Brauchen Alleinerziehende in Freiburg Mitleid?

Rebekka Sommer

Bist du alleinerziehend? Oh. Das tut uns aber leid, denn: alleinerziehende Mütter sind ja oft arm, krank und überfordert. Es gibt aber auch Alleinerziehende, die sagen: Es nervt. Wir brauchen euer Mitleid nicht. Und jene, die sich Buttons anstecken mit der Aufschrift "Hilfe! Mir wird geholfen". Was Freiburgs Alleinerziehende dazu sagen:



Fordernd und überfordert, gescheitert, tapfer oder auf der Suche nach einem Versorger - die Zuschreibungen an alleinerziehende Eltern sind vielfältig. In vielen Eltern- und Alleinerziehenden-Foren kann man Klagen über übertriebenen Respekt oder Vorurteile nachlesen. Der Button „Hilfe! Mir wird geholfen“ stammt vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV). „Wir wollten mit der Kampagne im Jahr 2010 das defizitäre Bild der Alleinerziehenden angehen“, sagt die Bundesgeschäftsführerin des Vereins, Miriam Hoheisel. Zum Beispiel also die automatische Annahme, dass Alleinerziehende überfordert sind oder von Sozialtransfers leben. Ausdrücken will der Verband vor allem eines: Wir sind doch eigentlich ganz normal.


Fast jede fünfte Mutter in Deutschland ist alleinerziehend, und vier von zehn unter ihnen beziehen „Grundsicherung für Arbeitssuchende“. Das ist ein Problem, und zwar ein teures für den Staat. „In Zeiten eines drohenden Fachkräftemangels kann der Arbeitsmarkt auf die Kompetenzen von Alleinerziehenden auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr verzichten“, erklärte Bundesarbeitsministerin Ursula Van der Leyen Anfang 2011. Also heißt es: Alleinerziehende raus aus allen Problemen und rein in den Arbeitsmarkt. Die Politik hat's erkannt, Sozialarbeit und Medien reagieren darauf. Ist der Button des VAMV also überflüssig?

Nein, denn: „Alleinerziehende sind immer eine Reibungsfläche“, sagt Hoheisel. Anlass der Kampagne war unter anderem ein Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die „Hätschelkinder der Nation“, in dem die Autoren „verheimlichte Partner“ und „nie erwerbstätige Mütter“ als typisches Harz IV-Muster beklagten. Harter Tobak für die sechs von zehn Alleinerziehenden, die keine Sozialhilfe beziehen – und auch für all diejenigen, die trotz Erwerbstätigkeit mit staatlichen Leistungen „aufstocken“, weil sie selbst zu wenig verdienen, keinen Kindesunterhalt bekommen oder es an der Betreuung mangelt.



„Alleinerziehende leben in höherem Maße von der eigenen Erwerbstätigkeit, als Mütter in Paarbeziehungen“, stellt der VAMV fest.  Dass die Ausschreibungstexte sozialer Programme „Alleinerziehung“ oftmals schon als Kriterium für Hilfebedürftigkeit annehmen, dass sich in den Köpfen der Chefs, Kollegen und der Nachbarschaft ungehemmt  die Schubladen auf- und zutun – für manche Alleinerziehende entstehen die Probleme eben erst hier.

Doch ist es nicht ziemlich undankbar, gut gemeinte Hilfsangebote abzulehnen? Und: Imagepflege für die uneinheitliche Gruppe der alleinerziehenden Eltern, geht das überhaupt? Fest steht, der Button „Hilfe! Mir wird geholfen“ ist in Freiburg weitgehend unbekannt.

Würden Freiburgs Alleinerziehende ihn tragen?


Marion, Tief-, Straßen- und Landschaftsbauzeichnerin, mit zwei Kindern (3 und 5)
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"Ich würde den Button tragen und finde es nicht undankbar. Es geht ja meiner Auffassung nach nicht um das demonstrative Ablehnen von Hilfeleistungen, sondern um den generellen Umgang  und die Wahrnehmung von Alleinerziehenden. Ich finde mit einem Anteil von etwa zehn Prozent bundesweit sind wir keine Randgruppe mehr. Als politische Partei in Deutschland wären wir doch zumindest gute Opposition und hätten die FDP schon weit hinter uns gelassen."


Beate, Sozialarbeiterin, 4 Kinder (26, 24, 22 und 22)
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"Ich würde den Button nicht tragen, weil ich von jeglichen Hilfen in fast 20 Jahren fast nichts mitbekommen habe. Kinderreichtum ist ein Armutsrisiko; allein zu erziehen erst recht. Für mich war und ist es ein Kampf.

Im Bewerbungsgespräch für eine Stelle in einer Kita kam zum Beispiel mal die Frage: „Vier Kinder – Sie sind doch nicht etwa auch noch alleinerziehend?“ Dann wurde gebohrt, wie die Kinder untergebracht seien. Das Jugendamt lehnte die Kostenübernahme für die Ferienbetreuung ab mit der Begründung: „Bringen Sie die Kinder doch zur Oma!“ Darauf ich: „Die ist krank und schafft das nicht wochenlang.“ Die Antwort: „Mit vier Kindern geht man ja auch nicht arbeiten.“

Mit dem Ruf, den man auf dem Dorf hat, will ich gar nicht erst anfangen. Die Benachteiligung spielt sich im alltäglichen Leben auf so vielen Ebenen ab, dass mit strukturellen Veränderungen nicht alles abgefangen werden kann. Ohne unkomplizierte Hilfsangebote und Hilfen bei der Vernetzung geht es nicht!"


Dagmar, Lehramtsstudentin, ein Kind (2)
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"Ich muss lange überlegen, bis mir dazu etwas einfällt. Also ich hab mit dem Button ein Problem, weil ich Hilfe als nichts Schlechtes ansehe. Wenn man alleinerziehend ist, ändert sich vielleicht die Personengruppe, die hilft - statt dem Partner oder dessen Eltern sind das dann vielleicht verstärkt Institutionen oder Freunde. Aber was ändert das?

Außerdem unterscheide ich zwischen Alleinerziehend- und Single-Sein: Wenn ich überhaupt daran denke, dann bedeutet  „alleinerziehend sein“  für mich, mehr Entscheidungsfreiheit zu haben und mich mit keinem Kerl über Erziehungsfragen streiten zu müssen, der sowieso die ganze Zeit arbeitet. In siebzig Prozent der Fälle ist das Kind ja doch Frauensache.  „Single sein“ bedeutet dagegen, keinen Sex zu haben und sich abends mit niemandem unterhalten zu können. Außerdem fehlt eine männliche Vorbildfunktion für meine Tochter - gut, das kann auch zu „alleinerziehend“ gezählt werden."




Christine, Sozialarbeitsstudentin, ein Kind (6), leitet einen Alleinerziehenden-Treff:


"Generell finde ich den VAMV gut und unterstützenswert, auch das Ziel der Kampagne, Alleinerziehende nicht als bedürftige Gruppe zu sehen. Undankbar finde ich die Kampagne nicht. Natürlich gibt es Hilfsangebote, aber erstmal muss man sich in dem Ämterdschungel zurechtfinden.

Das ist ein Projekt für sich, und die zersplitterten Zuständigkeitsregelungen der Ämter machen das nicht einfacher. Es ist ja tatsächlich oft der strukturelle Rahmen, der die Hilfebedürftigkeit bedingt, und ich finde das Anliegen richtig, etwas daran zu ändern. Aber es sollte auch durch Vernetzung und spezifisch gebündelte Angebote Erleichterung für die Betroffenen geschaffen werden.

Hier im Landkreis Emmendingen tut sich gerade etwas mit einer neuen Kontaktstelle für Alleinerziehende. Die Aktion des VAMV verstehe ich als “wachrütteln“, aber den Button würde ich nur tragen, wenn in der Öffentlichkeit umfassend über die Aktion informiert würde. Ich finde er ist nicht unbedingt selbsterklärend."

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[Bild 1: auremar / Fotolia.com; Bild 2: Promo; Bild 3: Kati Molin / Fotolia.com]