Bollenhut und Kuckucksuhr: Wie Freiburger auf der Expo gezeigt werden

David Weigend

Das ist Jessica Höfflin vor der Anrichte im Flur ihres Elternhauses. Sie ist eine von 250 Menschen, die Freiburg auf der Expo im Mai in Shanghai bildlich repräsentieren werden. Die Fotos machte Astis Krause (links). Im Interview erklärt die 30-jährige Nicht-Freiburgerin, mit welcher Symbolik sie die Bürger dieser Stadt zeigen will (mit Fotogalerie).



Astis, wie kam das Fotoprojekt für die Expo zustande?

Im Juli 2009 meldete sich Harald Herrmann bei mir. Das ist ein Freiburger Künstler. Er zeichnet verantwortlich für die Gestaltung des Messetands der Stadt Freiburg bei der Welt-Expo in Shanghai 2010. Harald kannte mich von meiner Fotoausstellung, die ich vor zwei Jahren für die Freiburger Bürgerstiftung gemacht hatte. Harald erzählte mir von seiner Idee und sie gefiel mir.

Worin bestand diese Idee?

Viele Leute aus Freiburg zu fotografieren und diese Portraits nebeneinanderzustellen. Die Bilder werden an der Innenwand des Ausstellungskubus als riesiger Streifen aufgehängt, immer zwei übereinander. Geplant waren 100 Portraits. Nun sind es 250 geworden, da die Ausstellungsfläche größer wird als ursprünglich gedacht. Vom Oberbürgermeister bis zum Obdachlosen habe ich Fotos gemacht. Uns war es wichtig, dass wir ganz verschiedene Menschen zeigen. Alte, junge, Schüler, Handwerker, Polizisten, Ärzte, Arbeitslose. Denn sie repräsentieren ja alle die Stadt.

Wie hast du die Menschen für deine Fotos gefunden und womit wolltest du sie abbilden?

Wir haben Aufrufe in lokalen Printmedien gemacht. Und wir wollten die Menschen mit lokalen Attributen darstellen: Kuckucksuhr, Bollenhut, ein Modell des Münsters, ein Windkraftrad en miniature oder eine Sonnenblume mit kleinem Solarmodul. Diese Gegenstände tauchen auf allen Bildern auf. Der Bezug von Mensch und Gegenstand ist zufällig - bis auf die 30 Kuckucksuhren, die ich mit ihren Besitzern in ihrem Wohnzimmer fotografiert habe. In den anderen Fällen muss die abgebildete Person nicht unbedingt etwas mit dem Gegenstand zu tun haben. Ich hatte diese Gegenstände immer dabei und fragte dann die Person, womit sie sich am liebsten fotografieren lassen will.



Wie liefen die Fotosessions ab?

Kurz und schmerzlos. Die meisten Bilder waren in zehn Minuten im Kasten. Sie entstanden alle in Freiburg und in einem Radius von 15 Kilometern rund um die Stadt. Sechs Wochen lang habe ich gebraucht. Ich wurde mit einer Pauschale bezahlt.

An welchen Orten hast du fotografiert?

Auf dem Schlossberg, am Martinstor, am Schwabentor, an der Dreisam, im Audimax, im Weinberg, im OP in der Uniklinik, im Klassenzimmer. Einerseits an Orten, die man sofort als Freiburg erkennt, andererseits am Arbeitsplatz oder im persönlichen Umfeld der Menschen.

Der Bollenhut gehört zur Tracht der Frauen in Gutach, Kirnbach und Hornberg-Reichenbach. Schwarzwalddörfer im Ortenaukreis, die mit Freiburg nur wenig zu tun haben. Ist das für eine Repräsentation dieser Stadt nicht unpassend?

Wir haben den Bollenhut als Symbol genommen für die Region Freiburg. Es war sehr schwer, traditionelle und moderne Dinge zu finden, die Freiburg-spezifisch sind. Auch das Windrad ist ja nicht FR-beschränkt. Aber ich finde, die Lage der Stadt am Fuße des Schwarzwalds ist einzigartig und etwas Besonderes. Für mich gehört das schon zusammen.

Trotzdem: besteht nicht die Gefahr, dass Expobesucher die Fotos falsch interpretieren und glauben, dass man als Freiburger Frau einen Bollenhut trägt und eine Kuckucksuhr in der Küche hängen hat?

Ich glaube nicht, dass diese Gefahr besteht. Nehmen wir das Bild vom Kindergartenkind mit Bollenhut. Da wäre es doch absurd, wenn der Betrachter annimmt, dass Freiburger Kindergartenkinder auch sonst damit herumlaufen. Man sieht schon, dass das ein Spiel ist; dass dieses Symbol eingebettet ist ins Foto, aber eigentlich nicht zum Beruf oder zum Umfeld des abgebildeten Menschen gehört. Es ist inszeniert.



Inwiefern hatten die Leute Einfluss darauf, wie sie in Szene gesetzt werden?

Einen großen. Das hat ihnen auch richtig Spaß gemacht. Nehmen wir zum Beispiel Jessica Höfflin, ein 13-jähriges Mädchen (siehe Foto). Als sie mir die Tür öffnete, hatte sie sich schon einen Zopf ins Haar geflochten und sagte: „Schauen Sie, hier im Flur, da haben wir eine alte Anrichte, vor der würde ich gern fotografiert werden.“

Welche Freiburg-Promis hast du fotografiert?

Zum Beispiel. Dieter Salomon, Barbara Mundel, Cecile Verny, Horst Kary und Paul Ege.

250 Fototermine in sechs Wochen abzustimmen, ist auch eine organisatorische Leistung.

Im Nachhinein habe ich keine Ahnung, wie das überhaupt klappen konnte. Viele Termine kamen auch deshalb zustande, weil mir ein Fotopartner gleich den nächsten vermittelte. Ich habe zum Beispiel Harry Hochuli, den Leiter vom Polizeirevier Nord, angerufen, der vermittelte mir dann zwei Polizisten. Mit denen traf ich mich dann morgens um 7 Uhr auf dem Münsterplatz.

Wird unter dem Foto der Name der abgebildeten Person stehen?

Nein. In China wird es ja höchstens noch interessieren, wer der Oberbürgermeister ist. Aber ansonsten sind die Freiburg-Promis in Shanghai keine Promis mehr. Es gehört auch zum Konzept, dass jeder gleichberechtigt nebeneinander steht.

War es schwierig, arbeitslose Menschen zu finden?

Das war Zufall. Ich schlenderte an der Dreisam entlang und sprach Leute an, ob sie mitmachen wollen. Da ging es in erster Linie um den Ort. Als ich das Foto gemacht hatte, sagte der Mann: „Siehsch, jetzt hast du auch einen Hartz IV-Empfänger in deiner Serie.“



War es eine bewusste Entscheidung, dass eine Nicht-Freiburgerin den Zuschlag für diesen Foto-Auftrag bekommt?

Ich glaube schon. Harald Herrmann wollte eine Fremde einladen, herzukommen, damit man auch als Freiburger einen neuen Blick auf die Stadt kriegt. Denn sicherlich bin ich an diese Aufgabe viel naiver und unvoreingenommener herangegangen, als dies eine Freiburgerin getan hätte.

Welches Format haben die Fotos?

Sie sind farbig und quadratisch, 40 mal 40 Zentimeter, gemacht mit einer 5D Mark 2, leichtes Tele- oder Normalobjektiv. Als alles fertig war, haben wir die Bilder in meiner Wohnung auf den Boden ausgelegt. Ich wurde fast wahnsinnig. 250 Bilder. Die Gefahr ist groß, dass da alles auseinanderfällt: Völlig verschiedene Leute, drinnen und draußen, verschiedene Lichtsituationen. Wo ist der rote Faden? Das Quadrat bringt da wenigstens ein bisschen Ruhe rein.

Du bist während der Arbeit in Freiburg hochschwanger gewesen.

Ja, ich habe bis in den neuen Monat der Schwangerschaft reinfotografiert. Das war schon anstrengend. Ich werde zwei Urlaubssemester einschieben. Mein Sohn Emil ist jetzt acht Wochen alt. Die Pause muss einfach sein. Danach werde ich schauen, wie ich mein Studium mit Kind zu Ende bekomme.



Biographisches

Astis Krause, 30, stammt aus Strausberg bei Berlin. Sie machte eine Ausbildung zur Fotografin und begann in Hannover vor drei Jahren ihr Studium. Der Studiengang heißt Kommunikationsdesign, Schwerpunkt Fotografie. Krause interessierte sich von Anfang an für Fotojournalismus und dokumentarische Fotografie.

Nach Freiburg kam Krause erstmals im Jahr 2008. Sie bekam ein Stipendium der Freiburger Bürgerstiftung und fotografierte acht Wochen lang rund ums Thema „Arbeiten in Freiburg“. Die Ausstellung, die auch ein preisgekröntes Bild enthielt, war im Wentzingerhaus zu sehen.

Mehr dazu:


20 Bilder aus der Freiburger Fotoserie für die Expo 2010 von Astis Krause