fudder-Interview

Bike Bridge: Warum Fahrradfahren für geflüchtete Frauen Freiheit bedeutet

Anika Maldacker

Seit 2016 bietet der Freiburger Verein Bike Bridge Radkurse für geflüchtete Frauen an. Durch das Radfahren gewinnen die Teilnehmerinnen Autonomie und knüpfen Kontakte. Anika Maldacker sprach mit Shahrzad Mohammadi, einer der drei Bike-Bridge-Gründerinnen.

Shahrzad, was bedeutet Integration für Dich?

Mohammadi: Für mich ist das ein beidseitiger Prozess zwischen den Zuwanderern und der Aufnahmegesellschaft, die zusammenarbeiten müssen, um jedem eine Chance zu ermöglichen, an allen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebensbereichen teilnehmen zu können.

Die Fahrradkurse von Bike Bridge richten sich ausschließlich an Frauen. Wie kam es zu dieser Idee?

Mohammadi: Ich habe 2015, zu Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise in Europa, ein Flüchtlingswohnheim besucht und festgestellt, dass es einige Sportangebote gibt, die sich aber nur an Kinder und Männer gerichtet haben. Die Frauen saßen traurig drinnen. Das war der Anfang. Ich finde, dass alle Geflüchteten die Möglichkeit bekommen sollten, an sportlichen Projekten teilzunehmen. Mit Bike Bridge geht es uns nicht um Sport als Wettbewerb, sondern Sport als Ausgleich und Erholung. Wir wollen durch Sport eine Gemeinschaft bilden.

"Regelmäßiger Sport spielt verglichen mit Deutschland keine große Rolle in vielen Herkunftsländern."

Welchen Unterschied macht es, ob man Kurse für Frauen oder für Männer anbietet?

Mohammadi: Viele unserer Teilnehmerinnen kommen aus islamischen Ländern. Wir wollten für sie daher einen sicheren Raum schaffen, wo sie teilnehmen können, ohne sich gedemütigt zu fühlen. Viele von ihnen hatten in ihrem Heimatland keine Gelegenheit, Fahrradfahren zu lernen. Uns war es daher wichtig, eine angenehme, einladende Atmosphäre zu schaffen, in der man gegenseitigen Respekt voreinander hat. Ich glaube, dass Männer leichter bei Sportangeboten mitmachen können und sich dann schnell sicher fühlen. Männer haben sich in ihren Heimatländern wahrscheinlich auch öfter sportlich betätigt.
Shahrzad Mohammadi

Die 30-Jährige promoviert derzeit zum Thema Integration geflüchteter Frauen durch Sport am Institut für Sport und Sportwissenschaften der Uni Freiburg. Die Doktorandin aus der iranischen Stadt Maschhad kam für ihr Masterstudium nach Konstanz und lebt seit 2013 Freiburg.

Warum waren die Frauen in dem Flüchtlingswohnheim damals ausgeschlossen?

Mohammadi: In Freiburg gab es damals so gut wie kein gezielt auf Frauen abgestimmtes Freizeitangebot. Wir drei Bike-Bridge-Gründerinnen sind Sportwissenschaftlerinnen. Eine der Gründerinnen, Clara Speidel, forschte für ihre Bachelorarbeit darüber, welches Sportangebot es für geflüchtete Frauen gibt. Regelmäßiger Sport spielt verglichen mit Deutschland keine große Rolle in vielen Herkunftsländern. Geflüchtete Frauen wissen ein solches Sportangebot nicht einzuschätzen. Wenn sie sehen, dass das Sportangebot zum großen Teil von jenen dominiert wird, die fit sind, schreckt sie das ab. Wenn wir als Gesellschaft Integration wollen, haben wir auch Verantwortung. Wir dürfen nicht nur Anstrengungen von jenen, die kommen, erwarten, sondern müssen Strukturen, Gelegenheiten und eine einladende Atmosphäre schaffen.

"Das Fahrradfahren ist unser Instrument, mit dem wir soziale Integration ermöglichen möchten."

Wieso konzentriert Ihr Euch aufs Fahrradfahren?

Mohammadi: Als ich das Flüchtlingswohnheim 2015 zum ersten Mal besuchte und mit Frauen sprach, erzählten sie mir, dass sie deprimiert seien, weil es für sie kein Freizeitangebot gab und sie ihre Zeit fast nur drinnen verbrachten. Ich überlegte, welche Aktivität zu ihnen passen könnte. Ich komme aus dem Iran, also auch aus einem islamischen Kulturkreis wie viele geflüchtete Frauen. Im Mittleren Osten und Afrika haben die meisten Frauen nicht die Chance, Fahrradfahren zu lernen. Das Fahrradfahren hat in Freiburg einen besonderen Stellenwert. Den geflüchteten Frauen ist das ebenfalls positiv aufgefallen. Nun haben wir lange Wartelisten für unsere Kurse. Das Fahrradfahren ist unser Instrument, mit dem wir soziale Integration ermöglichen möchten. Wir bringen Einheimische und Zuwanderer im Kontext dieses Projekts zusammen, initiieren soziale Kontakte und bieten einen interkulturellen Rahmen, in dem wir voneinander lernen können. Des Weiteren bieten wir auch andere Aktivitäten wie gemeinsame Kochevents, kleine Deutschkurse innerhalb jedes Fahrradkurses sowie Fahrradtouren für alle Teilnehmerinnen, Trainerinnen und deren Familien an.

Was bedeutet Fahrradfahren für Dich?

Mohammadi: Die Deutschen haben vielleicht nicht vor Augen, wie wichtig Radfahren ist. Für mich bedeutet Radfahren Freiheit. Ich bin frei und nutze mein Fahrrad vollkommen unabhängig. Ich bin nicht von jemandem abhängig, damit der mich irgendwohin fährt. Radfahren war für mich als Studentin billig. Meine Mobilität hat sich erhöht. Ich habe mit dem Fahrrad viele Plätze Freiburgs kennengelernt.

Wann hast Du Radfahren gelernt?

Mohammadi: Als ich fünf Jahre alt war. Das war ungewöhnlich im Iran. Einige iranische Familien bringen das ihren Kindern bei, andere nicht. Seit fünf Jahren gibt es im Iran ein Verbot der Regierung, das Frauen nicht erlaubt, Rad zu fahren. Gerade Leute, die ein solches Verbot erlebt haben und dann nach Deutschland kommen, erleben ein Gefühl der Freiheit, wenn sie Radfahren.

"Unsere Teilnehmerinnen können in einem folgenden Kurs selbst Radfahren beibringen. Dafür werden sie entlohnt."

Was bedeutet es für Eure Teilnehmerinnen Rad zu fahren?

Mohammadi: Für geflüchtete Frauen bedeutet es Freiheit, für sie war es unglaublich, dass sie nicht mehr auf männliche Familienmitglieder angewiesen waren, die sie zu Orten fahren mussten. Eine unserer Teilnehmerinnen hat erzählt, dass sie die einzige in ihrer Familie war, die nicht Fahrradfahren konnte. Wenn sie ein Familienpicknick machten, musste sie allein mit der Tram zum Treffpunkt fahren. Nun, sagt sie, ist sie die erste, die das Fahrrad nimmt. Das zeigt, dass sich für die Frauen durch die neu erlernten Fähigkeiten auch ihre Position in der Familie ändert.

Beim Radfahren in der Stadt sind auch Verkehrsregeln wichtig. Welche Rolle nimmt das im Projekt ein?

Mohammadi: Einige wenige geflüchtete Frauen in unseren Kursen können ein bisschen Radfahren, aber fühlen sich im Verkehr nicht sicher, weil sie die Regeln nicht kennen. Das ist für sie ein Grund, nicht aufs Rad zu steigen. Die Kurse bieten Theorie-Einheiten, in denen Verkehrsregeln unterrichtet werden und die am Verkehrsübungsplatz stattfinden.

Gibt es Beispiele von Frauen, für die das Radfahren ein erster emanzipatorischer Schritt war?

Mohammadi: Ja, sehr viele. Unsere Teilnehmerinnen können in einem folgenden Kurs selbst Radfahren beibringen. Dafür werden sie entlohnt. Es ist nicht viel, aber dadurch werden sie selbstbewusster. Eine Syrerin, die demnächst einen Kurs leiten wird, hat mir erzählt, dass sie die erste in ihrer Familie sein wird, die ein Einkommen hat. Für sie ist es ein tolles Gefühl, weil sie auch anderen geflüchteten Frauen helfen kann. Es ist überwältigend zu sehen, wie sie sich entwickelt, auch weil sie Analphabetin ist.

"Fehlendes Glück ist eine Rechtfertigung für das Scheitern."

Was verlangt so ein Integrationsprojekt einem ab?

Mohammadi: Es bedeutet viel ehrenamtliche Arbeit. Von außen ist das schwer vorstellbar. Es geht dabei um die Organisation, die Qualität der Kurse und vor allem darum, Förderer und Sponsoren zu finden. Wir haben uns als Personen und als Team entwickelt. Es ist eine tolle Erfahrung, zu sehen, wie sich die Frauen entwickeln. Ich selbst bin froh, dass ich meine fachlichen und kulturellen Erfahrungen einbringen konnte. Man braucht ein gutes Konzept. Wir wussten von Anfang an genau, was wir wollten.

Braucht man auch Glück?

Mohammadi: Ich glaube nicht an Glück. Ich glaube, wenn du hart für etwas arbeitest und daran glaubst, dann schaffst du es auch. Fehlendes Glück ist eine Rechtfertigung für das Scheitern.

Was hat sich geändert, seit Ihr 2017 den ersten Platz des Deutschen Integrationspreises gewonnen habt?

Mohammadi: Sehr viel. Der Preis half uns, eine eigene Struktur aufzubauen, professioneller zu werden und einen eigenen Verein zu gründen. Seit Ende 2017 sind wir nun ein gemeinnütziger Verein. Wir konnten eigene Fahrräder kaufen und zwei 50-Prozent-Stellen schaffen. Wir haben zwei Jahre auf ehrenamtlicher Basis gearbeitet, aber das funktioniert nicht auf Dauer.

"Sport als Ausgleich und Erholung."

Verfolgt Ihr eine Ideologie?

Mohammadi: Ja, die Ideologie, dass jedem Individuum das Recht zusteht, sich zu entwickeln und zu wachsen. Aber wir verfolgen keine politische Ideologie oder unterstützen keine Partei. Wir diskutieren auch untereinander über politische Themen, beispielsweise die Demonstration der AfD in Freiburg und wie sich die gesellschaftliche Stimmung gewandelt hat. Aber wir wollen durch unser Projekt keinesfalls Werbung für politische Richtungen machen. Das haben wir von Anfang an entschieden.

Wie fühlt es sich an, in Deutschland Frauen Fahrradfahren beizubringen, wo das doch in Deinem Heimatland verboten ist?

Mohammadi: Es fühlt sich toll an. Als ich im Iran lebte, wollte ich nie Regeln akzeptieren, die ich falsch fand. Im Alter von 13 Jahren wurde ich von einem Mann angehalten, als ich ohne Hidschab und mit kurzen Haaren Fahrrad fuhr. Der Mann war unser Nachbar und wusste, dass ich ein Mädchen bin. Er sagt, dass ich nicht wie ein Junge Radfahren dürfe. Ich sagte ihm, dass ich tun würde, was immer ich für richtig halte. Im Iran widersetzen sich jeden Tag Frauen gegen Verbote, die Menschenrechte verletzen. Ich sehe mich da nicht als etwas Besonderes. Aber ich bin froh, dass ich Teil eines Projektes bin, das Frauen etwas beibringt, was ihnen aus verschiedenen Gründen nicht gestattet wurde.


Das macht der Verein Bike Bridge

Der Verein Bike Bridge bietet geflüchteten Frauen Kurse, um Fahrradfahren zu lernen. Das Hauptziel von Bike Bridge ist, die soziale Integration von geflüchteten Frauen und Asylsuchenden zu unterstützen. Hinter dem Projekt stehen die drei Sportwissenschaftlerinnen Clara Speidel, Lena Pawelke und Shahrzad Mohammadi, ein neunköpfiges Organisationsteam und viele freiwillige Lehrerinnen und Lehrer.

2016 startete der Verein seinen Pilotkurs mit zehn Trainerinnen und je zehn Teilnehmerinnen. 2017 wurden schon vier Kurse geboten, 2018 waren es sechs Kurse in Freiburg und je ein Kurs in Stuttgart und Frankfurt. Im kommenden Jahr sollen Kurse in zwei weiteren Städten dazukommen. Allein in Freiburg nahmen 160 Teilnehmerinnen und freiwillige Lehrerinnen teil. Insgesamt haben 2016 130 Frauen in Freiburg teilgenommen.

2017 hat Bike Bridge den ersten Platz beim Deutschen Integrationspreis belegt und damit 50.000 Euro gewonnen. Die Fahrradkurse dauern in der Regel drei Monate. Die Frauen, die den Kurs absolviert haben, können anschließend als Lehrerin eine Gruppe anleiten – dafür werden sie entlohnt.

  • Twitter & Insta: @bike_bridge
Mehr zum Thema: