Blumentopf-Roger: "Idioten bestimmen heute das Bild des HipHop"

Philipp Aubreville

Nach dem Release eines Soloalbums startet der sonst bei der HipHop-Combo Blumentopf aktive Rapper Roger am Donnerstag seine "Alles Roger"-Tour im Freiburger Jazzhaus. Philip sprach für fudder im Vorfeld mit dem Münchener MC über sein Solo-Projekt, die Zukunft von Blumentopf und das Image-Problem, das man als HipHopper heute hat. [Mit Ticket-Verlosung!]

 

Deine Tour startet am Donnerstag ausgerechnet in Freiburg. Welche Erwartungen hast Du an den Gig und an den Rest der Tour?

Roger: Ich habe ja schon einen ersten Solo-Auftritt in Freiburg hinter mir. Das war mit einem DJ und es war sehr, sehr geil. Ebenfalls sehr geil war es auch, als wir mit Blumentopf neulich mit Clueso in Freiburg waren. Somit sind meine Erwartungen wahrscheinlich höher als die Realität im Endeffekt sein wird, denn das Konzert mit Clueso ist schwer zu toppen. Allerdings erwarte ich - gerade weil die bisherigen Auftritte der Hammer waren – einiges. Für die Tour allgemein hoffe ich, dass wir eine gute Zeit haben werden. Damit meine ich vor allem die Leute, die da sind, aber auch meine Band und diejenigen, die sonst noch mit auf Tour sind.

Werden sich deine Solo-Konzerte von klassischen HipHop-Veranstaltungen unterscheiden?

Es ist immer schwer zu sagen, was ein klassisches HipHop-Konzert heutzutage ist. Dass ich mit einer Band spiele, ist heute ja nicht mehr so abnormal, wie es noch vor fünf Jahren gewesen wäre. Allerdings spielen wir ein etwas anderes System: Ich habe zum Beispiel keinen Schlagzeuger dabei; die Drums kommen von der Platte und die Band spielt den Originalsound dazu.

Ich selbst werde wahrscheinlich nicht zur Gitarre greifen – ich bin Linkshänder und kann zwar die Songs auf der Gitarre spielen, aber nicht gleichzeitig so schnell rappen. Das ist rhythmisch eine schwierige Geschichte, für die man sich wohl mal länger hinsetzen müsste. Momentan übe ich allerdings lieber andere Dinge – aber das mit der Gitarre kommt bestimmt auch noch mal. Bevor ich das jetzt aber halbgar auf der Bühne präsentiere, überlass ich das lieber Leuten, die’s können.

Der Sound wird natürlich ähnlich sein wie der auf dem Album, aber die Umsetzung wird live etwas anders sein, was bisher sehr gut angekommen ist. Wir nehmen bei jedem Auftritt ein paar Änderungen vor, damit es optimal wird.

Du bist ja sonst bei Blumentopf. Was hat dich zu einem eigenen Album und eine eigenen Tour veranlasst?

Anlass für mein eigenes Album war ganz einfach die Tatsache, dass ich Musik mache. Ich habe mich jetzt nicht hingesetzt und gesagt: „So, jetzt mache ich ein Soloalbum.“ Ich habe schon vor langer Zeit damit angefangen, nebenher eigene Songs zu machen. Von denen hatten zum einen manche schon vom Sound her gar keine Chance, auf einem Blumentopf-Album zu landen. Zum anderen gibt es da ja auch ein Platzproblem: Die bisherigen Blumentopf-Platten waren ohnehin schon immer randvoll, wenn jetzt jeder von uns zwei bis drei Sololieder beisteuern würde, hätten wir die Platte auch voll.

Die Musik, die ich deshalb selber gemacht habe, hab ich immer wieder verworfen. Dieses Mal habe ich gedacht bevor ich’s wieder verwerfe, zieh ich’s lieber durch. Im Endeffekt ist das vom Musikalischen eigentlich ein kleiner Schritt gewesen, aber was das Rausbringen, die Verträge und so weiter angeht, war das Ganze schon mehr Arbeit als ich gedacht hätte. Und wenn man dann eine Platte veröffentlicht hat, will man die Stücke natürlich auch live spielen, insofern ist eine eigene Tour für mich natürlich ein Traum.

Spielst du auf deine Tour auch Blumentopf-Stücke, oder willst du das klar von deinem Solo-Projekt trennen?

Das ist relativ schwierig – ich will nicht das fünfte Blumentopf-Ding sein, sondern die Solo-Sache wirklich trennen: Wenn ich jetzt alleine „Safari“ anfangen würde, ist das ein Witz, denn da hat keiner einen richtigen Part, sondern nur seine zwölf Zeilen aneinander. Auch hier will ich wieder nichts Halbgares machen, sondern was Richtiges.

Ich mache zum Beispiel ein kleines Blumentopf-Medley, aber vor allem mit Liedern, in denen ich alleine rappe. Ich will eine gute Show abliefern und nicht dass es hinterher heißt: 'Der Roger ist ja live genau wie Blumentopf, nur weniger'. Die Leute sollen nicht denken, da macht jemand die Blumentopf-Show alleine.

Blumentopf und dich kennen weniger HipHop-Interessierte vielleicht von der RAPortage zur WM und EM. Wie seid ihr an diesen Job gekommen?

Zu dem Job kamen wir über einen alten Kollegen, den wir noch vom Skateboard-Fahren kennen. Der sitzt mittlerweile in der WDR-Sportredaktion. Nachdem wir ihn ein bisschen aus den Augen verloren hatten und ihn nur noch bei Konzerten in Köln trafen, kam kurz vor der WM ein Anruf von ihm, ob wir nicht Bock hätten, irgendwas zur WM zu machen – konkret war allerdings noch nichts geplant. Wir hatten dann die Idee, ein Spiel in Rap-Form zusammenzufassen.

Wir haben das dann mal bei einem Freundschaftsspiel gegen Italien, das Deutschland glaub ich mit 4:1 verloren hat, ausprobiert. Es hat dann etwas gedauert bis wir wieder etwas hörten, aber die Leute bei der ARD waren hellauf begeistert. Bei der WM kam das Ganze nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den Verantwortlichen der ARD gut an, so dass wir das jetzt wahrscheinlich lebenslang machen könnten.



Wie war das Feedback?

Das Feedback war zu 99,8 Prozent positiv. Das heißt zwar nicht, dass diese Leute nun alle unsere Platten kaufen, aber mit dem Namen Blumentopf können schon mehr Menschen etwas anfangen. Das zahlt sich finanziell jetzt nicht unbedingt großartig aus, aber du kannst dich mit drei 60-jährigen an einen Tisch setzen und wenn sie dich fragen: „Was machen Sie denn?“ und du antwortetest: „Musik, ich bin Rapper“ können die damit nichts anfangen. Wenn du aber fragst: „Haben Sie die EM gesehen und die Zusammenfassungen der Spiele?“ kennen dich die Leute auf einmal.

Du gehörst ja zu den Rappern, die dem deutschen HipHop mit zum Durchbruch verhalfen. Was ist passiert, dass Idioten – wie du sie in der Pressemitteilung zu Deinem neuen Album nennst – zurzeit das öffentliche Bild von HipHop dominieren?

Das liegt vermutlich vor allem daran, dass Leute, die Wirbel machen, immer in den Medien präsent sind. Und Wirbel macht man mit etwas Aggressivem. Du stehst wahrscheinlich eher in der Zeitung, wenn du jemandem 'ne Knarre an den Kopf hälst als wenn du jemandem ne Blume schenkst. Mit dem Satz in der Pressemitteilung wollte ich eigentlich mehr sagen, dass es etwas Schade ist, dass HipHop dieses Image hat.

In kaum einer Stadt gibt es noch HipHop-Clubnächte, weil alle Veranstalter davon ausgehen, dass nur Idioten kommen. Ich sehe das Problem darin, dass Leute, die eigentlich keine Idioten sind, das langsam selbst so sehen, sich vom HipHop abwenden und lieber zu Elektropartys gehen, weil dort die cooleren Leute sind.

Viele stehen dann nicht mehr zu ihrem eigenen Ding: Wenn du jemandem erzählst, dass du HipHop machst, hat der gleich ein komisches Bild im Kopf. Das war früher manchmal auch schon so, aber man hat schon das Gefühl, man müsste sich rechtfertigen, weil die Leute nur drei Gruppen kennen und sich unter HipHop etwas völlig anderes vorstellen als du eigentlich machst.

Da ist es dann die Aufgaben von Gruppen wie uns, dass wir dafür sorgen, dass die Leute sich wieder was anderes darunter vorstellen, so dass wir uns auch wieder wohl fühlen mit dem Begriff HipHop.

Wirst Du nostalgisch, wenn Du so siehst, wer heute so in den Medien präsent ist? Früher musste man doch sicher weniger erklären, wofür man steht…

Früher hat man das eher im Kleinen versucht. Das ist eine normale Entwicklung, schau dir Amerika an: De La Soul haben, glaube ich, nicht einmal mehr einen Plattenvertrag, irgendwelche Nasen hingegen Doppel-Platin.

Ich will aber kein Gejammer starten und ich find es auch nicht ungerecht, manche Sachen sind halt so. Es gibt ja auch immer noch Gruppen, die in dem Bereich aus dem wir kommen, sehr erfolgreich sind. Die gelten dann aber merkwürdigerweise oft nicht mehr als HipHop. Der Rahmen ist in die eine Richtung sehr breit, aber sobald es in die andere Richtung geht, es ist gleich kein HipHop mehr.

Fettes Brot läuft für die Leute ja beispielsweise nicht nur unter HipHop, aber eigentlich ist genau das; nur halt eine etwas andere Richtung. Deichkind hat auch HipHop-Ansätze, ist aber ein anderer Sound.

Nostalgisch werde ich aber eigentlich nicht – als wir mit HipHop angefangen haben, hätte keiner gedacht, dass man damit überhaupt einen Penny verdienen kann. Ich sehe dass auch nicht so, dass ein paar Gruppen den fetten Reibach machen. Es gibt heute sehr viele Gruppen, so dass manche vielleicht auch gezwungen sind, aus marketingtechnischen Gründen irgendwas Derbes zu machen. Früher konnte man sich mit einer guten Platte behaupten, heute langt eine gute Platte nicht mehr um aus diesen wahrscheinlich 150 Millionen MySpace-Seiten im Deutschrap-Bereich herauszustechen.

Wie geht es mit Blumentopf weiter? Und: wirst du dein Solo-Projekt fortsetzen?

Wir haben uns vorgenommen, ab Anfang nächsten Jahres an einer neuen Blumentopf-Platte zu arbeiten. Die kommt aber erst raus, wenn sie dope ist. Wir wollen nicht hören und vor allem nicht selber sagen müssen: „Früher waren die beziehungsweise. wir besser.“ Von daher steht noch kein Release-Termin fest.

Konzerte gibt es ja zurzeit noch, wobei die Winterpause vor der Tür steht. Damit wollen wir vermeiden, uns zu wiederholen – wenn man fünf Mal hintereinander ohne neue Platte auftritt, spielt man sich tot. Dann heißt es: „Ich war jetzt drei Mal da und die haben immer das Gleiche gemacht.“ Mit meinem Solo-Projekt werde ich natürlich nicht aufhören.

Aber jetzt kommt erstmal die Blumentopf-Platte – ich mache zwar schon wieder eigene Sounds, aber wann und wie das rauskommt, kann ich noch nicht sagen. Ich will mich ausschließlich um jeweils eine Sache kümmern. Jetzt werde ich mich erstmal mit 150% auf die Solo-Tour konzentrieren.



Zur Person

Nach über zehn Jahren als Rapper der Münchener Gruppe Blumentopf hat Roger Manglus im Sommer sein erstes Solo-Album „Alles Roger“ veröffentlicht. Obschon ein HipHop-Longplayer unterscheidet sich die Platte von bisherigen Blumentopf-Releases: Als „Solokünstler werden andere Saiten aufgezogen - Gitarrensaiten beispielsweise.“ Nach einigen vereinzelten Konzerten, unter anderem im Freiburger Kamikaze, startet der 33-jährige am Donnerstag seine Solo-Tour im Jazzhaus.

Verlosung

fudder verlost zwei mal je zwei Karten für das Konzert von Roger im Jazzhaus. Um an der Verlosung teilzunehmen, schickt eine E-Mail mit Eurem Namen, Eurer Adresse und dem Betreff "Alles Roger" an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist am Mittwoch, 24. September 2008, 18 Uhr. Die Gewinner werden am selben Tag per E-Mail benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Mehr dazu:

Was: Roger - "Alles Roger"
Wann: Donnerstag, 25. September 2008, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus, Freiburg
Tickets: 13 Euro (Vorverkauf), 16 Euro (Abendkasse)

Roger - Nichts & Niemand

Quelle: YouTube