"Boiler Room steht für die Grundidee eines Clubs": Boiler Room-Moderator Michail Stangl im Interview

Bernhard Amelung

Boiler Room gibt es seit fünf Jahren. Gesicht und Stimme des Projekts ist Michail Stangl aus Berlin. fudder-Autor Bernhard Amelung wollte von ihm wissen, ob Boiler Room das Bild des Clubs und Discjockeys verändert und warum viele Shows werbefinanziert sind.



Boiler Room gibt es seit fünf Jahren. Wie hat sich das Konzept in dieser Zeit verändert?

Stangl: Boiler Room dokumentiert Clubkultur. Die Sendung macht sie Menschen zugänglich, die keinen Zugriff darauf haben. Das ist eine Konstante dieses Produkts. Das Einzige, was sich in den Jahren verändert hat, ist unsere Reichweite. Am Anfang war es eine Show, die nur Musiknerds angeschaut haben. Mittlerweile hat Boiler Room ein weltweites Netzwerk und Millionen Zuschauer.

 

Was hat Boiler Room zu diesem Durchbruch verholfen?

 
Dass wir ein authentisches Interesse an der Untergrund-Musikkultur haben. Die Zuschauer merken, dass wir keine Medienleute sind, die eine Subkultur ausschlachten und mit ihr Geld verdienen wollen. Wir sind alle immer noch aktiv in der Szene der elektronischen Musik.

Zudem findet Boiler Room primär nicht statt für die Szene in Metropolen wie London oder Berlin. Die Sendung richtet sich vor allem an Menschen, die ein Interesse an dieser Musikkultur haben, aber zum Beispiel auf Grund geografischer Faktoren nur selten an ihr teilhaben können. Wir bringen ihnen einen Marcel Dettmann oder einen Beatbastler wie Kaytranada aus Los Angeles nach Hause. So schaffen wir für sie eine Zugehörigkeit zu dieser Subkultur.

 

Boiler Room setzt das Recht auf Teilhabe am subkulturellen Leben durch?

 
Ganz genau. Nur weil man auf dem Land lebt oder das Geld nicht hat, Woche für Woche nach London oder Berlin zum Feiern zu fliegen, heißt das nicht, dass man nicht Teil einer Subkultur sein darf. Wir verbinden diese Menschen mit den Schlüsselfiguren ihrer Szene. Und dadurch, dass Boiler Room direkt und unmittelbar gesendet wird, machen wir das Ganze nochmal erlebbarer als eine bloße Radiosendung.

 

Boiler Room ist also basisdemokratisch und partizipativ. Wie hat die Live-Sendung deiner Ansicht nach das Bild eines Clubs verändert?

 
Gar nicht. Boiler Room ist ja keine eigentliche Party oder ein Partykonzept. Wir stehen vielmehr für die Grundidee eines Clubs. In den Räumen, aus denen wir senden, befindet sich nichts außer einer Musikanlage, dem DJ- oder Live-Setup und einem Publikum. Das sind in der Regel Freunde und Bekannte des Künstlers, denn wir wollen eine Atmosphäre schaffen, in der der Künstler ohne performativen Druck auftreten kann.

 

Trotzdem können die Zuschauer jede einzelne Bewegung live mitverfolgen. Wie wirkt sich das Echtzeitformat auf das Bild eines Discjockeys aus?

 
In den vergangenen Jahren hat sich das DJ-Bild verändert. Die Szene hat sich professionalisiert. PR-Agenturen kümmern sich darum, welche Ankündigungen und Interviews bei welchem Magazin publiziert werden. Booking-Agenturen kümmern sich darum, dass die Running Order dem Status des Discjockeys entspricht. Das alles befördert Boiler Room nicht.

Bei Boiler Room kann ein Discjockey oder Live-Act ungefiltert seine Kunst zeigen, da wir vieles, was zur Musik- und Veranstaltungskultur dazugekommen ist, ausklammern. Bei uns hat keine EDM-isierung der Performanz stattgefunden. Die Discjockeys machen bei uns dieselben Posen wie auf einem Festival oder im Club. Genauso auch das Publikum. Bei House-Sets wippen die Leute, bei Bassmusik schmeißen sie Gunfinger. Boiler Room reproduziert das Energielevel genauso, wie es sich in den meisten Clubs dieser Welt in Abhängigkeit von der Musik verhält.

 

Wie authentisch kann eine Reproduktion überhaupt sein?

 
Wir werden oft für eine angebliche Künstlichkeit kritisiert. Aber die Leute, die vor der Kamera zu sehen sind, verhalten sich auch so, wenn wir die Kameras ausschalten. Manche Discjockeys gehen beim Filtern in die Knie, andere, wie zum Beispiel ein DJ Hell, bewegen sich eher maschinell.

 

Wie verdient Boiler Room eigentlich Geld?

 
Das ist eine Frage, die sich die ganze Musikindustrie stellt. Die Leute sind unwillig, für Musik Geld zu bezahlen. Das Angebot von Boiler Room war immer kostenfrei zugänglich und soll auch für die Nutzer umsonst bleiben. Wir wollen keinen Bezahlcontent anbieten. Das ist eine große Herausforderung, denn inzwischen sind wir ein Unternehmen, das Leute beschäftigt. Das ganze Team, vom Festangestellten zu Freelancern und Freunden, die an Shows mitarbeiten, zählt 75 Mitarbeiter weltweit. Die wollen alle leben. Weil wir für sie verantwortlich sind, stehen wir in der Pflicht, Geld zu verdienen. Das tun wir mit unseren Werbepartnern.

 

Wer gehört dazu und wie kommen solche Deals zustande?

 
Wir haben zum Beispiel mit dem Sportartikelhersteller Adidas zusammen gearbeitet. Das ist ganz klassisches Kulturmarketing. Wir erarbeiten ein Konzept, stellen es dem Unternehmen vor, und entweder klappt der Deal oder er klappt nicht. Wir haben da schon auch interne Richtlinien. Dass wir heute mit der Deutschen Bank und morgen etwas mit Dildo King machen, wird nicht vorkommen.

Wie leicht lassen sich Unternehmen von euren Konzepten überzeugen?

Im angloamerikanischen Kulturkreis ist das einfacher. Dort herrscht ein größeres Verständnis für die Relevanz von Jugend- und Subkulturen. In England zum Beispiel haben viele Leute aus der Werbebranche selber Piratensender gehört und sind auf Raves gegangen. In Deutschland sitzen bei vielen Agenturen Mediaplaner, die, wenn man Glück hat, Soziologie studiert haben. In der Regel sind das aber Betriebswirte, deren Subkulturverständnis bei MC Fitti aufhört.

 

Trotzdem keine Show ohne Branding.

 
Am Anfang haben wir weit über 90 Prozent des Contents selber finanziert. Wir sind in die Städte gefahren, haben die Technik bezahlt, die Kameraleute, alles. Da kam nie etwas dabei rum. Geld in eine Kultur zu investieren, die nur von wenigen Publikationen zum Thema gemacht wird, ist suizidal.

Andererseits kann man Sponsoring aus der Clubkultur nicht wegdenken. In jedem Club steht ein gebrandeter Kühlschrank. Das ist zwar Low-key-Marketing, aber nichtsdestotroz steht man an der Bar und schaut auf das Logo von Astra, Flensburger oder Tannenzäpfle. Ich finde es widersprüchlich, dass man diese Art von vermarkteten Inhalten an der Bar gut findet, und sobald man der Theke den Rücken zuwendet, ist es wieder der totale Sellout. Ohne Sponsoring hätten wir unsere großen Projekte nie stemmen können.

 

Welche zum Beispiel?

 
Wir setzen Themen, die sonst niemand hat. Wir hatten den Minimal Music-Pionier Terry Riley als Gast. Wir haben DJ Premier mit dem Moskauer Hiphop-Künstler BMB Spacekid zusammen gebracht. Die gingen zusammen ins Studio, und der Beat, den sie gemacht haben, erscheint jetzt auf "Compton", dem aktuellen Album von Dr. Dre. Ich denke, damit sind wir auf einem Niveau angekommen, an dem wir auch offen dazu stehen können, dass unsere Projekte von einem Unternehmen finanziert werden.

 

Zur Person

Michail Stangl, 1983 in Moskau geboren und in der tadschikisch-afghanischen Grenzregion aufgewachsen, ist Gesicht und Stimme des Boiler Room. Seit rund vier Jahren plant, organisiert und moderiert der studierte Kommunikationswissenschaftler zahlreiche Ausgaben des digitalen Clubmusik-Formats. Außerdem gehört er zu den Veranstaltern der Partyreihe "Leisure System", die regelmäßig im Berliner Club Berghain stattfindet. Auf dem gleichnamigen Plattenlabel veröffentlichen sie Künstler wie Dopplereffekt, Tim Exile und Rob Clouth. Stangl, der selber unter dem Alias Opium Hum auflegt, gehört auch zum Kuratorenteam des CTM Festivals in Berlin, das sich der avantgardistischen Popmusik und experimentellen elektronischen Musik verschrieben hat.

[Foto: Michail Stangl/Opium Hum, Promo]