Bloc Party in der Laiterie: Dringlichkeit und Genauigkeit

Carolin Buchheim

Die Tage der kleinen Club-Konzerte sind für Bloc Party schon seit einer Weile vorbei: heutzutage sind Kele Okereke und seine Mannen meist auf Festivalbühnen und in Mehrzweckarenen zu finden. Gestern Abend allerdings nicht, denn da traten sie in der kuschelig-kleinen und dementsprechend seit Wochen ausverkauften Laiterie in Straßburg auf.



Irgendwann, nach vielleicht zwei Dritteln des Konzerts in der Laiterie reicht Kele Okereke seine Gitarre an einen Roadie weiter, der sie von der Bühne trägt. Eigentlich umarmt der Sänger der englischen Band Bloc Party sein Instrument in den Spielpausen gerne einmal, als wäre es ein übergroßes Kuscheltier, doch jetzt braucht er sie nicht mehr. Ein weiterer Roadie entfernt den Mikrofonständer, Bassist Gordon Moakes stellt seinen  Bass ab und sich an die Keyboards. Schluss mit dem Indie-Rock!


Okereke springt mit dem Fuß auf ein auf der Bühne liegendes Loop-Pedal.  „Me-me-mercury in retrograde“ hört man seine geloopte Stimme, die ersten Töne der aktuellen Single „Mercury“. Drummer Matt Tong - heute gleich ohne T-Shirt gekommen (um Wäsche zu sparen?) - wirft derweil einen Track auf dem Drum-Computer an und beginnt, sich rhythmisch mit ihm zu duellieren.  Okereke springt gestikulierend über die Bühne, immer wieder auf sein Loop-Pedal tretend, Me-Me-Me-Mercury! Me-Me-Me-Mercury!,  und skandiert die ersten Zeilen des Songs. Her mit dem HipHop!

Bloc Party  sind eine Band zwischen den Genres. Im großen englischen Post-Punk-Revival des Jahres 2005 waren sie mittendrin und vorne dabei, ihr elektrisierendes Album „Silent Alarm“ wurde von der Kritik allerorten gelobt, vom NME gar zum „Album des Jahres“ gewählt und weltweit mehr als eine Millionen Mal verkauft.

Für den Nachfolger„A Weekend in the City“ erfanden Bloc Party ihren Sound neu und versanken - und verloren sich ein wenig - in schillernden Großstadt-Songs, zwischen U2-hafter Ernsthaftigkeit und Elektro-Experimenten im Radiohead-Stil. Das im Herbst vergangenen Jahres erschienenen Drittwerk  „Intimacy“  hingegen ist ein kühles Album voller Kontraste, auf dem die Band sowohl mit ätherischem 80er-Pop als auch mit Minimal-Elektro und HipHop  experimentiert und sich so – zu ihrem Vorteil – weiterentwickelt und immer weiter vom Indie-Rock der Gang-of-Four-Schule entfernt. Ohne dabei jedoch das zu verlieren, was ihren ureigenen Sound  ausmacht: die Kombination von Dringlichkeit, technischer Genauigkeit und Energie. Eine Nerd-Band, die durch die Genres wildert. Und zwar wie auf Speed.



„Wir haben so viele Einflüsse. Das Spannende in unserer Musik rührt genau von diesen Einflüssen. Weil sie alle darum kämpfen, gehört zu werden“, sagte Drummer Matt Tong in einem Interview mit dem Online-Magazin laut.de. „Wir haben das inzwischen akzeptiert. Was wir tun, ist nicht immer auf Wohlklang ausgerichtet, nicht immer schön ausbalanciert für die Masse.“

Das Konzert in der seit Wochen ausverkauften Laiterie in Straßburg am Montag hingegen ist schön ausbalanciert für die  an diesem Abend besonders leicht zu begeisternde Masse.

Die Laiterie ist für Bloc Party, die mittlerweile regelmäßig weitaus größere Hallen und Festivalbühnen füllen, ein ungewohnt kleiner Veranstaltungsort. Genau davon profitiert der Gig. Die mitgebrachte, perfekt gestaltete Light-Show, auf die selbst die Licht-Fetischisten von Interpol neidisch wären - ist  für die Laiterie vollkommen überdimensioniert, und die überbordende Energie der Band, die sonst große Fotogräben und weite, verschlammte Festivalplätze überwinden muss, kommt direkt beim kaum einen Meter entfernten Publikum an.



Von dem wird sie vom ersten Song an jubelnd aufgenommen und zurückgeworfen. Schon beim zweiten Song, „Hunting for Witches“, dem stärksten Song des zweiten Albums, wirft sich ein Crowdsurfer ins Publikum, bei den Songs des ersten Albums, in den heutigen Live-Versionen besonders dicht,  wird bis in die letzte Reihe getanzt.

„Wir sind nur selten so nah am Publikum wie heute“, sagt Okereke in den Pausen zwischen den Songs immer wieder. Und rückt noch näher ran. Am Ende von „Mercury“ - so viel HipHop ist es dann doch nicht - lässt er sich selbst auf Händen tragen.

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