"Bonnies und Clydes der RAF"

Philipp Aubreville

Unter dem Titel "Was stimmt? RAF - Die wichtigsten Fragen" hat der Berliner Journalist und Historiker Sven-Felix Kellerhoff im Herder-Verlag ein Buch veröffentlicht, das mit Mythen und Legenden zum Thema RAF (Rote Armee Fraktion) aufräumen soll. Gestern stellte der Geschichtsredakteur der Tageszeitung "Die Welt" in der MensaBar einige seiner Thesen vor. fudder-Mitarbeiter Philip sprach im Anschluss mit dem 36-Jährigen Journalisten.

  

Sie sind Jahrgang 1971, waren also während des „Deutschen Herbstes“ 1977 gerade einmal sechs Jahre alt. Was hat Sie dazu gebracht, sich mit dem Thema RAF auseinanderzusetzen; was interessiert Sie an der Thematik so besonders?

Es wäre ein schlechtes Argument, wenn der Historiker sagen würde, er könne sich nur mit dem beschäftigen, was er als Zeitzeuge selbst miterlebt hat. Dann könnten wir immer nur die Geschichte der letzten 30, 40 oder 50 Jahre erforschen. Das wäre nicht befriedigend. Grundsätzlich ist es möglich, sich mit vergangenen Zeiten zu beschäftigen, wenn man ein bestimmtes Instrumentarium hat. Was mich dazu bewogen hat, mich mit dem Thema RAF in dieser Tiefe und seit einigen Jahren zu befassen, ist dieses Konglomerat von Mythen und Legenden, die eine völlig andere öffentliche Wahrnehmung in breiten Kreisen induziert, als das, was die Ermittlungsbehörden herausgefunden haben. Wir haben ja gerade auf der Lesung in der MensaBar erlebt, dass solche Vorstellungen immer noch virulent sind: Da wird per se den Ergebnissen des BKA misstraut, weil es das BKA ist beziehungsweise weil es die Polizei ist. Da werden Dinge, die eigentlich außerhalb jeder Frage stehen, mit schlechten Argumenten, die man im Einzelnen widerlegen kann, wieder aufgekocht. Ich war der Auffassung, dass es eine gute Idee wäre, diese Dinge in einem bewusst kurz gehaltenen Buch anzugehen.

Ihr Buch trägt den Titel „Was stimmt? – Die wichtigsten Antworten“. Kann man als Historiker wirklich für sich beanspruchen, „die wichtigsten Antworten“ geben zu können und tatsächlich feststellen „was stimmt“?

(German Neundorfer, Lektor des Buches, fängt an zu lachen)

Kellerhoff: Er weiß, was jetzt kommt. Willst du die Antwort geben?

Neundorfer: Man muss das Buch auch als Teil der Buchreihe „Was stimmt?“ wahrnehmen. Sie erscheint im Herder-Verlag und repräsentiert auf ähnliche ‚Strickweise’ verschiedene Themen. Der Titel wurde nicht von Herrn Kellerhoff ausgesucht, sondern ist ein Verlagstitel. Die Reihe hat das Konzept, bestimmte Themen so anzugehen, dass man die landläufigen Meinungen und Vorurteile heranzieht, um damit ein Thema aufzubereiten – in diesem Fall eben die RAF. 

Kellerhoff: Ich habe den Titel nicht nur akzeptiert, sondern halte ihn in seiner Zuspitzung auch für richtig. Ich bin der Auffassung, dass keiner von uns sich hinstellen und sagen sollte: „Ich weiß die Wahrheit“. Es gibt aber Annäherungen. Wäre der Titel „Was stimmt? – Die Wahrheit“ gewesen, hätte German einen Autoren weniger gehabt – nämlich mich.

Neundorfer: So einen Titel hätte ich auch nicht gemacht!

Kellerhoff: Die wichtigsten Antworten sind die Antworten, die der Mensch, dessen Name oben auf dem Buchtitel steht, für die wichtigsten hält. Ich stehe mit meinem Namen dafür. Ich vertrete aus meiner Sicht der Dinge bestimmte Auffassungen, die sauber und seriös recherchiert sind und ich akzeptiere, wenn andere Menschen andere Auffassungen haben, wenn sie sauber oder sogar noch sauberer recherchiert sind. Ich würde nicht behaupten, dass hier der Anspruch einer Wahrheit oder einer Objektivität drinsteckt – es sind, das wird gerade durch die Formulierung deutlich, die für mich subjektiv wichtigsten Antworten.

Was glauben Sie, warum gibt es diese Mythen über die RAF?

Mythen haben grundsätzlich den großen Vorteil, komplexe Situationen mit einfachen Erklärungen scheinbar zu erklären. Es ist sehr einfach, ein Bild aufzubauen, in dem die RAF aus Bonnies und Clydes besteht und in dem ein böser, faschistischer Staat die armen, aufrechten Freiheitskämpfer unterdrückt. Man muss sich dabei nicht viel um Fragen von ernsthafter Moral und vor allem von Recht kümmern. Das hat einen gewissen Reiz. Diesen Mechanismen sind Deutsche und auch andere Völker – ich kehre aber jetzt mal vor der eigenen Haustür – übrigens auch schon in den 20er Jahren erlegen. Damals allerdings auf der anderen Seite des politischen Spektrums. So haben das die Nazis auch gemacht: Die Juden waren an allem Schuld und wenn die Juden weg sind, dann ist alles wieder gut. Wohin das geführt hat, wissen wir. Ich möchte auf keinen Fall die RAF mit dem Nationalsozialismus gleichsetzen, aber es ist der gleiche Mechanismus. Mythen, Legenden, Gerüchte - diese Formen von falschen Informationen, die in reale Geschichte einwirken, interessieren mich deshalb, weil ich erkennen möchte, wie solche Mechanismen ablaufen. Das hat natürlich auch mit meinem Hauptberuf zu tun: Ich war nicht immer Geschichtsredakteur, sondern auch knallharter Blattmacher und habe selber mehrere Jahre lang schlicht und einfach jeden Tag ‚Zeitung gemacht’. Ich weiß deshalb, dass Journalisten - und somit auch ich - gelegentlich diesen einfachen Erklärungen erlegen sind und nicht ausreichend differenziert wird. Es ist mir wichtig, das nun als Geschichtsredakteur anders zu machen.



Angenommen, Ihre Thesen zur RAF stimmen: Warum hat der Staat nicht schon vor 30 Jahren das getan, was Sie heute tun, und Mythen wie beispielsweise die Isolationsfolter entlarvt? Er müsste doch Interesse daran gehabt haben, möglicher Propaganda den Boden zu entziehen.

Natürlich hätte der Staat ein lebhaftes Interesse daran haben müssen. Einige Leute, die in der Haftanstalt Stammheim arbeiteten, haben sowohl öffentlich als auch vertraulich versucht aufzuklären. Das Interesse das Staates ist jedoch immer wieder gebremst worden. Ein Problem habe ich im Vortrag angedeutet: Die Rechtssprechung ist diesbezüglich ziemlich rigide, auch was beispielsweise eigentlich unverdächtige Fakten, wie die Zahl der Besuche oder die Zahl der abgeschickten und empfangenen Briefe, angeht, die als Informationen aus der Privatsphäre eines Gefangenen gelten. Und bei einem Gefangenen, der in einem staatlichen Gefängnis unter hundertprozentiger Kontrolle des Staates steht, ist die Privatsphäre besonders hoch angesetzt. Außerdem wurde zum Beispiel 1974 eine Serie von Kassibern veröffentlicht – allerdings an einer sehr absurden Stelle, nämlich in einer kleinen Broschüre, die mit einer Auflage von 2000 Stück an die Ministerien verteilt wurde. Auch der Titel „Aktivitäten anarchistischer Gewalttäter in der Bundesrepublik Deutschland 1972/73“ hatte so wenig ‚Sex’, dass die Broschüre in der Öffentlichkeit keinerlei Resonanz fand. In der Öffentlichkeitsarbeit des Staates wurden massive Fehler gemacht. Wenn man, was sich angesichts der Toten eigentlich verbietet, die Auseinandersetzung zwischen der RAF und dem Staat als Wettkampf um öffentliche Wahrnehmung betrachtet, dann ist ganz klar wer gesiegt hat: die RAF. Die Gründe hierfür liegen in der staatlichen Einfallslosigkeit, zum Beispiel seitens der Beamten, die sich zu Recht oder zu Unrecht an juristische Vorgaben gehalten haben oder es schlichtweg nicht konnten, gute Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Da war keine lenkende Hand dahinter.

Sie haben heute über Hanns Martin Schleyer, der ihren Ergebnissen zufolge zwar kein Kriegsverbrecher, aber relativ frühes SS-Mitglied war, gesagt, man müsse ihn auch als „Kind seiner Zeit“ betrachten. Gleichzeitig sind Sie aber mit der damaligen Sympathisantenszene hart ins Gericht gegangen. Wenn man diesen Maßstab anlegt: Waren diese nicht auch „Kinder ihrer Zeit“ und müssen im Kontext beispielsweise des Vietnamkriegs betrachtet werden?

Man konnte mit sehr guten Gründen oder musste sogar gegen den Vietnamkrieg sein. Ich sage aber auch, dass manche Methoden der Demonstranten nicht richtig waren. Natürlich waren das Kinder ihrer Zeit, das ist ihnen nicht vorzuwerfen. Nur: Die APO und der SDS haben im höheren fünfstelligen oder niedrigen sechsstelligen Bereich eine Zahl von Menschen fasziniert und auf die Straße gebracht. Davon sind, wenn es hoch kommt, maximal zehn Prozent ins Sympathisantenumfeld der RAF gegangen. Von diesen waren wiederum maximal hundert an der Unterstützung oder Ausführung von gewalttätigen Anschlägen beteiligt. Man tut der APO und dem SDS, die ich politisch komplett ablehne, Unrecht, wenn man sie direkt mit der RAF verknüpft. APO und SDS waren also Kinder ihrer Zeit – da muss man mit viel Nachsicht rangehen, ebenso wie bei Hanns Martin Schleyer. Dies ändert aber nichts daran, dass diese Personen nach den Möglichkeiten des Rechtsstaates zu verfolgen sind, wenn sie konkrete Verbrechen begangen haben – und eben nicht zu mystifizieren sind.

Mehr dazu:



  • Sven Felix Kellerhoff: 'Was stimmt? RAF - Die wichtigsten Antworten': 128 Seiten. Herder Verlag, Freiburg, 2007. ISBN 3451057719

Personalien

Sven Felix Kellerhoff, 1971 in Stuttgart geboren, arbeitet seit 1993 als Journalist. Seit 2003 ist  er leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte bei der Tagezeitung "Die Welt".

Kellerhoff hat außerdem diverse Sachbücher zu zeithistorischen Themen veröffentlicht.