Boxsport trifft Chormusik: Boxeo 23 in der Basler Markthalle

Manuel Lorenz

Was haben blutiger Boxsport und russische Chormusik gemein? Beide fanden am Samstag ihren Weg in die Basler Markthalle. Schräge Kombination, fand fudder-Redakteur Manuel und schaute sich die 23. Ausgabe der Box-Kultur-Veranstaltung "Boxeo" an.



Wie in einem Stummfilm: 40 elegant gekleidete Frauen und Männer stehen im Boxring, wiegen ihren Körper hin und her und bewegen ihre Lippen. Man ahnt, dass sie singen, dass der Dirigent ihre Stimmen führt. Aber man hört sie nicht - zu lautstark unterhält sich das Publikum, brabbelt, quatscht und schwatzt.


Schade, denn die Idee der Basler Veranstaltungsreihe Boxeo ist gut: zwei scheinbar komplett gegensätzliche Dinge wie Boxsport und Hochkultur zusammenzubringen und zu schauen, was passiert. Heute Abend kooperiert Boxeo mit dem Kulturfestival Culturescapes, das den Baslern dieses Jahr Moskau näherbringen will - vermittels von Konzerten, Lesungen und eben auch Boxen. Die Location passt dazu wie die Faust aufs Auge: Als die Basler Markthalle 1929 gebaut wurde, war ihre Kuppel die drittgrößte der Welt. Ihre 60 Meter Spannweite beeindrucken noch heute und lösen ein Gefühl der Ehrfurcht aus - Kunsthistoriker sprechen vom Brunelleschi-Kribbeln. Unter der Kuppel, in der Mitte, steht der Boxring, eingerahmt von Gerüsten, wie ein Käfig.

Der Chor, der darin gerade steht, ist kein kulturelles Leichtgewicht: Er nennt sich "Altro Coro", kommt von der russischen Musikakademie Gnessin, hat am Mittwoch zur Culturescapes-Eröffnung im Stadtcasino gesungen und tritt am Sonntag im Lörracher Burghof auf. Dem heutigen Publikum scheint das egal zu sein. Es fiebert auf den sportlichen Höhepunkt des Abends hin: den Profikampf zwischen dem Prattler Schwergewichtler Arnold "The Cobra" Gjergjaj und dem Polen Mateusz Malujda.



Bis dahin muss es sich aber vier Stunden gedulden. Zuerst treten eine Handvoll Basler Amateurboxer gegen eine Auswahl von Dynamo Moskau an. Die meisten von ihnen sind jung, 17, 18, 19 Jahre alt, Schüler, Gerüstebauer, Schlosser. Sie tragen schwarze oder rote Shorts und Shirts, und ihr Kopfschutz verbirgt fast ihr ganzes Gesicht. Keine Ahnung, wer gerade dahinter steckt und austeilt. Jab, Gerade, Haken zum Körper, Haken zum Kopf. Trifft der Boxhandschuh die Deckung oder den Kopfschutz, platscht's, trifft er den Körper oder das Gesicht, tönt's dumpf. "Go! Go!", feuert das Publikum an. Beim dritten Kampf spritzt zum ersten Mal Blut.

Man darf nicht den Fehler begehen, zu denken: Boxen = Proleten = die wissen halt nicht, wie man sich zu Hochkultur verhält. Natürlich zieht ein Boxabend die üblichen Verdächtigen an: schwere, tätowierte Jungs, die regelmäßig in die Muckibude gehen und vielleicht sogar selbst Boxen, Typen mit Lederweste, auf denen "Hells Angels Switzerland" steht, Platinblondinen mit kurzen Röcken und hohen Pumps. Aber auch ganz normales Publikum, was auch immer das heißt, und der eine oder andere Kulturbourgeois. Auch Culturescapes-Organisator Juriaan Cooiman ist vor Ort, und Boxeo-Macher Angelo Gallina ist sowieso allgegenwärtig. Journalisten nennen ihn den Don King aus Basel; die Kombination aus Nickelbrille und Trainingsjacke rücken ihn optisch in die Nähe eines Woody Allen, der statt Zelluloidstreifen Sandsäcke bearbeitet.



"Pssst!" Die Schweizerschauspielerin Bettina Dieterle, die heute die Ringsprecherin gibt, versucht das Publikum aus dem Off zu beruhigen. Nichts. Dann steigt sie in den Ring und wird direkter: "Meine Damen und Herren, darf ich Sie um Ruhe bitten, damit wir in den Genuss dieser wunderbaren Musik kommen können …" Wieder nichts. Doch weder der Dirigent noch der Chor lassen sich etwas anmerken. Sie ziehen ihr Ding knallhart durch. Gute Miene zu bösem Spiel. Ein schwergewichtiger Glatzköpfiger in der letzten Reihe sagt: "Die hören ja gar nicht mehr auf."

Doch, tun sie. Es ist kurz nach zwölf. Laute Musik, grelles Licht, und endlich läuft die "Cobra" ein. Das Basler Publikum liebt ihn. Applaus, Begeisterung, Smartphones. Gjergjaj ist einen ganzen Kopf größer als Malujda. Das muss nichts heißen, tut es heute Abend aber doch. Kaum ist eine halbe Minute vergangen, stürzt sich die "Cobra" auf den Polen, bearbeitet ihn zuerst in der linken Ecke, dann in der rechten. Und kaum hat man verstanden, dass der Kampf angefangen hat, bricht der Ringrichter ihn auch schon ab. Technischer Knockout, die "Cobra" reißt seine Arme hoch, Trainer Gallina springt ihm in die Arme, die Zuschauer sind aus dem Häuschen. Die Stoppuhr zeigt 2 Minuten und 3 Sekunden.

Eigentlich genau der richtige Zeitpunkt für den Chor, Händels "Hallelujah" anzustimmen. Das Publikum würde jetzt sicherlich mitsingen.

Boxeo 23: Arnold "The Cobra" Gjergjaj vs. Mateusz Malujda

Quelle: YouTube


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