Bradford meets Bombay

Lilian Kaliner

England ist ein Dritte-Welt-Land. Diese Erfahrung hat Lilian jetzt während ihres Australien-Probe-Urlaubs bei ihrer englischen Verwandtschaft festgestellt. Zumindest wenn es um Zähne geht. Man sollte hier niemals, aber wirklich niemals zu einem Zahnarzt gehen müssen. Lilian musste.



Ein englischer Zahnarzt sollte die Faeden ziehen, die ich kurz vor Abflug von meinem Arzt verpasst bekommen hatte. Klar, dachte ich; kein Problem, dachte auch meine englische Tante. Ist ja schließlich England und nicht Timbuktu. Kam im Enddefekt aufs gleiche raus, da es in England kaum Zahnärzte gibt. Zwei die wir anriefen weigerten sich glatt - obwohl ich bar zahlen wollte und meine Tante begann Schauermärchen zu erzählen von alten Leuten, die sich die Zähne selber ziehen.


Endlich sagte ein Dentist zu, ein Inder. Ist in Bradford eigentlich nicht wirklich wunderlich, immerhin ist hier 15 Prozent der Bevölkerung Indischer Abstammung. Die Praxis gehörte nicht nur einem Inder, sie lag auch in eine indischen Viertel mit indischen Geschäften und indischen Arzthelferinnen. Ich war dann doch ein wenig skeptisch, vor allem weil ich den Dentisten einfach nicht verstehen konnte, er mich wohl auch nicht wirklich. Da sein Radio kaputt war, entschloss er sich mir nebenher etwas vorzusingen und begann Kum ba yah, my Lord ausgerechnet bei der Strophe: Someone’s crying, Lord, Kum ba yah...

Hinter meiner Plastik-Schutzbrille (war praktisch weil er unheimlich spuckte) fühlte ich mich also zunehmend unwohler und der Blick meiner Tante sprach Bände. Jedenfalls war es irgendwann überstanden und ich zahlte meine 45 Pfund, bin schon gespannt was die AOK zu dem indischen Gekritzel sagt...

Als kleine Wiedergutmachung schlug meine Tante einen Besuch im größten indischen Kaufhaus der Gegend vor, den Bombay Stores (siehe Foto). Am Abend saß ich auf dem Sofa und verdaute noch immer meinen singenden Inder, als meine Zunge plötzlich einen Faden entdeckte. Ich war dem heulen nahe, ehrlich. Ich wollte da nicht nochmal hin, nie wieder. Mein Onkel, der seine Jugend als Edelsteinsucher in den Minen von Afrika verbracht hatte und ziemlich praktisch veranlagt ist, bot sich gleich als Arzt an. Mir war alles recht, Hauptsache nicht nochmal zu dem Inder und so fand ich mich recht schnell auf dem Sofa liegend, meine Tante mit schmerzverzerrtem Gesicht und der Taschenlampe in der Hand und meinen Onkel mit der Pinzette in der einen und der Schere in der anderen Hand über mir sitzend, wieder.

Den Rest des Abends möchte ich nicht genauer erläutern, nur soviel: Wenn ich nochmal Kum ba yah oder Indisch höre, übergebe ich mich!