Blumentopf im Jazzhaus: Dicke Brocken im Einheitsbrei

Till Neumann

"Es bleibt dabei, wir spucken dicke Brocken in den Einheitsbrei" rappten die Blumentöpfe gestern Abend im ausverkauften Jazzhaus. Und damit haben sie Recht. Was die vier Rapper Schu, Roger, Holunder und Heinemann und ihr DJ Sepalot zeigten war erfrischend. Sehr erfrischend sogar. Till war für fudder dabei.



Eine Freestyle-Tour – was ist das, fragte ich mich, als ich das Plakat zum Konzert zum ersten Mal sah. Wird da nur gefreestyled, also frei improvisiert gerappt? Oder ist das einfach der Name des neuen Albums? In der Jazzhausbroschüre las ich dann, dass es wirklich ein improvisiertes Freestyle-Konzert werden sollte – ich war gespannt.


Nach einer halben Stunde Programm der Münchner Vorband Doppel D wartet das Publikum bereits ungeduldig auf den Hauptact. Vereinzelt werden „Blumentopf“-Sprechchöre angestimmt. Dann ist es so weit: Um 21 Uhr ist Showtime. DJ Sepalot startet den Beat, nach und nach kommen die vier Rapper Schu, Holunder, Roger und Heinemann auf die Bühne und „kicken“ die ersten Freestyles. Die Menge ist sofort dabei. Bei jeder guten Zeile wird frenetisch gegrölt. Im Sekundenakt, denn die vier Münchner jonglieren mit Wörtern wie andere mit Bällen.

Die erste Session dauert 15 Minuten. Die Bässe dröhnen, aber auf den Beat achtet man nicht wirklich, der Text ist spannender. Man merkt den Rappern an, dass sie ein eingespieltes Team sind und ihren Spaß haben an diesem doch ungewöhnlichen Tourformat. Und das, obwohl sie nicht alle in Höchstform sind. Holunder ist offensichtlich erkältet, mehrmals sieht man ihn husten. Auch Heinemann holt sich später einen Tee auf die Bühne, während Roger Cuba Libre trinkt.



Aber es ist dann doch nicht alles improvisiert an diesem Abend. Ein bisschen Struktur braucht offensichtlich auch eine Freestyle-Tour. Die Rapper von Blumentopf haben Refrains vorbereitet, die sie in die Freestyle-Sessions einbauen. Und es werden auch richtige Songs gespielt. Zum Beispiel „Schweiß“ vom aktuellen Album Musikmaschine, „Mein Block,“, „Rave on“ und natürlich das obligatorische „Party Safari“ bei dem fast alle den Text mitsingen und euphorisch tanzen. Als Appetizer außerdem noch zwei Songs vom neuen Album.

Insgesamt überwiegt im Programm aber klar der Freestyle-Anteil. Die einzelnen Sessions sind in ihrer Besetzung spontan. Mal stehen alle vier Rapper vorne und rappen, mal sind es nur zwei oder drei. So unterhaltsam, wie das für die Zuschauer ist, ist es offensichtlich auch für die Künstler. Sie selbst amüsieren sich über ihre gelungenen Reime, lachen und staunen über die der anderen.

Die eingeschobenen Songs sind für das Publikum dennoch eine willkommene Abwechslung. Nur Freestyle über die gesamte Dauer wäre wohl doch zu viel. Die Mischung aus Improvisiertem und Eingespieltem passt sehr gut... Über die ganze Konzertdauer ist es nicht einmal langweilig. Der Spannungsbogen wird gehalten - unter anderem auch durch einen Ausflug der Rapper von der Bühne zur Bar. Auf der Bar stehend rappen sie da passend zum Ort über Drinks, Mädels und Parties. Die Zuschauer gehen richtig ab.



Ein weiteres Highlight des Abends ist ein zufällig ins Spiel gebrachter Tetrapak Orangensaft. Holunder hatte das beim Rappen bei einem Zuschauer gesehen und versehentlich für eine Zigarettenschachtel gehalten. Als er seinen Irrtum bemerkt, wird das natürlich in Reimform gerade gerückt. „Scheiße man, ich hab’s verrafft, das ist gar keine Kippenschachtel, das ist Orangensaft.“ Der Tetrapak wird Thema einer ganzen Session.

Am Ende des Konzerts wird es kurz politisch. Holunder hatte erklärt, dass er Studiengebühren gut finde, wenn sie sinnvoll eingesetzt würden. Vom Publikum erntet er dafür Pfiffe und Buhrufe. Bevor die gute Stimmung umschlägt, schreitet Schu ein. „Das hier ist eine Freestyle-Show, keine politische Veranstaltung.“

Mit insgesamt drei Zugaben, inklusive einer Session, bei der Holunder Klavier spielt, wird das Publikum partytechnisch wieder wohlgestimmt. Tosender Applaus verabschiedet die „Töpfe“ um Viertel nach 11 von der Bühne. „Ich geh raus mit Applaus“, meint ein begeisterter Zuschauer nach dem Konzert.

Das spontane Reimen scheint anzustecken.