderung nötig sei, schon allein wegen des Fachkräftemangels?

"Zusammen leben" bekommt den Integrationspreis der Stadt

Symbolisch für die vielen Engagierten in Freiburg, die "ein Miteinander auf Augenhöhe" schaffen, geht der sechste städtische Integrationspreis, der mit 4000 Euro dotiert ist, an den 2015 gegründeten Verein "Zusammen leben". Dessen überwiegend junge Mitglieder, die unter anderem Garten-, Koch- und Musikprojekte mit Geflüchteten und Nicht-Geflüchteten entwickelt haben, nehmen die Bühne voll in Beschlag.

Als nacheinander alle ihre Sehnsüchte ins Mikro sagen, wird es teils lustig, teils sehr berührend: Ein Mann aus Syrien, der sich Riad nennt, erzählt, wie froh er ist, dass in der vergangenen Woche endlich fast alle seine Familienmitglieder nachkommen konnten. Eine Tochter aber musste allein zurückbleiben, weil sie älter als 18 ist. Er fängt an zu weinen. Seine Nachfolgerin am Mikro fordert für ihn, dass Familien nicht mehr auseinandergerissen werden.