Böcherer: "Mit 30 will ich auf Hawaii gewinnen"

Dana Hoffmann

Andreas Böcherer (24) aus Freiburg gilt als eines der größten Triathlontalente Deutschlands. Mit seinem fünften Platz beim Triathlon auf Lanzarote hatte er sich für die Weltmeisterschaften auf Hawaii qualifiziert. Warum er trotzdem nicht teilnahm und worauf er sich im Ziel am meisten freut, hat er Dana erzählt.



Schmal und kräftig

Unter einem Ironman stellt sich der Laie einen eisernen Kerl vor: Groß, muskelbepackt und braungebrannt. Wer Andreas Böcherer gegenüber steht, mag auf den ersten Blick enttäuscht sein: Fast schmächtig wirkt der diesjährige Fünftplazierte von Lanzarote.

„Das Gleichgewicht zu halten ist eigentlich die größte Herausforderung. Man bewegt sich immer auf einem schmalen Grat, wenn man die eine Muskelgruppe in einer Disziplin zu stark trainiert, behindert sie einen bei den anderen beiden“, erklärt der 24jährige Freiburger Ausnahmeathlet seine schmale Statur. Kräftige Beine für den richtigen Druck beim Radfahren, lange, schlanke Muskeln für die nötige Ausdauer während des Laufens und kräftige Arme für den Wettkampf im Wasser – das alles perfekt zu trainieren ist eine der Schwierigkeiten, denen sich Andi stellen muss.

„Es ist wahnsinnig schwierig, den perfekten Triathlon hinzulegen, ich kann mich vielleicht an zwei erinnern, nach denen ich richtig zufrieden war.“ Andreas ist bescheiden. Seine Erfolge muss man ihm schier aus der Nase ziehen und anschließend trotzdem feststellen, dass er einige unterschlagen hat.

2005 konnte er auf der Kurzdistanz am Schluchsee den Streckenrekord des zweimaligen Weltmeisters Norman Stadler um eine halbe Minute toppen, drei Wochen später schlug er den damaligen Hawaii-Dritten Faris Al-Sultan beim Breisgau Triathlon in Malterdingen. Wenige Wochen später konnte dieser die WM für sich entscheiden.



Mit 30 auf Hawaii

Die Vulkaninsel war für Andi damals noch kein Thema. 2006 gab er sich bescheiden und antwortete auf die Frage, wo er mit 30 sein wolle: „Auf Hawaii ganz vorne mit dabei.“ Nach seinem zweiten Deutschen Meistertitel auf der Halbdistanz und seinem erfolgreichen Debüt auf der Langstrecke in Lanzarote befindet Andreas auf dem besten Weg dorthin.

Hawaii, das sind 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und zum Abschluss gut 42 Kilometer Laufen. Doch trotz nötiger Qualifikation lies Andi die Weltmeisterschaft sausen: „Es war einfach noch zu früh, sowohl für mein Alter als auch für meine athletische Entwicklung.“ Vernünftige Athleten würden zwei Wettkämpfe bestreiten, ein paar auch drei. Andi gibt sich in diesem Jahr mit dem Erfolg auf Lanzarote zufrieden, hofft aber im nächsten Jahr auf eine neue Chance für Hawaii beim Ironman in Frankfurt.



25 Stunden Training pro Woche

„Nach dem Rennen hast du Blutwerte wie ein Krebskranker, ich will es nicht übertreiben und geh es langsam an.“ - Das dürfte ihm nicht allzu schwer fallen, zu Hause warten nicht nur Mathebücher, sondern auch Freundin Corinna (34) und Tochter Paula (10 Monate).

Trotz des strengen Trainingsplans (3 Mal Schwimmen, je 6 Mal Laufen und Radfahren, je 2 Mal Lauftechnik- und Kraftraining und 4 Mal Stabilisationstraining, rund 25 Stunden pro Woche) nimmt der junge Vater sich regelmäßig Zeit für seine Familie: „Sonntags habe ich Pause, wir gehen dann viel Spazieren, Essen zusammen und genießen den Tag.“



Training und Familie

Andis Freundin Corinna und deren Tochter Sophie (13), beide selbst bekennende Triathleten, nutzen die babyfreie Zeit zum Langlaufen oder Radfahren, während Papa und Paula zu Hause bleiben. Auf seine Frauen will Andi aber auch bei den Wettkämpfen nicht verzichten: „Corinna und Paula sind so gut wie immer mit dabei. Es ist einfach schön, wenn im Ziel deine Liebsten auf dich warten, die Zeit bis zur Siegerehrung kann echt lang werden.“

Nicht nur emotional, sondern auch medizinisch müssen die Sportler im Ziel betreut werden: Infusionen mit Salz und Mineralstoffen sind nach dem Wettkampf wichtig. Rund 9000 Kalorien verbrennt Andi auf der Langdistanz, das sind 1000 pro Stunde. Nur knapp 2000 Energieeinheiten nimmt er mit Riegeln und Gels zu sich, viereinhalb Liter Wasser und Cola wirken knapp bemessen, bei praller Sonne und nicht selten über 30 Grad.



Günstige Gene

Zum Vergleich: Ein Mann mit Andis Größe und Gewicht (1,82m/70kg) setzt im Schnitt pro Tag rund 1800 Kalorien um (ohne Sport). Diese Extrembelastungen kann Andi nur dank gesunder Lebensweise, einem ruhigen Umfeld und konsequentem Training durchstehen. Obwohl er aus „einer total unsportlichen Familie“ kommt, hat Andi gegenüber vielen anderen Athleten einen entscheidenden Vorteil.

Bei einer Untersuchung 2004 wurde festgestellt, dass er über bestimmte genetische Vorraussetzungen verfügt, die eine sportliche Karriere begünstigen können. Es würde dem Freiburger Talent aber nicht gerecht werden, seine Erfolge darauf zurück zu führen. „Ohne hartes Training könnte ich nichts reißen“, schätzt Andi seine Begabung ganz realistisch ein. Dass er mit seinem sportlichen Potenzial auch Misstrauen erwecken kann, weiß Andi. Deshalb veröffentlichte er in diesem Sommer einige Blutwerte auf seiner Website.



Siegen und helfen

Solange es geht, will er seine Grenzen weiter aus testen. „Die letzten zehn Kilometer sind am schlimmsten, die durch zu halten, ist hart.“ Dafür, dass er auch diese letzte Kraftprobe übersteht, sorgen seine Trainer Rolf Luxemburger, Matthias Marquardt und Martin Lobstedt.

Daran nimmt sich Andi ein Beispiel: „Ich möchte später auf jeden Fall junge Sportler unterstützen, ich war für Hilfe immer sehr dankbar.“ Bevor es aber so weit ist, will er selbst noch zum Ironman von Hawaii aufsteigen.