Jugendschöffengericht Freiburg

Bewährungsstrafen für zwei junge Männer nach Missbrauch einer schlafenden 24-Jährigen

Thomas Goebel

"Sie haben Ihre Lust auf Sex über alles gestellt", das sagte Richterin Julia Heilshorn im Urteil gegen zwei junge Männer. Einer hatte eine schlafende Frau missbraucht, nachdem der andere ihn per Whatsapp dazu eingeladen hatte.

"Nicht nur frauenfeindlich, sondern auch menschenverachtend": So beschreibt Richterin Julia Heilshorn mehrere hundert Kurznachrichten, die sich zwei Männer, die sich kaum kannten, in einer Nacht vor etwa einem Jahr geschickt hatten. In dem Handy-Chat ging es um eine gemeinsame Bekannte der beiden. Am Donnerstag wurden die Männer wegen schweren sexuellen Missbrauchs beziehungsweise der Anstiftung hierzu zu Bewährungsstrafen verurteilt. Wie es zu der Tat kommen konnte, war auch für das Freiburger Jugendschöffengericht nicht leicht nachzuvollziehen.


Angriff nach dem Partyabend in einer Freiburger Disko

Begonnen hatte die Nacht eigentlich als ein ganz normaler Partyabend: Ein damals 20-jähriger Freiburger hatte mit seiner Fußballmanschaft ein Spiel gewonnen und ein paar Bier getrunken. Danach traf er sich mit zwei Freundinnen in einer Freiburger Diskothek, auch das spätere Opfer kam dazu. Der zweite Angeklagte, ein 21-jähriger Auszubildender, war ebenfalls in der Disko, die beiden Männer kannten sich flüchtig vom Fußball, begrüßten sich kurz, hatten zunächst aber keinen weiteren Kontakt.

"Sie haben Ihre Lust auf Sex über alles gestellt."Richterin Julia Heilshorn
Die 24-jährige Frau, die später zum Opfer der Straftat wurde, tanzte gelegentlich mit dem älteren Angeklagten, den sie ebenfalls flüchtig kannte, verbrachte den Abend ansonsten mit ihrer Freundinnengruppe. Dabei kam sie dem jüngeren Mann näher.

Am frühen Morgen, kurz bevor der Club schloss, gingen die beiden zusammen in die Wohnung der jungen Frau. Als sie später feststellten, dass keine Verhütungsmittel vorhanden waren, verzichteten sie auf Sex und spielten gemeinsam mit ihren Handys, bis die junge Frau einschlief.

Über Whatsapp wurde der Mittäter zum sexuellen Missbrauch aufgefordert

Warum das Geschehen dieser Nacht jetzt noch eine so schlimme Wendung nahm, sei nur schwer zu verstehen, betonten neben der Richterin auch Staatsanwältin und Verteidiger: Laut Anklage entsperrte der 20-Jährige mit der Hand der Schlafenden deren Handy, das per Fingerabdruckscanner gesichert war, las deren Whats-App-Nachrichten und entdeckte dort eine Botschaft des anderen Mannes, der der Frau noch viel Spaß wünschte.

Im Lauf der nächsten zwei Stunden schickten sich die Männer 334 Nachrichten in derben Worten, in denen es darum ging, ob der andere Mann in die Wohnung kommen und mit der Frau Geschlechtsverkehr haben wolle. Der Mann in der Wohnung schickte dem Anderen auch ein Foto der unbekleideten Schlafenden und deren Adresse – und öffnete ihm die Tür. Wie vorher im Chat besprochen, verließ der Jüngere die Wohnung, der Andere legte sich in dem dämmrigen Zimmer neben die zur Wand gedreht schlafende Frau, drückte sich an sie und missbrauchte sie schließlich. Als die Frau dabei erwachte und erkannte, dass ein anderer Mann in ihrem Bett lag, sprang sie auf, schloss sich im Bad ein, forderte den Mann auf, zu gehen und rief die Polizei.

"Ich bin bis heute schockiert darüber – sowas darf mir eigentlich niemals passieren." 20-jähriger Täter
Beide Männer gestehen die Tat. Warum er den anderen kontaktiert und in die Wohnung gelassen hat, könne er nicht erklären, sagt der Jüngere: "Ich bin bis heute schockiert darüber – sowas darf mir eigentlich niemals passieren." Er wohnt noch bei seinen Eltern, es fällt ihm erkennbar schwer, über die Tat zu reden, aber er bemüht sich, die Fragen der Richterin gründlich zu beantworten.

Der andere Angeklagte ringt sich erst in der Verhandlung dazu durch zu gestehen, dass er die willenlose Lage der Frau bewusst ausgenutzt habe.

Das Opfer ist in medizinischer und psychologischer Behandlung

Damit erspart er der Frau, deren Anwältin in dem Verfahren die Nebenklage vertritt, immerhin eine belastende Zeugenaussage. Die Frau ist inzwischen umgezogen, leidet unter Angstzuständen und ist in medizinischer und psychologischer Behandlung.

"Sie haben die Frau wie eine Trophäe einem Kumpel überlassen", sagte Staatsanwältin Franziska Scheuble in ihrem Plädoyer. Bei dem – zudem ungeschützten – Geschlechtsverkehr des anderen Mannes handele es sich um schweren sexuellen Missbrauch einer widerstandsunfähigen Person – die wie eine Vergewaltigung mit mindestens zwei Jahren Freiheitsstrafe zu ahnden sei.

Das Gericht würdigte die "glaubhaften Geständnisse" der nicht vorbestraften Angeklagten als mildernd und verurteilt den älteren zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren, er muss außerdem 1500 Euro an das Opfer und 750 Euro an die Beratungsstelle "Frauenhorizonte" zahlen. "Sie haben ihre Lust auf Sex über alles gestellt", sagt Richterin Julia Heilshorn. Der jüngere Mann erhält eine Jugendstrafe auf Bewährung von einem Jahr und vier Monaten, auch er muss 1500 Euro an das Opfer zahlen und 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten – "damit sie weiter darüber nachdenken, was Sie im Leben dieser Frau zerstört haben".