Brennendes Bett in der Psychiatrie

Helena Barop

Benjamin P. ist 24, verheiratet, Vater von zwei kleinen Kindern, hat seinen Realschulabschluss mit 1,8 bestanden und ist Finanzkaufmann. Um sich aus dem Beruhigungszimmer der Psychiatrie in Emmendingen zu befreien, zündete er im Dezember sein Bett an. Gestern wurde im Landgericht Freiburg wegen schwerer Brandstiftung gegen ihn verhandelt.



Was Benjamin P. passiert ist

Am Nachmittag des 4. Dezember 2006 macht sich Benjamin P. mit dem ICE auf den Weg nach Basel. Er hat dort einen Termin mit einer Staatsanwältin. Am Badischen Bahnhof jedoch ist seine Reise zu Ende, die Beamten des Bundesgrenzschutz lassen ihn ohne Pass nicht einreisen.

Unverrichteter Dinge fährt er nach Lörrach, um sich einen vorläufigen Pass zu besorgen. Als ihm auch das missglückt, versucht er an anderen Grenzübergängen in die Schweiz zu kommen. Immer wieder wird er abgewiesen. Am frühen Morgen des nächsten Tages wartet er auf einen Zug zurück nach Freiburg.

Um sich vor der dezemberlichen Kälte zu schützen, geht er in den Vorraum einer Bank, aus dem er nach einer Weile wieder herausgeworfen wird. Da wird es ihm zu viel. Er ruft die Polizei, um Anzeige zu erstatten. Sechs Stunden später wird Benjamin P. in ein Beruhigungszimmer des Zentrums für Psychiatrie in Emmendingen gesperrt.

Was wirklich passiert ist

Benjamin P. leidet unter einer schizoaffektiven, manischen, paranoiden Psychose, sagt der psychiatrische Gutachter. Auf deutsch: Er verliert immer wieder den Bezug zur Realität. Vor ungefähr drei Jahren wurde sein relativ erfolgreiches Berufsleben aprupt durch Insolvenz beendet. Was zuerst da war, die Krankheit oder die finanzielle Not, lässt sich kaum noch klären. Seitdem leidet Benjamin P. unter Wahnvorstellungen, er fühlt sich verfolgt von der Staatssicherheit, hat Anfälle von Größenwahn und verfällt zeitweise in Depressionen.

Mit der Krankheit und den Schulden kam die Kriminalität. Er bezahlte mit Lastschriftverfahren von Konten, die es nicht mehr gab. Bei Ebay versteigerte er Pocket-PCs, die er nicht besaß. Nach Basel musste er fahren, weil er im Hilton Hotel die Zeche geprellt hatte.

Einmal sah er auf einem Nummernschild die Zahl 27 und hatte das Gefühl, den Plan seiner Verfolger durchschaut zu haben. Nachdem er daraufhin mehrere Fensterscheiben eingschlagen hatte, musste er einige Tage in einer psychiatrischen Klinik verbringen, und das nicht zum letzten Mal. Immer wieder wurde er wegen aggressivem oder sonst auffälligem Verhalten eingewiesen.

Dass man ohne Ausweis nicht in die Schweiz einreisen kann, hätte man wissen können. Doch Benjamin P. hielt den Brief der Staatsanwältin, mit der er verabredet war, für einen angemessenen Passersatz. Dass Banken es nicht gerne sehen, wenn Leute nachts in ihren Vorräumen herumlungern, hätte man auch wissen können. Aber Benjamin P. fühlte sich ungerecht behandelt, als er vor die Tür musste. Vieles, was „man wissen kann“, weiß er nicht. In solchen Situationen zeigt sich, dass er krank ist, auch wenn er es nicht einsieht.



Auf der Wache der Polizei in Lörrach wollte Benjamin P. Anzeige erstatten. Stattdessen kam es zu verschiedenen Telefongesprächen, bis seine Eltern die Beamten auf eine mögliche psychische Erkrankung hinwiesen. So wurde er eingewiesen, in das Zentrum für Psychiartrie in Emmendingen. Er fühlte sich nicht krank, wollte nicht bleiben, weigerte sich, Medikamente zu nehmen und wurde aggressiv. Wie in solchen Fällen üblich, wurde er in den sogenannten Beruhigungsraum gebracht.

Statt sich zu beruhigen, wurde er dort jedoch noch aggressiver. Auf sein Klopfen und Rufen reagierte niemand, er hatte Angst, Platzangst. Als er den Rauchmelder entdeckte, zündete er alles an, was in einem so spärlich eingerichteten Zimmer brennt: Die Bettdecke und den Hocker.

Dass ihm etwas hätte passieren können, war ihm nicht klar. Der psychiatrische Gutachter spricht von „omnipotenten Gefühlen“, von Größenwahn. Keine Sekunde hat er daran gezweifelt, dass man ihn rechtzeitig aus dem Zimmer befreien würde.

Benjamin P. hat Glück gehabt. 40.000 € Sachschaden hat der Brand hinterlassen, aber die Patienten und das Personal der Einrichtung blieben unverletzt. Auch er selbst kam davon, scheinbar ohne einen Schrecken. Kurz nach der Evakuierung war er ruhig zwischen den anderen Patienten im Aufenthaltsraum anzutreffen, mit brennender Zigarette.

Als er diese dann handgreiflich gegen das Pflegepersonal verteidigte, wurden er überwältigt, fixiert und zwangsweise mit den nötigen Medikamenten versorgt. An die drei folgenden Wochen kann er sich kaum erinnern.



Das Urteil

Benjamin P. wird nicht weiter bei seiner kleinen Familie in Wolfsburg leben können. Er sieht nicht ein, dass er krank ist. Deshalb sind sich Staatsanwalt, Gutachter und Richterin einig, dass eine Aussetzung der Einweisung zur Bewährung sinnlos wäre. Einem Gesunden könne man drohen, erklärt die Richterin in der Urteilsbegründung, „aber solange Sie in diesem Zustand sind, weiß man einfach nicht, was passiert.“. Um den Kranken und sein Umfeld vor seiner Krankheit zu schützen, muss er ab sofort in stationärer psychiatrischer Behandlung bleiben. Erst, wenn einem Gericht deutlich gemacht werden kann, dass er seine Krankheit im Griff hat, kann er vielleicht zu seiner Familie zurückkehren.

Niedergeschlagen verlässt er mit seiner Frau und seinem Vater den Saal IV des Freiburger Landgerichts. Bis zum Ende blieb er unauffällig, antwortete zusammenhängend, sein letztes Wort nutzte er für das Zitat eines Paragraphen. Das Krankheitsbild, in sterilem Medizinerdeutsch und in der dritten Person vorgetragen, schien wenig mit diesem Menschen zu tun zu haben.

Die Richterin betonte noch einmal, dass er nichts dafür könne. Er sei krank. Er sei unschuldig. Trotzdem hat sein Vater das Gefühl, sein Sohn sei verurteilt worden. „Er ist jetzt 24, aber in seinem Kopf ist er manchmal wie ein Zwölfjähriger“, sagt er traurig. „Schlimm, was Krankheit mit einem Menschen machen kann.“