"Bio ist nicht per se besser", eine Freiburger Forscherin im Interview über nachhaltige Ernährung

Kerstin Ernst

Die Umwelt leidet nicht nur unter Autos und Kohlekraft – sondern auch unter unserer Ernährung. Barbara Degenhart von der Uni Freiburg forscht zu nachhaltiger Ernährung in Städten. fudder hat mit ihr über unser Essen gesprochen.

Beim Thema Nachhaltigkeit denken viele erst einmal an erneuerbare Energien und Elektro-Autos. Laut einer Studie sind aber 30 Prozent aller Umweltbelastungen auf die Ernährung zurückzuführen. Wie kann man mit der Ernährung seinen ökologischen Fußabdruck verringern? Das Verbundprojekt Kernig der Uni Freiburg möchte herausfinden, wie sich Ernährung in Städten nachhaltig gestalten lässt. fudder hat mit der Projektkoordinatorin Barbara Degenhart gesprochen.


Frau Degenhart, was ist nachhaltige Ernährung?

Barbara Degenhart: Ernährung umfasst weit mehr als das, was täglich auf unseren Tellern landet. Grundsätzlich handelt es sich bei Ernährung um ein äußerst komplexes Thema, mit dem nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern auch die Bereiche Produktion, Verarbeitung, Versorgung, Zubereitung und Entsorgung verbunden sind. Schätzung zufolge macht der Ernährungsbereich 30 Prozent aller Umweltbelastungen aus. Eine Schweizer Studie untersuchte, welche Auswirkungen individuelle Verhaltensveränderungen auf die Umwelt haben. Es wurde ersichtlich, dass der Fokus weniger auf das einzelne Produkt, sondern auf die Ernährungsgewohnheiten gerichtet sein sollte. Die wichtigsten Punkte dabei sind weniger Fleisch und Genussmittel zu konsumieren, aber auch die Nahrungsmittelabfälle sowie das Verpackungsmaterial zu reduzieren.

Man denkt ja bei nachhaltigen Lebensmitteln oft auch an Bioprodukte – muss immer alles Bio sein?

Nicht notwendigerweise. Bio-Produkte sind nicht per se besser als konventionell hergestellte Produkte. Wichtiger ist in Hinblick auf eine nachhaltige Ernährung auf die eigenen Ernährungsgewohnheiten zu achten. Konkret heißt das möglichst viel regionale und saisonale Produkte zu konsumieren.

Was kann ich als Einzelner tun, um meine Ernährung nachhaltig zu gestalten?

Jeder Einzelne isst im Durschnitt dreimal täglich. Die eigenen Gewohnheiten unter die Lupe zu nehmen, ist ein zentraler Aspekt. Das heißt aber auch, man muss immer Entscheidungen treffen und bewusst abwägen, was einem selbst wichtig ist. Kaufe ich den Apfel aus der Region jetzt im Herbst oder die Erdbeeren aus Spanien? Das setzt aber auch voraus, dass man weiß, wann und wo welches Obst und Gemüse Saison haben und woher die Produkte kommen und wie sie hergestellt wurden. Man muss also auch überlegen, was mit den Lebensmitteln in Beziehung steht.

Ist das nicht bei manchen Lebensmitteln schwierig, genau zu wissen, wo sie herkommen?

In Deutschland gibt es eine grundlegende Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln. Bei verarbeiteten Lebensmitteln ist es jedoch oft schwierig herauszufinden, woher die einzelnen Inhaltsstoffe kommen. Zum Beispiel ist bei einem Erdbeerjoghurt gekennzeichnet woher die Milch kommt, aber nicht unbedingt woher die Erdbeeren oder der Zucker stammen und wie diese angebaut und produziert wurden. Eine mögliche Strategie ist es, vor allem unverarbeitete Lebensmittel zu kaufen und auch mehr selbst zu kochen. Fruchtjoghurt kann auch einfach selbst hergestellt werden. In Freiburg gibt es in jedem Stadtteil einen Markt, wo regionale Produzenten ihre Produkte der Saison anbieten und nachgefragt werden kann woher die Produkte kommen.

Ernährung ist ja nun etwas Privates, wie wollen Sie in ihrem Projekt herausfinden, wie sich die Ernährung in Städten in Richtung Nachhaltigkeit beeinflussen lässt?

Im Projekt KERNiG schauen wir uns das Ernährungssystem von zwei Städten als Ganzes an. Das System umfasst verschiedene Bereiche wie Produktion, Verarbeitung, Versorgung und den Konsum, aber auch die Zubereitung und Entsorgung von Lebensmitteln. Daran sind viele Akteure beteiligt. Neben den Unternehmen sind dies auch die Stadtverwaltung, Initiativen und Vereine, aber auch jeder einzelne Bürger selbst. Das Projekt will herauszufinden, ob eine nachhaltige Stadtentwicklung durch eine aktive Gestaltung des Ernährungssystems angestoßen werden kann. Aktuell wird eine Bestandsaufnahme in den zwei Pilot-Kommunen gemacht um herauszufinden, wer sich in der Stadt mit Ernährung beschäftigt und wie sie miteinander in Verbindung stehen. Anhand dieser Erkenntnisse werden konkrete Maßnahmen in den Städten erarbeitet, umgesetzt und anschließend bewertet.

Vielmals wird Bio mit teuer gleichgesetzt, heißt das auch, dass eine nachhaltige Ernährung teuer ist?

Der Preis ist für viele Konsumenten ein entscheidender Faktor beim Kauf von Nahrungsmitteln. Es gibt jedoch Studien die zeigen, dass eine biologische Ernährung und gutes, qualitativ hochwertiges Essen nicht unbedingt teuer sein müssen. Die lokalen Bio-Erdbeeren im Juni kosten sicherlich weniger, als die im Januar, von weit her importiert. Man muss sich aber auch im Klaren sein, dass eine nachhaltige Ernährung mit einem gewissen Preis verbunden ist. Bei einem Preis von drei Euro für ein Kilo Schweinefleisch, bleibt nicht viel für die Qualität, das Wohl des Tieres und den Bauern übrig.
Das Projekt "Kernig" erforscht das kommunale Ernährungssystem der Städte Waldkirch im Breisgau und Leutkirch im Allgäu. Das heißt: Es wird alles untersucht, was auf den Teller kommt, und auch, wie es dort landet. Ziel des Projekts ist es, eine nachhaltige Ernährung in den beiden Städten anzustoßen und wissenschaftlich zu begleiten