Braucht Freiburg einen Gammelpranger?

Anne-Kathrin Weber

Dreckige Fußböden, verdorbene Lebensmittel, Rattenkot im Lagerraum. Wer weiß schon wie es beim Lieblingsrestaurant hinter verschlossenen Türen aussieht? In Berlin-Pankow veröffentlicht der Lebensmittelkontrolldienst seine Ergebnisse im Internet, Bilder des Grauens inklusive. Verbraucherschützer freuen sich über mehr Transparenz, Gastronome zweifeln an der Verhältnismäßigkeit. Sollen auch in Freiburg Ekel-Küchen an den Pranger?



"Alles sauber. Also rein!" Ein lachendes rotes Smiley versichert dem potenziellen Kunden, dass in der betreffenden Einrichtung in Berlin-Pankow die Hygienebestimmungen eingehalten werden. 13 der dort kontrollierten Cafés, Restaurants, Kitas und Seniorenheime dürfen sich mit der Sauberkeitsplakette schmücken und finden sich auf einer Liste im Internet wieder (siehe auch fudder-Bericht über den Pinkel-Pranger von Bern).


Wesentlich länger ist aber die Negativliste (pdf-Download). Einrichtungen, in denen die Lebensmittelaufsicht Verstöße gegen die Vorschriften festgestellt hat, werden mit Namen, Adresse und entsprechendem Bildmaterial ebenfalls auf der Website veröffentlicht. Als rechtliche Grundlage dient dem Senat das Verbraucherinformationsgesetz von 2008, welches dem Verbraucher den Zugang zu Lebens- und Futtermittelinformationen erleichtert.

In der Hauptstadt wird die Aktion als Erfolg gewertet. Der Berliner Senat will deshalb ereichen, dass auch in anderen Bundesländern Prüfberichte im Internet veröffentlicht werden. Wir haben deshalb bei der Stadt Freiburg, dem Hotel-und Gaststättenverband DEHOGA Baden-Württemberg e.V. und zwei Freiburger Gastronomen nachgefragt was sie von dem Projekt halten. Braucht Freiburg einen Gammelpranger?



Jens Hornung, Küchenchef im Riva:



„Grundsätzlich finde ich eine solche Aktion gut. Dem Verbraucher wird es dadurch ermöglicht, hinter die Kulissen zu schauen. Und er kann bewusster auswählen, welche Gaststätten er besucht. Dass ein schöner Schein trügen kann, habe ich in meinem Beruf schon oft erlebt.

Hier in Freiburg fehlt dem WKD das Personal für regelmäßigere Kontrollen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass seltene Kontrollen automatisch zu Nachlässigkeit führen. Die Positivliste könnte für die Betriebe vor allem ein Anreiz sein, sauber und ordentlich zu arbeiten und sich so von der Konkurrenz abzusetzen.

Wenn öffentlich gemacht wird in welchen Restaurants und Cafés es an Hygiene mangelt, werden die Leute nicht mehr kommen. Und fehlende Gäste üben einen viel größeren Druck auf den Betreiber aus als ein Mängelbericht des WKD. Da muss man vielleicht ein Bußgeld bezahlen, der Kunde bekommt davon aber nichts mit und im Betrieb ändert sich selten etwas.“

Holger Sielaff, Besitzer der Mensadrei



„Ob es so eine Aktion gibt oder nicht ist mir wurst. Die können das gerne bei mir machen, aber privat als Verbraucher brauche ich so was nicht. Man muss auch die Ansprüche sehen, die die Kontrolleure stellen. Der WKD bemängelt Dinge, die dem Gast gar nicht auffallen und falls doch, ihn nicht stören. Mit der Qualität des Essens hat ein verstaubter Ventilator im Getränkekühlschrank zum Beispiel nämlich nichts zu tun. Eine Kontrolle einmal im Jahr reicht meiner Meinung nach aus, das Ganze wird ja immerhin von meinen Steuern finanziert. In Baden-Württemberg sind die Betriebe ausreichend überwacht. Ich empfehle dem Verbraucher einen Blick auf die Toiletten zu werfen – oft kann man davon ausgehen, dass die Küche ähnlich gut oder schlecht gepflegt wird.“

Alexander Hangleiter, Referent des Hotel- und Gaststättenverbands DEHOGA Baden-Württemberg e.V.

„Der DEHOGA steht dem sehr kritisch gegenüber. Grundsätzlich muss der Verbraucher natürlich vor Betrieben, die gegen die Regeln und Vorschriften verstoßen, geschützt werden. Dass die Berichte aber nicht öffentlich gemacht werden, hat seine Gründe. Die Behörden würden damit zu sehr in den Wirtschaftskreislauf eingreifen.

Ein Beispiel: In einem Betrieb hat der WKD jahrelang nichts zu beanstanden. Dann kommt ein neuer Koch, es gibt viel zu tun, und er lässt einen benutzten Topf versehentlich im Waschbecken stehen. Zufällig kommt an diesem Tag der WKD, bemängelt dies und das Restaurant steht fortan auf der Negativliste. Für den Besitzer bedeutet dies einen langfristigen Imageschaden. In besonderen Fällen können seine Existenz und die damit verbundenen Arbeitsplätze gefährdet sein. Selbst wenn der Name seines Geschäfts wieder von der Liste verschwindet, bleibt das Urteil in den Köpfen der Konsumenten doch hängen.

Das Problem ist also die Verhältnismäßigkeit. Führen auch geringfügige Verstöße zur Aufnahme in eine Negativliste? Gerechte Maßstäbe für Sauberkeit und Ordnung zu setzen, dürfte sehr schwer sein. So kann es dann zu Wettbewerbsverzerrungen kommen und Betriebe werden vielleicht zu Unrecht benachteiligt.

Der DEHOGA empfiehlt dem Verbraucher, sich selbst eine grobe Vorstellung von den Verhältnissen in der Küche zu machen. Das Verhalten und die Gepflegtheit des Personals zum Beispiel können ein Indiz dafür sein, wie man es in der Küche mit Hygiene und Vorschriften hält. Oder der Preis: Wenn ein Gericht ungewöhnlich billig ist, muss irgendwo gespart worden sein: An der Qualität des Rohprodukts oder eben an der Reinigungskraft in der Küche."

Edith Lamersdorf (Presse- und Öffentlichkeitsreferat der Stadt Freiburg)

„Ein solches Projekt wird es in Freiburg nicht geben. Das wäre ein zu großer Aufwand und für so etwas fehlt uns das Personal. Außerdem sieht es die Stadt nicht als ihre Aufgabe an, „Gastro-Tipps“ zu verteilen. Dafür gibt es genügend private Tester. Mit einer solchen Aktion greift man die Gastronome wirtschaftlich an, dadurch macht sich die Stadt wiederum selbst angreifbar. Schließlich stellen wir auch nicht Namen und Kennzeichen von Falschparkern ins Internet.“

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[Fotos: dpa, Anne-Kathrin Weber, caro]