Botellón: Gibt es Morgen in Basel ein Massenbesäufnis?

Andrea Drescher & Carolin Buchheim

Das Mittelmeer ist fern, das Klima nicht ganz so warm, und doch bürgert sich in der Schweiz gerade ein spanischer Brauch ein: Jugendliche verabreden sich übers Internet zu kollektiven Trinkgelagen, Botellóns genannt. Morgen soll ein solches Flashmob-Saufen in Basel stattfinden.



Botellóns heißt der Trend, und er kommt aus Spanien. Als Wochenendauftakt ist das Freilufttrinken Mitte der 90er Jahre in Spanien aufgekommen; aus Protest gegen die hohen Preise der Getränke in Kneipen und Bars. Und Botellóns, so heißt in Spanien eine "große Flasche".


Anfang des neuen Jahrtausends wurden aus den Botellóns die Macrobotellóns: Massenbesäufnisse; im März 2004 fanden sich in Sevilla 70 000 Botellón-Teilnehmer zusammen.

Im Sommer dieses Jahres ist der Trend in der Schweiz angekommen. Angeblich hat ein Spanier, der zum Auslandsstudium nach Genf gezogen war, einfach ausprobiert, ob sich auch die jungen Schweizer fürs gemeinsame Saufen begeistern lassen. Falls dem so gewesen sein sollte: sie tun es. Zum ersten eidgenössischen Botellón kamen tausend junge Leute nach Genf. Zuletzt hinterließen am letzten Augustwochenende Tausende Trinker in Bern und Zürich tonnenweise Dreck.

Weil die Zürcher Blatterwiese danach trotz der extra aufgestellten Müllcontainer mit Scherben gespickt war, musste die Grünfläche aus Sicherheitsgründen gesperrt werden. Die Kosten der Putzaktion werden auf 15 000 Euro geschätzt. Dafür zahlen muss wahrscheinlich die Stadt, also die Allgemeinheit.

Das Problem der Botellóns: es gibt keinen Veranstalter, der zur Rechenschaft gezogen und zur Kasse gebeten werden könnte. In Bern hat der Anstoßgeber im Internet von der Polizei eine Rechnung erhalten; seither ziehen sich die Initianten schnell wieder von ihren Aufrufen zurück.

Dazu kommt die Alkoholproblematik: nicht wenige Botellón-Gäste landen im Krankenhaus. In Zürich zählten Sanitäter doppelt so viele Einsätze wie an einem normalen Freitagabend.

Wie aber reagieren, fragen sich derzeit die Politiker in den großen Schweizer Städten. Schließlich waren während der Fußball-EM die durch Bern und Basel ziehenden, ebenfalls recht trinkfreudigen Niederländer noch als Werbe- und Imageträger begrüßt worden. Die Meinungen über die richtige Reaktion gehen auseinander. Die einen fordern, dass bei durchs Saufen verursachten Notfällen die Betroffenen den Einsatz der Sanitäter selbst bezahlen müssten. Andere wollen gar ein Verbot der öffentlichen Trinkerei.

Panik und Verunsicherung ob der wilden Jugend sind groß.



In Basel, wo es Morgen zu einem ersten Botellón kommen soll, will die Regierung jedoch erstmal abwarten. Noch sieht sie in den Trinkgelagen kein Riesenproblem. Vielmehr gibt es sogar Verständnis dafür, dass sich Jugendliche ohne kommerziellen Anlass zum Feiern treffen wollen.

Statt eines Verbots wird in Basel erwogen, dass ein Team aus Sozialarbeitern, Polizisten und Jugendlichen während des Botellón auf die Teilnehmer zugeht; eine Maßnahme gegen jugendliches Rauschtrinken, die sich in der Stadt ohnehin gerade im Probelauf befindet.

Wie groß der Basler Botellón morgen denn nun werden wird, ist zur Zeit nicht abzusehen. Nachdem kurz nach dem Zürcher Botellón in diversen Facebook-Gruppen nicht nur für den 13. sondern auch für den 27. September ein Basler Botellón ausgerufen wurde, gab es heiße Diskussionen in Schweizer Partyportalen und -foren, die mittlerweile jedoch wieder abgeflaut sind.

In der Facebook-Gruppe "Alles", deren Mitglied Bina Less zum morgigen Botellón aufgerufen hat, haben zumindest erst 123 Gäste ihr Kommen bestätigt. Bei den anderen Schweizer Botellóns hatte es zuvor deutlich mehr Zusagen gegeben. "Ein Rekord an Leuten wird es wohl nicht mehr werden jedoch eine "Rockstarmässige - Party" werden wir sicher hinbekommen :)", heißt es in Anbetracht dessen auch auf der Facebook-Event-Seite des Basler Botellón.

Was die möglichen finanziellen Konsequenzen angeht, scheint die Initiatorin eine entspannte Naivität zu pflegen: "Ich muss anscheinend doch bezahlen?!", kommentiert sie einen Zeitungsartikel, den sie auf Facebook veröffentlicht hat. "So bitte schnappt euch einen Besen und helft mit, das wär doch super wenn wir beweisen könnten, das ein Botellon nichts schlechtes ist oder ?!"

Stattfinden soll der Basler Botellón mitten in der Basler Innenstadt, auf dem Barfüsserplatz, los geht's um 20 Uhr. Ob vor lauter Polizisten, Sozialarbeitern, Fernseh-Teams und Journalisten auf dem Barfüsserplatz noch Platz für Jugendliche mit Sixpacks sein wird? Man darf gespannt sein.

Fraglich ist noch, ob das Phänomen Botellón in der Schweizer Jugendkultur – so wie in Spanien – dauerhaft Fuß fassen wird, oder als kurzlebiger Trend des Sommers 2008 bald vergessen sein wird. Die Betreiber von Botellon-Schweiz.ch nehmen ersteres an: die in dieser Woche gestartete Seite will die erste Botellón-Online-Community der Schweiz werden.

"Das Botellón-Phänomen lässt sich nicht unterdrücken, kriminalisieren oder verbieten", heißt es in derersten Pressemitteilung der Betreiber. "Denn das hiesse die Jugend zu verbieten. Vielmehr sollte man den Botellóns und allgemein den Jugendlichen, die auf der Suche nach Spass und Abwechslung sind, einen Platz in der Öffentlichkeit gewähren. Sowohl im Internet als auch im realen Leben."

Da bleibt nur noch die Frage: Wann schwappt die Botellón-Welle wohl ins ohnehin Party-willige und Flashmob-freudige Freiburg?

Mehr dazu:

Was: Botellón Basel
Wann: Samstag, 13. September 2008, 20 Uhr
Wo: Barfüsserplatz, Basel

[Teile dieses Artikels erschienen bereits in der Badischen Zeitung.]