Beyond: Rückkehr zum Schlamm

Manuel Lorenz

Im Peterhofkeller ist heute Abend zum letzten Mal das Stück "Beyond" zu sehen, eine Produktion der Freiburger Tanzschule bewegungs-art. Manuel hat sich bei der Premiere ein Bild von diesem Stück gemacht, vom dem man nach der Lektüre des Programmhefts kaum eine Vorstellung hat.



Am Anfang war das Nichts. Dann drängen unschuldig seufzende, kindlich kichernde Seelen in die Dunkelheit, bewegen sich hinter, zwischen und vor dem Publikum und beleben schließlich jene vier Körper, die zusammengekauert inmitten des Saals liegen. Auch wenn wir die Entstehung des Lebens schon oft in anderen (künstlerischen) Darstellungen gesehen haben, gehören diese ersten Minuten der Performance Beyond zu den starken Momenten des Premiereabends; nicht immer werden Tanz, Schauspiel, Musik und Fotographie in den darauf folgenden anderthalb Stunden derart stimmig zusammenwirken.


Immerhin: der Peterhofkeller ist ausverkauft. Junges und altes Publikum alternativen Schlages haben sich eingefunden, um das Zusammenspiel von Doro Eitels Choreographie und Markus Recks (im E-Werk ausgestellten) Fotoprojektionen mitzuerleben. Viele Freunde sind gekommen und sorgen für familiäre Stimmung. Über die gesamte Länge des Tonnengewölbes zieht sich ein PVC-Streifen, der vermuten lässt, dass die Bühne heute etwas großzügiger ausfällt.



Und tatsächlich: Der ganze Keller samt Nischen und Vorsprüngen wird ausgenutzt. Das Publikum wandert erst vorsichtig, dann selbstsicher und forsch mit den Aufführenden mit, eignet sich den Raum an und wird schließlich selbst Teil des Geschehens. Oft wird es direkt angesprochen und miteinbezogen, was manchmal Spaß macht, beizeiten aber bemüht und künstlich wirkt. Dennoch sind der Mut und das Selbstbewusstsein zu bewundern, mit denen sich die Tänzerinnen im Schauspiel versuchen.

Laut Titel und Programmheft soll es um Grenzen und deren Überschreitung oder Einhaltung gehen. Vordergründiger und weitaus interessanter scheint aber der performativ vorgeführte Zivilisationsprozess des Menschen zu sein. So entdecken die quasi-nackten Tänzerinnen beispielsweise zu Anfang die Kleidung für sich, spielen mit ihr, zwängen sie sich gegenseitig auf und gehen fortan angezogen durchs Leben.



Eindrucksvoll wird auch die Kultivierung (oder doch eher die Mechanisierung?) des Menschengeschlechts vorgeführt: Wie aufgezogen dreht sich eine Spieluhr-Ballerina immer wieder um die eigene Achse und bildet einen grotesken Gegensatz zum wilden Wesen ihrer Urahnen. Manoela Milanova ist diese Rolle auf den Leib geschnitten, ist sie doch als einzige der fünf Tänzerinnen keine Absolventin der Freiburger Tanzschule bewegungs-art, sondern blickt auf eine langjährige Ballettausbildung in Bulgarien zurück.

Eindrucksvoll sind auch die Schatten, die ihr Körper auf eine weiße Leinwand wirft: Wenn sie dabei mit Markus Recks projizierten Ornamenten interagiert, ihnen ausweicht oder sich mit ihnen vereint, werden Erinnerungen an die scherenschnittartigen Vorspanne so manch einer James-Bond-Verfilmung wach. Hervorgehoben sei auch Stephanie Scheubeck, deren schauspielerische Qualitäten immer wieder aufblitzen. Vorwerfen kann man dem Ensemble nicht viel. Nur vielleicht, dass den auschoreographierten Tanzsequenzen noch das letzte Fünkchen Präzision fehlt, die der Darbietung mehr Struktur verleihen könnte.



Die musikalische Untermalung bewerkstelligen Vasco Miguel de Carvalho Antunes (Perkussion, Steeldrum, Klarinette) und Ferdinand Kumpfmüller (Gitarre). Es ist der großen Bandbreite ihres Könnens geschuldet, dass immer wieder neue Atmosphären entstehen. Leider tendiert das Meditative zum Kitsch und die Musik wirkt insgesamt zu harmoniesüchtig.

Ein bisschen Avantgarde hie und da könnte den Stimmungsbildern mehr Tiefe verleihen. Dasselbe gilt für die zwischendurch von Daniel Tischer vorgetragenen Texte. Nicht jeder fährt auf den Schamanenforscher Alberto Villoldo ab. Dann noch lieber Paolo Coelho. Oder die Esoterik einfach dem Tanz überlassen. Tischers Klettereinlagen sind aber dennoch beeindruckend.



Am Ende ist alles wie gehabt: der Mensch kehrt zu jenem Schlamm zurück, aus dem er erstanden ist. Und das Stück „Beyond“ beweist, dass auch Low-Budget-Produktionen anregend sein können.

Mehr dazu:

Web: Beyond & Bewegungs-Art
Was: Beyond
Wann: Heute, 2. Februar, 20 Uhr
Wo: Peterhofkeller, Niemensstr. 10, 20 Uhr (letzte Vorstellung)
Eintritt: 7,50 €, ermäßigt 5 €