Tatverdächtiger im Fall Maria L.

BKA: Fingerabdrücke belegen kriminelle Vorgeschichte von Hussein K.

Nun ist es amtlich: Der mutmaßliche Mörder der Freiburger Studentin Maria L. hat eine kriminelle Vorgeschichte – das belegen Fingerabdrücke. Er saß wegen eines Gewaltdelikts an einer jungen Frau in einem griechischen Gefängnis ein, bevor er nach Deutschland kam. Warum fiel das niemandem auf?

Handelt es sich bei dem jungen Mann, der damals die Studentin über eine Klippe warf, um Hussein K., der unter dringendem Verdacht steht, in Freiburg im Oktober 2016 die 19-jährige Studentin vergewaltigt und getötet zu haben? Offenbar ja. Die Polizei Freiburg bestätigt am Donnerstagmorgen, dass die Fingerabdrücke des Mannes, welcher in Griechenland verurteilt worden sein soll, identisch sind mit denen des dringend Tatverdächtigen im Mordfall Maria L. Die Erkenntnisse lägen laut einer Mitteilung des Bundeskriminalamts vor.


Wie konnte ein in Griechenland verurteilter Gewalttäter lange vor dem regulären Ablauf seiner Haftstrafe nach Deutschland gelangen, wo er als minderjähriger Flüchtling registriert wurde? Warum wussten deutsche Behörden dann nichts von einer Vorstrafe?

Erster Hinweis von Flüchtlingen

Der erste Hinweis kam offenbar von zwei Flüchtlingen, die Hussein K. wiedererkannt haben wollten. Dann hatte jene griechische Anwältin, die den Angreifer aus dem Mai 2013 im späteren Prozess verteidigt hatte, von der Bild-Zeitung ein Foto von Hussein K. vorgelegt bekommen – und war sich sicher, dass es sich um ihren damaligen Mandanten handelte. Der damals Verurteilte habe "denselben Namen wie der Festgenommene im Freiburger Fall", heißt es auf der griechischen Internetseite des Nachrichtenportals Protagon. Übereinstimmung gibt es zudem bei Tattoos an Oberkörper und Arm. Das reiche aber nicht aus, sagte am Mittwoch der Sprecher der Freiburger Staatsanwaltschaft Ralf Langenbach: "Erst wenn man einen Fingerabdruck oder DNA hat, ist man auf der sicheren Seite."

Mai 2013: Auf der griechischen Insel Korfu läuft eine 20-jährige Studentin über die Uferpromenade, unter der Steilküste liegt das Mittelmeer. Plötzlich steht ein Angreifer vor ihr, will ihre Tasche stehlen. Sie wehrt sich, so gibt sie es später in ihrer Zeugenaussage zu Protokoll. Als die Scheinwerfer eines Autos auftauchen, packt sie der Angreifer um Hüfte und Beine und wirft sie die etwa zehn Meter hohe Klippe hinunter. Sie hat Glück, sie überlebt den Sturz schwerverletzt. Der Angreifer wird gefasst, ein afghanischer Flüchtling, der angibt, minderjährig zu sein. Ein griechisches Jugendgericht verurteilt ihn am 12. Februar 2014 wegen Diebstahls und versuchten Totschlags zu zehn Jahren Haft, so bestätigt es ein Sprecher der Ionischen Polizei auf Anfrage. Die Strafe verbüßt er in einem Gefängnis in der Hafenstadt Volos.

Möglich ist es trotz der im Februar 2014 verhängten hohen Haftstrafe durchaus, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt. Denn schon am 31. Oktober 2015 sei der Angreifer von Korfu aus der Haft entlassen worden, bestätigt der griechische Polizeisprecher. Er profitierte dabei offenbar von einem damals in Griechenland umstrittenen Gesetz vom April 2015. Demnach wurden – um das griechische Gefängniswesen "zu entlasten" – zahlreiche Straftäter aus den hoffnungslos überbelegten Haftanstalten entlassen. Die Amnestie galt für Strafen bis einschließlich zehn Jahren. Da der Täter von Korfu als Jugendlicher eingestuft worden war, war er zu eben dieser Strafe verurteilt worden. Erwachsenen droht bei den ihm vorgeworfenen Delikten – darunter Mordversuch – eine höhere Strafe.

Die Auflage bei der Freilassung sei gewesen, sich einmal im Monat bei der Polizeistelle vorzustellen, so der Sprecher. Laut dem Nachrichtenportal Protagon habe er sich im November noch an seine Auflagen gehalten. Im Dezember sei er nicht mehr aufgetaucht, woraufhin das Justizministerium in Athen die Bewährung widerrief.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Tatverdächtige im Fall Maria L., Hussein K., bereits in Freiburg. Nach Angaben der Pressesprecherin der Stadt Freiburg ist Hussein K. am 12. November 2015 vom städtischen Jugendamt vorläufig in Obhut genommen worden. Anfang Dezember wurde er im Rahmen einer Umverteilungsregelung an den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald weitergeleitet. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums in Berlin bestätigt: Hussein K. sei über Österreich nach Deutschland eingereist und habe am 12. November 2015 einen Asylantrag gestellt. Personaldokumente habe er nicht gehabt. Es seien Fingerabdrücke genommen und verschiedene Datenbanken befragt worden, wobei es keinen Treffer gegeben habe. Weder bei Interpol noch im Schengen-Infosystem (SIS) sei er zur Fahndung ausgeschrieben gewesen. Nach dem Täter von Korfu war zu diesem Zeitpunkt auch nicht gesucht worden; seine Freilassung wurde in Griechenland ja erst im Dezember aufgehoben.

Hätten die deutschen Behörden trotzdem aus europäischen Datenbanken über eine etwaige Vorstrafe des Hussein K. etwas erfahren können? Seit Jahren arbeitet die EU daran, ihre Datenbanken zu verbessern und vor allem den Austausch untereinander zu verstärken. Dabei geht es nicht nur darum, die Fluchtwege von Migranten besser rekonstruieren zu können, sondern auch darum, Terroristen schneller zu finden und internationalen Verbrecherbanden auf die Spur zu kommen. Doch so lange die Datenschutzbestimmungen, die juristischen Grundsätze und die politischen Einstellungen zur Überwachung in den Mitgliedsländern so unterschiedlich sind, bleiben die Bemühungen Flickwerk.

Uneinheitliches Informationssystem

Im Schengener Informationssystem etwa speichern alle zur grenzfreien Zone gehörenden Länder – darunter Griechenland und Deutschland – Informationen, die dazu beitragen können, gestohlene Gegenstände wie Autos oder Pässe und gesuchte Personen zu finden. Doch das läuft uneinheitlich: Während einige Behörden jedes Bagatelldelikt melden, registrieren andere nur schwere Straftaten.

Bei Europol in Den Haag arbeiten Mitarbeiter aus allen EU-Ländern eng zusammen und haben Zugriff auf viele nationale Datenbanken. Auch Interpol ist eine wichtige Quelle. Im Fall von Hussein K. hätte das aber nicht weiter geholfen, weil der Täter von Korfu im November 2015 weder zur Fahndung ausgeschrieben noch im Zusammenhang mit einem ungeklärten Verbrechen registriert war.

Auch die gemeinsame DNA-Datenbank, an der sich bislang elf EU-Staaten beteiligen, nützte in diesem Fall nichts. Zum einen will Griechenland erst noch dazustoßen. Zum anderen wurden nach Angaben des Polizeisprechers auf Korfu nur die Fingerabdrücke des Angeklagten genommen – keine DNA.

Sollte Hussein K. tatsächlich über Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland gekommen sein, dann hätten seine Fingerabdrücke mit dieser Information von Rechts wegen allerdings in der europäischen Asylbewerberdatenbank Eurodac gespeichert sein müssen.

Rechtshilfeersuchen muss mit der Post aufgegeben werden

Die in Deutschland für seinen Antrag zuständige Behörde hätte dann zumindest erfahren können, wann und wo er in die EU einreiste und wie alt er zu diesem Zeitpunkt nach eigenen Angaben war. Eurodac aber sammelt nach Angaben des Bundesinnenministeriums nur Fingerabdrücke – keine Angaben zu Strafverfahren oder Verurteilungen. Offenbar ergab aber auch Eurodac keinen Treffer. Eine mögliche Erklärung: Seit Jahren werden die griechischen Behörden dafür kritisiert, dass sie bei den Einreiseprozeduren schlampen und dass in vielen Aufnahmezentren keine Registrierung nach dem neuesten Stand der Technik möglich ist, weil Geräte fehlen.

Warum aber ist es bisher nicht möglich gewesen, mit Sicherheit festzustellen, ob es sich bei dem Täter aus dem Mai 2013 auf Korfu und dem Tatverdächtigen im Fall Maria L. um ein und dieselbe Person handelt? Die Staatsanwaltschaft Freiburg hat die Justiz in Griechenland noch nicht offiziell um Hilfe gebeten. "Wir sind noch in der Prüfung", sagt der Sprecher Langenbach. Wie schnell es dann gehe, hänge von der angefragten Behörde ab: Ein Rechtshilfeersuchen ist laut Langenbach schriftlich und per Post zu stellen und nicht per Mail. Erwartet wird vom Adressaten, dass es in dessen Landessprache übersetzt eintrifft, manche Länder verzichten indes darauf. Immerhin: In dringenden Fällen könne ein Rechtshilfeersuchen manchmal auch per Fax geschickt werden.
Wie alt ist Hussein K. wirklich?

Die griechischen Behörden hatten für den 2014 wegen Mordversuchs auf Korfu angeklagten Afghanen ein Altersgutachten erstellen lassen. Dieses kam damals zum Ergebnis, dass er zwischen 16 und 17 Jahre alt sein müsse. Aufgrund seines Alters wurde er in einem Jugendgefängnis auf dem Festland untergebracht, bevor er unter Auflagen vorzeitig entlassen wurde. Der junge Mann müsste demnach heute 19 oder 20 Jahre alt sein. Das tatsächliche Alter eines Menschen zu bestimmen, ist laut Experten aber nicht exakt möglich.

Der Tatverdächtige im Freiburger Mordfall Maria L. hatte bei seiner Einreise nach Deutschland im November 2015 angegeben, 15 Jahre alt zu sein. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte, man habe den Angaben des Asylbewerbers vertrauen müssen, "insbesondere wenn keine Personaldokumente mitgeführt und dementsprechend auch nicht vorgelegt wurden."

Unbestätigte Medienberichte am Dienstag besagten, dass der Tatverdächtige im Fall Maria L. in das Gefängniskrankenhaus Hohenasperg verlegt wurde, da er die Absicht geäußert habe, sich etwas anzutun. Robin Schray vom baden-württembergischen Justizministerium sagte dazu: "Wenn es sich um ein laufendes Ermittlungsverfahren handelt, können wir dazu nichts sagen. Erst wenn das Urteil rechtskräftig ist." Auch die Freiburger Staatsanwaltschaft macht keine Angaben zum Aufenthaltsort von Hussein K. Das sagte der stellvertretende Pressesprecher der Behörde Ralf Langenbach.

Mehr zum Thema: