Borrowed Identity: Ein mysteriöser Elektronik-Musiker aus Freiburg

Bernhard Amelung

Gute elektronische Clubmusik 'made in Freiburg' ist so selten wie die weiße Alba-Trüffel. Mit Stojan Prokop alias Borrowed Identity betritt jedoch ein junger, mysteriöser Produzent die Bildfläche, der Hoffnung macht. Eine Annäherung an einen sensiblen und schwer fassbaren Künstler.



Stojan Prokop
streicht sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Er blickt in die Ferne, in die Sonne, die hinter dem Kaiserstuhl untergeht und atmet tief durch. Sein Teint ist nachtfahl, ein Bart zauselig, die Stimme leicht brüchig aber warm. Trüge er ein hellblaues Jeanshemd zu knallroten Röhrenjeans, könnte er sich als Folksänger ausgeben.


Stojan Prokop, gebürtiger Freiburger, von engen Freunden auch Chris genannt, lacht über diese Vorstellung. „Vielleicht kommt das noch, wenn ich älter bin, so ab vierzig“, sagt er. Außerdem lebe er für diese weiße Mittelschichtsmusik im falschen Stadtteil, ergänzt er. Die Abendsonne taucht die Wohnhäuser Weingartens in ein purpurnes Licht und löst die harten Konturen der Hochhäuser auf. Das Spiel aus Licht und Schatten zaubert eine fast magische Stimmung.

Der 21-Jährige schaut auf die Uhr. Heute wolle er versuchen, ein wenig früher zu Bett zu gehen, meint er und gähnt lange, wie zum Beweis seiner Müdigkeit. Diese rührt daher, dass der junge Freiburger seit etwa einem Jahr dazu beiträgt, dass der weiße Fleck Freiburg im Atlas der elektronischen Musik etwas Farbe annimmt. In einem karg eingerichteten Schlafzimmerstudio arbeitet er sich in kräftezehrender Nachtarbeit an Beat Pattern, Basslines und Harmonien ab und erschafft sich damit seine eigene musikalische Welt, die man am besten in das Schubladenfach Deep House einsortiert.

Anfang Juni ist mit „Stimulation“ Prokops erste Vinylschallplatte erschienen, unter dem Pseudonym „Borrowed Identity“, auf dem Label Foul & Sunk, das die einstigen Freiburger Mark Burow und Sebastian Stang ins Leben gerufen haben. Seine drei Stücke, melancholisch-verhangene, aber dennoch treibende House-Skizzen, finden sofort Anklang bei DJ-Größen wie Tiefschwarz, Will Saul oder Jimpster. Die amerikanische Trendzeitschrift für elektronische Musik XLR8R widmet ihm ein Feature auf ihrem Blog. Das Dresdner Label Uncanny Valley, eine der aktuell innovativsten Plattformen für elektronische Clubmusik, ist bei ihm vorstellig geworden.

Borrowed Identity - Stimulation - Foul & Sunk

Quelle: Soundcloud


Ganz schön viel Wirbel um einen Jungproduzenten, der seine wahre Identität am liebsten verborgen hält und der mit einer Vielzahl von Aliasnamen arbeitet. Auch Stojan Prokop ist nicht sein richtiger Name. Warum diese sprachliche Maskerade? Der Musiker blickt zu Boden. „Musik war schon immer mein Zufluchtsort. Sobald ich ihn aufsuche, lasse ich mein Alltagsleben ganz bewusst hinter mir und vergesse, was da draußen ist“, sagt er mit leiser Stimme.

Prokops „da draußen“ lässt sich wie folgt zusammenfassen: Eine wohlbehütete Kindheit wird durch familiäre und persönliche Schicksalsschläge aus der Bahn geworfen. Belastungen wie Angst und Traurigkeit, aber auch Verbitterung und Wut legen sich wie ein Schatten über sein noch junges Leben. Er habe sich immer stärker zurückgezogen und nur noch Musik gehört. Klassische Musik, Jazz, Punkrock, aber auch elektronische Musik von Daft Punk oder Justice. Zudem habe er Bücher zu Rhythmus- und Harmonielehre, aber auch musikphilosophische Werke ausgeliehen, erzählt er rückblickend. Etwas, das er auch heute noch macht.  

Punk, Blues und Jazz als musikalischer Unterbau

In Prokops Studio stapeln sich zudem Berge an Noten. Fingerübungen von Bartók und Debussy, aber auch Werke von Beethoven, Schumann oder Liszt. Er bringe sich das Klavierspielen selbst bei, sagt er mit Blick auf die Hefte. Sein Ziel: Irgendwann einmal sämtliche Melodien und Harmonien analog einspielen zu können und nicht mehr auf Sample-Datenbanken zurückgreifen zu müssen. Daneben liegen alte Vinylschallplatten.

Ihre Coverbilder sind leicht abgenrieben, die Ecken geknickt. Auf den Platten befinden sich keine Chicago- oder Detroit-Klassiker, sondern Volksmusiken aus Süd- und Osteuropa, Blues, Jazz und Punk, vor allem Deutsche Post-Punk-Bands wie Deutsch Amerikanische Freundschaft, Palais Schaumburg oder Fehlfarben. Die Schroffheit des Punk für die Drum Pattern, die Melancholie des Blues für die Harmonien und vom Jazz das Wissen, wann man Töne und Rhythmen auszulassen hat - das ist der Unterbau, auf dem Stojan Prokop seine Musik aufbaut.

Weitere Quelle für sein musikalisches Schaffen: die Natur. An Tagen, an denen seine Vergangenheit in Schüben der Erinnerung über ihn hereinbricht, bricht er aus und flieht. In Richtung Kaiserstuhl, Schwarzwald, aber auch in entfernte Regionen wie die rumänischen Karpaten. Oft mit dabei: ein Aufnahmegerät, um die Geräusche der Umgebung festzuhalten. So kann es sein, dass dem Klang seiner Basslines das Sample einer Kettensäge zu Grunde liegt. Und seine Rim Shots kommen möglicherweise vom schlagenden Geräusch eines Zuges, der über Schienennahten und Weichen fährt. Prokop: "Was Field Recordings betrifft, muss ich allerdings noch viel lernen."

Inzwischen ist die Nacht über Weingarten hereingebrochen. Stojan Prokop blickt erneut auf die Uhr. Zeit ins Bett zu gehen? Der Jungproduzent nickt zur Bestätigung. „Wahre innere Ruhe kann ich ja doch nur in der Musik finden“, sagt er abschließend. Gerade habe er sich Bücher über Aufnahmetechniken und Field Recordings ausgeliehen. Und eine Tabelle für Gitarrenakkorde. Vielleicht doch der Anfang eines Folk-Albums?

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