Boiler Room TV: Der Broadcast-Sender für Clubmusik

Bernhard Amelung

Was machen Clubmusikliebhaber und Musiknerds nach Feierabend? Sie schauen Boiler Room TV. Noch vor drei Jahren war diese Online-Broadcast-Reihe ein Untergrundsender für Clubmusik aus London. Inzwischen legen Techno-Größen wie Sven Väth oder die HipHop-Legende J Rocc unter diesem Label auf. fudder-Autor Bernhard Amelung stellt es uns vor:



London. Ein kleiner Büroraum im Arbeiterbezirk Dalston. Blaise Bellville, ein Start-up-Unternehmer Anfang zwanzig, sitzt an seinem Schreibtisch. Gerade hat er zwei Projekte zum Erfolg geführt: das Online-Magazin Platform und die Veranstaltungsagentur All Age. Während seiner Arbeit, vielmehr noch in seiner freien Zeit, durchstöbert er das Internet nach Musikpodcasts und Streamingangeboten. Dabei stößt er immer wieder auf Disc Jockeys der Londoner Untergrundszene, die ihre Online-Radiosendungen zuhause produzieren, sich dabei mit einer Webcam filmen und über Plattformen wie Ustream oder Livestream der Öffentlichkeit präsentieren.


Kurzentschlossen fragt der Jungunternehmer zwei befreundete Disc Jockeys, Thristian Richards und Femi Adeyemi, ob sie Lust hätten, im alten Heizungskeller seiner Geschäftsräume ein Mixtape aufzunehmen. „Beide sagten sofort zu. Sie kamen mit einer Auswahl Schallplatten und einer Handvoll Freunde. In letzter Minute habe ich eine Webcam installiert und das DJ-Set via Ustream übertragen“, erinnert sich Bellville. Das war im Herbst 2009. Der Vorläufer von Boiler Room TV war geboren.



Dreieinhalb Jahre später ist Boiler Room TV aus der digitalen Gegenwartskultur nicht mehr wegzudenken. Inzwischen werden Musiksendungen in wöchentlichem Rhythmus in London und ein Mal im Monat in New York, Los Angeles und Berlin produziert. Ansprechpartner in Berlin sind Alexander Waldron, der das Musiklabel Greco-Roman führt, und Michail Stangl, der unter anderem die Veranstaltungsreihe Leisure System im Club Berghain organisiert. Dazu kommen zahlreiche Sondersendungen, etwa vom sound:frame-Festival in Wien oder dem Amsterdam Dance Event.

Das Grundkonzept ist aber immer noch dasselbe: Ein Boiler Room-Event findet stets in einer Off-Location - stillgelegter Heizungsraum, Kunstgalerie oder Hotelzimmer - statt. Drei, vier Disc Jockeys, meist aus dem Bereich der elektronischen Musik legen jeweils eine Stunde ihre Musik auf. Das kann experimenteller Ambient oder Dubstep, druckvoller House und Techno, aber auch Disco oder Hip-Hop sein. „Nur keine Scheuklappen“, sagt Bellville.

Dazu kommt ein handverlesenes Publikum, selten mehr als 200 Gäste. Teilnehmen kann nur, wer auf der Gästeliste steht. Wie man einen Platz darauf ergattert, wird weitgehend geheim gehalten. Manchmal verlosen die Künstler vor ihrem Auftritt ein paar Plätze über Facebook. Wer draußen bleiben muss, tröstet sich mit dem Live-Stream im Internet, den eine kleine Webcam produziert.



Je nachdem, welcher Künstler im Line-up steht, etwa die Techno-Legenden Richie Hawtin oder Sven Väth, verfolgen inzwischen weit über 250.000 Zuschauer eine Sendung. Das bringt Boiler Room TV oft an die Grenze der Belastbarkeit. Dann wackelt und stockt der Stream. Ab und zu setzt er ganz aus. Doch um die Datenübertragungsrate zu steigern, benötigen Bellville und sein Team Geld. Geld, das sie mit Boiler Room TV nicht verdienen.

„Zu Beginn habe ich etwa 200 Euro im Monat aus eigener Tasche in das Projekt gesteckt. Mehr war nicht machbar. Die Anschaffung von neuem Equipment sprengte regelmäßig unser Budget. Die Übertragung hat daher immer noch einen Do-it-yourself-Charakter“, so Bellville. Auch Verträge zwischen ihnen und den Künstlern gibt es keine. Sie spielen umsonst. Das sieht der Londoner als wesentlichen Erfolgsfaktor.

Finanziell und damit auch technisch besser ausgestattet ist Boiler Room TV, seit die Red Bull Music Academy als Partner eingestiegen ist. Auch können Unternehmen diese Plattform inzwischen für eine gesponserte Veranstaltung buchen. Vorreiter für eine solche erlebnisorientierte Markenpräsentation war der US-amerikanische Streetwear-Hersteller Vans.

Anlässlich der Berlin Fashion Week 2013 hat er sich mit dem Boiler Room-Machern zusammengetan und ein Showcase im Stattbad Wedding gebucht. Im Februar stand eine Live-Sendung mit der schwedischen Elektronika-Band Little Dragon und Hip-Hop-Legende J Rocc im Zeichen der Marken Diesel und Edun. Unter den Gästen befanden sich die Hollywood-Schauspieler Adrien Brody und Jessica Alba sowie Rap-Legende Kanye West.

Bellville dazu: „Das Musikprogramm stellen wir zusammen. Hinsichtlich Auswahl und Qualität der Künstler gehen wir keine Kompromisse ein.“ Zudem sei Boiler Room zu allererst eine Musiksendung. Daher werden die Sendungen auch Tage später in der Mediathek veröffentlicht. Bis zu 4,5 Millionen Zugriffe weist die Seite pro Monat auf. Aus den anfangs lockeren Heizraum-Sessions ist eine international etablierte Marke geworden.

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[Fotos: Bild 1 © Boiler Room, Bild 2 und 3: Screenshots]