Brillante Bretter: Zen Zebra und The Hirsch Effekt im White Rabbit

Alexander Ochs

Ein explosives Rockbrett hatte der Hasenstall am Montagabend parat. Während das Zebra mächtig Eindruck machte, guckte der ein oder andere beim Hirsch spätestens am Ende in die Röhre.



„I beat my head against a wa-a-all”, sind seine ersten Worte. Und es stimmt: Der Frontmann der Leipziger Formation Zen Zebra ist so nahe dran am vielleicht 70-köpfigen Publikum im White Rabbit, dass er sich gleich den Kopf anschlagen könnte. Wenn er denn wollte. The Hypnagogic State, eine der besten Nummern ihres gerade erschienenen hervorragenden Debüts, macht den Anfang. Durchaus typisch: Nach knackigem Intro folgt ein erstaunlich melodischer, grooviger Part mit schön federnder Gitarre. Sehr kraftvoll. Auch den ruhigen Momenten wohnt eine ungeahnte Intensität inne.


Sänger Marv hat eine gewöhnungsbedürftige, durch und durch großartige Stimme, egal ob er ins Mikro singt oder bewusst ins Leere. Das Mikrokabel um den rechten Arm gewickelt, wirkt das Mikro in seiner Hand wie ein mit ihm verwachsener Knochen. Und er wie ein Gefesselter, Geknechteter, Geschlagener. Verurteilt. Immer wieder kniet er mit dem Rücken zum Publikum am Boden, als müsse er Kraft tanken. Ein Geschlagener, der zum letzten Gruß ausholt mit schwirrenden Gitarren, gurgelndem Bass und fliegenden Drums. Was folgt: Abgesang aufs Diesseits, verzweifelte Schreie aus der Apokalypse.

Schließlich kommt der Opener von „awaystation“ mit seinem brachialen Intro. Dabei leben ihre Songs von immer wieder überraschenden Wechseln und genialen Wiedereinstiegen. Beeindruckend. Dem Spiel der fünf Musiker wohnt eine unheimliche Klarheit inne. Mucke zum schräg durch die Bude hampeln und sich verrenken. Und sich geil dabei fühlen.

Schön, dass eine Band (bislang) so konsequent am Mainstream vorbei musikalische Lebenssignale ins Musik-All sendet. Sie gehen ihren Weg.



Den sind The Hirsch Effekt schon ein gutes Stück weit gegangen. Vor drei Jahren gastierte das Trio aus Hannover in der Mensabar mit seinem Debütalbum holon: hiberno und ließ dabei ein vor Staunen sprachloses Publikum zurück. Nette Geste, dass Sänger und Gitarrist Nils Wittrock sich beim damaligen Veranstalter Waggle-Daggle-Daniel bedankt, den er meint, im Publikum zu erkennen. (Auch wenn der nicht da ist.) „Damit nahm das Unheil seinen Lauf“, umreißt er in düsterer, schwer verständlicher Ironie den fulminanten Werdegang der Band seitdem.

Mittlerweile haben die Vertreter des Artcore, des Math-Rock, des Post-Punk ... (Reihe bitte nach Belieben ergänzen) ihren Zweitling mit ähnlich ambitiösem Anspruch auf Vinyl und Konsorten gepresst, auch mit entsprechend hochtrabendem Titel: holon: anamnesis. Auch gut klingt Post-Emo-Prog-Core mit Screamo Attacken. Für Fans des Schublading. Allein die fast hilflose Umschreibung des Genres macht klar, dass man als Zuschauer (oder auch als Zuhörer, wobei die CD da ein wenig anders tickt) einen Auftritt der Jungs nicht unberührt, nicht ungerührt überstehen kann. Oder doch ...?



Was die drei musikalisch und spieltechnisch durchziehen, ist von beeindruckender Brillanz geprägt. Nur vier unsägliche Neonröhren aufm Boden sorgen für einen gewissen The Blend Effekt. Zwei ruhige Zeilen – und ab geht die Luzie. Die mit einem heiligen Ernst auf die Bühne getackerte Musik bricht martialisch über einen herein, ein Tsunami aus Schallwellen brandet über einen hinweg, um sich dann ganz kurz entspannt wegzuducken und so zu tun, als wäre nichts gewesen.

Der skinny Sänger mit Backenbart und Streifenhörnchen-Tattoo-Look am Arm klettert auf die Bassdrum, es geht voll auf die Zwölf, da darf der Head bitteschön bangen! „This is so fucking pure!”. Wüst, verstörend. Rattenscharf sägende Gitarre, doomig-dumpfer Basstieftöner, kräftige, wuchtige Drums. Noch eine Spur verrückter als die Zebras. Die Hirsche legen den Hasen tiefer. Bassdrumgewitter. Innehalten. Und mitten in der Wiederaufnahme abbrechen.



Sanft mit Fell getrommelt, ganz Hirsch im Schafpelz, wird die Crowd mitgenommen auf einen Kurztrip durch ruhigere Gefilde. Vertrackte Songstrukturen, die sich mal hier, mal da festfräsen, um dann wieder loszubrettern wie der nackte Irre durch die Walachei. Der Wahn hat einen Namen. Und er trägt Geweih.

Trotzdem stinkt der Hirsch vom Kopf her: Aller spieltechnischer Perfektion zum Trotz wirkt das noch umfassender angelegte zweite Konzeptalbum stellenweise zu verkopft, um ins Herz vorzudringen. Größenwahn, Waghalsigkeit, Entgrenzung – gebongt. Doch nach einer Dreiviertelstunde machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Die Wucht eines Presslufthammers, der Druck einer Detonation, die beißende Schärfe von Salzsäure, gepaart mit der stupenden Präzision eines Skalpells, aber auch der Seelenlosigkeit einer Kreissäge und der Humorlosigkeit einer Rasierklinge.

Für Fans der Spielart insgesamt ein Wahnsinnsabend.

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