Bloß nicht "Ich weiß" sagen (3)

Müslüm Erikci

Müslüm stellt im folgenden seine malaiische Gastfamilie vor. Vom schüchternen Rocker (Azrul) bis zur selbstverliebten Internatsschülerin (Diana) ist alles vertreten. Die Gastmutter pilgert bald nach Mekka. word up, Müslüm!



Ich wollte eine Weile warten, bis ich etwas über meine Familie schreibe, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Nun kann ich hoffentlich einigermaßen die Charaktere und Gewohnheiten der einzelnen Familienmitglieder einschätzen.

Mein ältester Bruder heißt Azri. Er ist 23 und besitzt ein Internetcafe. Meistens schläft er tagsüber, nachts ist er bei der Arbeit. Falls er mal zu Hause ist und nicht schläft, duscht, isst oder fernsieht, geht er mit seiner Freundin Yee raus.

Azri ist ziemlich ruhig und gelassen. Er interessiert sich sehr für Technik, Computer und Spielkonsolen. Azrul ist 21 Jahre alt und jobt bei Ikea. Die meiste Zeit hängt er mit seinen Rockkollegen ab. Für sein Alter ist er ziemlich unsicher und schüchtern, doch bei näherem Kennenlernen stellt er sich als netter Typ heraus. Seine Hobbies sind Gitarrespielen und Spanischlernen. Er will irgendwann nach Lateinamerika reisen, um dort sein Spanisch zu verbessern.

Mit Azrul und seinem jüngeren Bruder Azrein, der ein halbes Jahr älter ist als ich, teile ich ein Zimmer.
Azrein hat seine Schule abgeschlossen und wartet auf Antworten der Universitäten, bei denen er sich beworben hat.
In seiner Freizeit hängt er mit seinen Freunden ab. Ansonsten ist er zu Hause, da mein Gastvater ihm verboten hat, weiterhin Auto zu fahren. Zwei Wochen nach seiner Führerscheinprüfung ist er mit dem Auto seines Bruders Azrul gegen eine Straßenlaterne gefahren. Zum Glück ist ihm nichts passiert.

Das Auto von Azrul hatte einen Totalschaden und ist bis heute nicht repariert.
Azrul nahm die Schuld auf sich, denn sonst haette Azrein seinen Führerschein verloren und dürfte sehr lang nicht Auto fahren, da er noch in der Probezeit war.
Über meine Gastschwester weiß ich nicht sehr viel, da sie ein Internat besucht, das außerhalb von Kuala Lumpur liegt. Sie kommt nur während der Ferien nach Hause. Sie hat den Drang, sich selbst zu fotografieren, ist 14 Jahre alt und heißt Diana.

Aizul, meinen 10jährigen Gastbruder, sehe ich am häufigsten. Er steht morgens mit mir auf, danach fährt uns unser Gastvater zur Schule, wobei Aizul, anders als ich, eine Privatschule besucht. Nach der Schule setzt er sich den ganzen Tag vor die Glotze oder spielt Computer. Bis jetzt habe ich keinen Freund von ihm gesehen und auch nicht, dass er irgend etwas außerhalb des Hauses unternehmen würde.

Er geht lediglich zur Schule und an Wochenenden hat er Klavier- und Taekwandounterricht.
Am liebsten verbringe ich die Zeit mit meinem dreijährigen Bruder Mohammad und der Nanny. Er ist ziemlich frech und ein Schreihals, aber derjenige, von dem man am meisten lernen kann. Denn er spricht nicht so schnell malaiisch wie die anderen und kann auch keine andere Sprache sprechen, da bleibt mir keine andere Wahl, als mit ihm auf malaiisch zu reden.

Das gleiche gilt für meine Nanny. Sie spricht nur malaiisch mit mir und bringt mir die Bezeichnungen der einzelnen Gegenstände bei. Außerdem passt auf Mohammad auf und sorgt für den Haushalt, seit anderthalb Jahren. Die alte Nanny ist mit ihrem Liebhaber durchgebrannt.

Daraufhin hat meine Gastmutter 5000 RM (zirka 1000 Euro) an die Abteilung für Immigranten gezahlt, um eine Haushälterin aus Indonesien oder einem anderen Nachbarstaat zu bekommen. Falls die Nany aus Malaysia stammt, muss man keine Gebühr bezahlen, denn die Regierung ist sehr strikt und will mit solchen Maßnahmen den einheimischen Arbeitsmarkt fördern. Nach zwei Jahren hat unsere Nanny die Wahl, weiter bei uns zu arbeiten, den Arbeitgeber zu wechseln oder heimzukehren. Nach den ersten zwei Jahren wird der Vertrag immer um ein Jahr verlängert.



Zu meinen Gasteltern. Meine Gastmutter ist meistens in ihrem Zimmer bzw. im Schlafzimmer, falls nicht, ist sie bei ihren Freundinnen oder geht einkaufen, denn für den Haushalt ist sie nicht zuständig. Es liegt ihr sehr viel an ihrem Aussehen und diesen Sommer pilgert sie nach Mekka für die Umre, das ist die zweithöchste Pilgerfahrt. Man kann sie einmal im Jahr machen. Die Umre kann von drei Tagen bis zu einem Monat dauern. Es ist jedem selbst überlassen, wie lange man in Mekka bleiben will.

Zur Umre geht man meist, bevor man als Hac nach Mekka pilgert. Hac ist die höchste Pilgerfahrt im Islam, sie dauert einen Monat. Man kann auch beides auf einmal machen. Hac ist die Pflicht jedes Moslems, die Umre dagegen ist nicht vorgeschrieben.

Zweierlei sollte man als Europäer in Asien vermeiden, nämlich übertriebene Offenheit und häufig "Ich weiß" zu sagen. Dies habe ich getan. Meine Gastmutter meinte, ich sei arrogant, ungehobelt und sollte mich ändern. Das hat mich sehr wütend gemacht. Ich weiß zwar, dass ich manchmal den Klugscheißer raushängen lasse. Aber arrogant bin ich nicht.

Meinen Gastvater sehe ich am Morgen, wenn er mich zur Schule fährt und am Abend, wenn er von der Arbeit zurück kommt. Er liegt sehr viel Wert darauf, dass ich mich wie zu Hause fühle.

Als ich ihm erzählte, dass ich mit meiner Familie in Deutschland zusammen zu Abend esse, versuchte er jeden, der abends zu Hause war, zu Tisch zu rufen, damit wir wenigstens einmal am Tag gemeinsam eine Mahlzeit zu uns nehmen. Bis jetzt hat er mir sehr viel über die Geschichte und die heutige Situation von Malaysia beigebracht: wie die einzelnen Volksgruppen leben, in welcher Schicht sie am häufigsten vertreten sind und was typisch chinesische, indische oder malaiische Berufe darstellen. Zum Beispiel sind die Kioskbesitzer zumeist Inder. Man sollte aber nichts verallgemeinern. Als Beispiel kann ich euch sagen, dass eine Kioskbesitzer meist ein Inder ist, wobei man nichts verallgemeinern sollte.
Mein Gastvater ist der einzige, der die Familie versorgt.

Ältere Personen spricht man hier übrigens nicht mit dem Namen an. Man nennt sie Bruder oder Schwester und, wenn sie viel älter sind, Onkel und Tante.

MfG Müslüm