Bobby Car-Rennen und Jogi Löw: Die Abistreiche am Rotteck & St. Ursula

Frank Zimmermann & Simone Höhl

Geschafft: 1025 Schülerinnen und Schüler haben in diesen Tagen an Freiburgs Gymnasien das Abitur abgelegt, rund 700 von ihnen an staatlichen Schulen. Klar, dass das Schulende und das Ende eines Lebensabschnitts ausgiebig gefeiert wurden. Mit privaten Feten, festlichen Abibällen und anarchischen Abistreichen.

Es ist heiß auf dem Schulhof des Rotteck-Gymnasiums, nirgends gibt es Schatten. Flatsch.  Schüler gießen über Mitschülern einen Eimer Wasser aus.  Und nochmal flatsch.  Lehrer Rainer Kügele hockt derweil in einem Einkaufswagen, in der Hand eine Angst einflößende Wasserpistole, und wird von einem Kollegen  herumkutschiert. Kügele versucht, seine Gegner im anderen Wagen, zwei Schüler, zu bezwingen. Das Publikum hat seinen Spaß. Es gibt Applaus.  Auch für zwei Lehrer, die beim Bobbycar-Slalom verloren haben. „Schlag den Abiturienten“ heißt die Spielerunde  in Anlehnung an  Raabs Show. Die Stimmung ist gut, bei den Schülern mit Wasserbomben ausgelassen. Auch, weil seit kurz nach elf kein Unterricht mehr ist – die Abiturienten haben ihm Vuvuzela blasend ein Ende bereitet.


Der Abistreich am Rotteck-Gymnasium war in den letzten Jahren in Verruf geraten. „Das Niveau war stetig gesunken,  letztes Jahr fand ich’s echt schlimm“, sagt Abiturientin  Leonie Müller, die den Abistreich mitgeplant hat. Alkoholauswüchse, Sachbeschädigungen, exzessive Wasserschlachten, ein am Ende unaufgeräumtes Schulhaus  und Zoff mit der Nachbarschaft hätten für Verärgerung gesorgt, erklärt Rektor Eberhard Fugmann. Einen Abistreich mit Programm für Lehrer und Schüler gab es nicht.  Anders in diesem Jahr: Die Spiele im Schulhof findet der Rektor ansprechend und amüsant, das Alkoholverbot wurde weitgehend eingehalten, und die Abiturienten haben –  vom Feiern müde hin oder her – nach der Sause aufgeräumt.  „Dieser Jahrgang bleibt in guter Erinnerung“, so Fugmann. „Der Abistreich war so etwas wie ein Neustart.“

Abistreiche brechen stets ohne vorherige Ansage über die Schule herein. Den Rektor hatten die fast hundert Rotteck-Abiturienten, um Ärger zu vermeiden, allerdings  in ihre Pläne eingeweiht – und alle Lehrer vorher eingeladen. „Das sind ja unsere Hauptakteure“, sagt die 18 Jahre alte Leonie. Auf eine Abrechnung mit den Pädagogen verzichten die Abiturienten. „Das ist nicht Sinn der Sache“, findet der 18-jährige Christoph Schiek. „Natürlich machen sich die Lehrer bei den Spielen lächerlich, aber wir Schüler ja auch.“ Ein netter Abschluss sei’s, findet Leonie: „Ich bin aber schon froh, dass die Schule vorbei ist.“ Vom Ernst des Lebens will sie jetzt noch nichts wissen. Au-Pair in Rom steht zur Auswahl, bei Christoph erstmal ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Museum am Bodensee.  Dann wird man weitersehen. Studieren ist geplant.

Natürlich  läuft  auch bei diesem Jahrgang nicht alles rund: Die Organisation für den Abistreich verlief anfangs schleppend, nicht auf jeden Mitschüler war Verlass. Das mit den Abi-T-Shirts hat nicht geklappt, und auch einen Abifilm gibt’s nicht, das ausgewählte Motto „Käpt’n Blaubar – immer blau und trotzdem schlau“ kommt nicht bei allen an, und das traditionelle Übernachten in der Schule in der Nacht vor dem Streich musste ausfallen wegen der Bauarbeiten  im Rotteck. Trotzdem sei man zusammengewachsen, findet Leonie. Noch der Abiball am nächsten Abend, dann ist wirklich alles rum.

Das große Finale am St. Ursula-Gymnasium.  Der Abistreich. Die Prüfung ist rum, der Abi-Ball mit den Eltern auch, das Zeugnis in der Tasche. Jetzt heißt das Motto: Die Heldinnen verlassen das Spielfeld. 136 Abiturientinnen feiern den Abgang. Der Spaß für die knapp 1100 Schülerinnen, die am Mädchengymnasium an der Eisenbahnstraße bleiben, dreht sich 2010 rund um die Fußball-WM. Und er hat Tradition: „Wir könnten es uns nicht leisten, keinen Abistreich zu machen“, sagt Deborah Baumgarten am Vorabend bei der Vorbereitung. Der Streich soll eine Überraschung sein, auch hier ist das Rektorat eingeweiht.

In der Aula malt das Streich-Team Zebrastreifen auf den Papp-Bus, mit dem es nach Südafrika geht, dazu wummern afrikanische Rhythmen, eine Helferin rückt mit Isomatte an. In der Schule zu übernachten gehört am Ursula zum Abistreich. Natürlich will den jeder Jahrgang anders als die Vorgänger machen. „Aber das klappt nie“, sagt Deborah. Und so werden auch diesen Dienstag die Klassenzimmer gestürmt, Schüler und Lehrer mit Wasserpistolen in die Aula getrieben, Spiele und Programm geboten. Dennoch ist diesem Jahrgang ein großer Wurf gelungen: Joachim Löw  spielt im Abifilm mit – der Bundestrainer wirft einen Ball, der dann durch die Reihe aller Abiturientinnen geht. Jogi Löw war in einem Café in der Nähe der Schule, erklären die Ursulinen: „Da haben wir halt mal gefragt, ob er kommen könnte.“ Und er kam. Der Film läuft zur Halbzeit des Abistreichs.

Davor und danach müssen  Lehrer auf die Bühne, sie sollen mit Flossen um die Wette laufen, Limbo tanzen und Bananen schnappen. Dabei geht’s nicht um Rache für die Schulzeit: „Wir machen’s nicht wirklich mies. Wir nehmen Lehrer, die sicher eine Supershow machen“, sagt Deborah. „Es soll ja unterhaltsam sein“, ergänzt  Lisa Kaindl. Danach ist Schulschluss. Das macht sie froh: „Nie mehr Mathe!“ „Keine Klausuren!“ Das macht sie aber auch traurig: „Alle gehen woanders hin. Es ist die Frage ob die Freundschaften halten“, meint Deborah, die Au-Pair in Den Haag wird. „Klar“, antwortet Lisa, die für ihr ein Freiwilliges Soziales Jahr in Freiburg bleibt.

Lehrer zu nichts zu zwingen, ist die Regel der Schulleitung. Eine andere, dass jede Abiturientin 20 Euro hinterlegt, falls was zu Bruch geht. „Nachher sind ja alle weg“, sagt Vize-Rektor Martin Sumbert. Sobald aufgeräumt ist, gibt’s das Geld zurück. Er kann sich nicht an Eklats erinnern. „Es gibt Kollegen, die fliehen“, sagt er in der heißen Aula, die Abi-Band heizt dem vollen Saal mit umgeschriebenen Fußball-Songs zusätzlich ein.

Die Lehrer, die geblieben sind, machen die Späße mit. Obwohl von vornherein fest steht, dass sie beim Finale verlieren, wenn die Schülerinnen gegen sie Fußball spielen –  zur Not durch Manipulation. Damit die Abiturientinnen als Heldinnen abtreten.

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  [Fotos: Michael Bamberger]