"Blockflöte? So was kann man studieren?"

Manuel Lorenz

Langweilig, spröde, spießig: Die Blockfllöte steht in keinem guten Ruf. Juliane ist das egal: Sie studiert das Instrument auf Bachelor und kämpft gegen die Klischees an. Ihre Lieblingsbands: Metallica und Iron Maiden.



Juliane läuft Amok. Die einen zerteilt sie mit ihrem zornigen Blick; die anderen metzelt sie mit Stakkatosalven nieder. Wer hätte gedacht, dass man mit einer Altblockflöte solch ein Massaker anrichten kann? Händel, Triosonate F-Dur, Allegro: Den Zuhörern im Basler Zinzendorfhaus stockt der Atem. Juliane schüttelt sich ihr blondiertes Haar aus dem Gesicht, setzt erneut an und feuert die nächste Tonfolge ab. Die 24-Jährige studiert in Freiburg Blockflöte auf Bachelor.


„Ich habe Kumpels hier an der Hochschule für Musik, die verarschen mich noch heute damit“, sagt Juliane, und man merkt ihr an, dass sie sich ungerecht behandelt fühlt. Sie kennt die Klischees über die Blockflöte: ein Einsteigerinstrument, das leicht zu erlernen ist, weshalb fast jeder es beherrscht. Mehr Folter- denn Musikinstrument, wenn man einen schlechten Pädagogen erwischt. Und überhaupt: langweilig, spröde und spießig – passend zu Strickjacke und Dutt.

„Aber keiner von denen hat auf dem Europa-Gipfel im Neuen Schloss in Stuttgart die Europa-Hymne gespielt, keiner auf der MS Europa eine Kreuzfahrt nach Norwegen gemacht und sich währenddessen mit Karl Dall herumgestritten, und keiner auf Schloss Bellevue dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau gezeigt, wie auf der Blockflöte das f zu spielen ist“ – Juliane ist aufgebracht und erzählt eine Anekdote nach der anderen. Und immer steht sie dabei mit einer Blockflöte neben Promis aus dem Showgeschäft oder der Politik.

Die Blockflöte liegt vor Tuba, Saxofon und Harfe

Dabei ist es eigentlich gar nicht so unüblich, Blockflöte zu studieren. An der Freiburger Hochschule für Musik sind dafür im Hauptfach acht bis zwölf Studierende eingeschrieben. Verglichen mit der im Symphonieorchester üblicheren Querflöte, auf die 24 Studierende kommen, ist dies natürlich wenig. In Wahrheit liegt die Blockflöte aber noch vor Instrumenten wie Tuba, Saxophon, Harfe und Akkordeon, und gleich auf mit Fagott, Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug. Nur, selbst an der Hochschule für Musik scheint sich dies noch nicht ganz herumgesprochen zu haben. Wenn Juliane dort von ihrem Hauptfach erzählt, schaut sie immer mal wieder jemand ungläubig an: „Echt? So was kann man studieren?“

Agnes Dorwarth, Julianes Professorin an der Hochschule für Musik, leitet den zweifelhaften Ruf des Holzblasinstruments historisch her: „Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts war die Blockflöte bis zu ihrer Wiederbelebung durch die Jugendbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts komplett von der Bildfläche verschwunden“, sagt sie. „Damals musste man ihre Spielweise, ihr Repertoire und vor allem den Instrumentenbau erst wieder neu entdecken.“ Dass die Blockflöte in der Antike als phallisches Symbol galt und bis zu ihrem Verschwinden um 1800 oft in erotischen Zusammenhängen auftauchte, hatte man da längst vergessen.



Juliane begegnet den Klischees über ihr Instrument mit Pragmatik: „Es gibt halt Blockflöte spielen und Blockflöte spielen“, sagt sie und entrollt ein Bündel aus schwarzem Plüsch. Zum Vorschein kommen sieben verschiedenartige Flöten. Der Unterschied zu den handelsüblichen aus Bakelit oder Plastik könnte größer nicht sein: „Das hier ist mein Baby“, sagt Juliane und zeigt auf die kleinste aus Elfenbein. Eine so genannte Sopraninoblockflöte. Ihr Preis: 7000 Euro. Die anderen, alle von unterschiedlicher Größe und Farbe, sind aus Buchsbaum und dementsprechend günstiger: Die mittelgroße Voice-Flute hat 4500 Euro gekostet.

Natürlich bekommt man so was nicht im Musikalienladen um die Ecke. Juliane hat zwei Flötenbauer: einen in Freiburg, einen in Paris. Denen schaut sie beim Bau der Instrumente zu und greift immer wieder korrigierend ein: „Das musst du noch ändern, und hier gefällt mir der Klang noch nicht.“ Aber damit nicht genug: Im Gegensatz zur Geige wird eine Blockflöte mit der Zeit nicht besser, sondern schlechter. Die ständige Feuchtigkeit setzt dem Instrument zu, sodass es jedes halbe Jahr gewartet werden muss. Nach circa vier Jahren ist es nicht mehr zu gebrauchen.

Juliane kam nicht durch Zufall zur Blockflöte. Ihre Mutter ist Blockflötistin und Geigerin, und ihre vier Jahre ältere Schwester spielt ebenfalls Blockflöte und ist unter anderem als Konzertmeisterin des Basler Barockorchesters La Cetra tätig. Mit vier Jahren bekam Juliane eine kleine Flöte geschenkt, auf der man nur drei Töne spielen konnte und die sie niemals aus der Hand gab; mit sechs nahm sie zum ersten Mal bei „Jugend musiziert“ teil. „Ich war schon als Kind so ’ne Rampensau“, sagt sie und erwähnt beiläufig, dass sie dort fortan immer den ersten Preis gewann.



Jedes Instrument hat seinen eigenen Charakter

Mit 13 gründete sie ein Barockensemble, mit dem sie bis zu 170 Konzerte im Jahr spielte, mit 15 der Durchbruch: Gemeinsam mit ihrer Schwester Katharina, dem Cellisten Jonathan Pesek und dem Cembalisten Sebastian Wienand rief sie das Ensemble l’Ornamento ins Leben, mit dem sie zwei Jahre später den internationalen Wettbewerb „Musica Antiqua“ in Brügge gewann. „Blockflöte ist alles, was mich ausmacht“, sagt Juliane.

Und doch: Es gibt auch eine Juliane abseits dessen. Eine, die Metallica-Konzerte besucht und zu Iron Maiden, Such A Surge und System of a Down headbangt. Die ins Eishockeystadion zu den Wölfen Freiburg geht. Die nebenbei im Fitnessstudio jobbt und mit ihrem weinroten Twingo durch die Regio kurvt. Eine Juliane, die Dinge „geil“ und „scheiße“ findet und im Zug am liebsten In-Style liest. Und die sich an einen verborgenen Ort eine kleine Elfe tätowieren hat lassen.



„Diese hier heißt Lola“ sagt sie zärtlich und zeigt auf eine unscheinbare Altblockflöte. „Die ist mit mir schon um die halbe Welt gereist und  eigentlich schon völlig hinüber.“ Lola ist Julianes Lieblingsflöte – „ein Teil von mir“, wie sie sagt. „Jedes Instrument hat seinen eigenen Charakter, mit dem man sich  anfreunden muss.“ Oder eben auch nicht. Ein Instrument, mit dem die Flötistin überhaupt nicht klarkam, nannte sie Cornelia – „nach ’ner Tussi, die mich damals total nervte“.

Wieder im Basler Zinzendorfhaus: Julianes Stimmung hat sich schlagartig geändert. Sie schließt die Augen, legt die Stirn in Falten, lehnt sich weit zurück und scheint die Last der Welt auf ihren Schultern zu tragen. Die Satzbezeichnung lautet jetzt „Adagio“, und aus der Rachegöttin im schwarzen Abendkleid wird eine fragile Schmerzensfrau. Jeden Augenblick könnte eine Träne die linke Wange hinabrollen und eine kajalschwarze Spur auf der hellen Haut hinterlassen. Stattdessen: zwei schnelle, fröhliche Sätze, „Allegro“, und schließlich Applaus. Juliane verbeugt sich und sagt leise „Dankeschön“. Das Publikum hat sie erlöst.

Johann Friedrich Fasch, Concerto d-Moll FWV L:D6 Poco, Allegro, Largo, Allegro

Quelle: YouTube
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[Fotos: Marc Röhlig]