Beten zwischen Schließfächern

Johanna Schoener

Im KG IV der Freiburger Universität gibt es einen "Islamischen Gebetsraum". Die wenigsten kennen ihn. Johanna hat sich dort umgesehen. Sie ist auf viel Offenheit und nicht minder große Vorurteile gestoßen.



Gänge von blechernen Spinden mit rotgelackten Türen dominieren den hinteren Bereich im Erdgeschoss des Kollegiengebäudes IV. Dazwischen mehrere stahleiserne Türen, zum Großteil ohne Beschriftung. Ganz hinten, wo Studenten ihren Krimskrams in den so genannten Tagesfächern verstauen können, ist ein Putzraum. Ein Zettel mit der Aufschrift „Reinigungsplan des KG IV“ ist an die Wand gepinnt. An der Türe daneben klebt ein unscheinbares Papierschild: „Islamischer Gebetsraum der Universität Freiburg“. 


Abdel Squalli öffnet die Tür. Ein karger Neun-Quadratmeter-Raum mit dem fensterlosen Charme eines Kellerabteils verbirgt sich dahinter, verschönert durch fünf bunte Teppiche, eine Allah Kalligraphie an der Wand und zwei Regale. In dem einen steht der Koran, im anderen werden die Schuhe während des Betens aufbewahrt. „Der zeigt die Richtung nach Mekka an“, sagt Abdel und weist auf den gelben Klebestreifen-Strich auf dem Boden. „Der Raum ist in Ordnung, natürlich könnte er besser sein, aber er erfüllt seine Aufgabe.“ 

Etwa 30 Muslime kommen hier täglich zum Beten. Nach Seminaren oder Vorlesungen gehen sie schnell im KG IV vorbei, stellen die Schuhe ins Regal, waschen sich an dem kleinen Becken in der Ecke und nach zirka fünf Minuten verlassen sie den Raum wieder. Meist zwei bis drei Leute gleichzeitig, die Uhrzeit hängt vom Stundenplan ab. Nur beim Mittagsgebet wird es manchmal eng. Dann bilden sich kleine Schlangen zwischen den Spinden, denn mehr als sechs Leute passen nicht in den Raum. 

„Früher habe ich manchmal im ersten Stock der Universitätsbibliothek gebetet“, erinnert sich der 26-jährige Abdel, „da gibt es einen Gang, wo ganz hinten niemand ist.“ Meistens habe er aber alle Gebete abends zu Hause nachgeholt. 2003 ist der Marokkaner nach Freiburg gekommen, hat Deutsch gelernt und dann sein Geologiestudium begonnen. Etwa zur gleichen Zeit wurde der Gebetsraum eingerichtet. Ein Student aus der Türkei hat ihn damals gegründet, die Besucher haben spontan Gebetsteppiche und Koran mitgebracht.



Heute ist der Islamische Studentenverein dafür verantwortlich, dass der Raum geputzt und ausschließlich zum Beten genutzt wird. Längere Aufenthalte erlauben die Ordnungs- und Verhaltensregeln ebensowenig wie das Auslegen von Plakaten oder Flyern. Abdel nimmt selbst regelmäßig den Staubsauger in die Hand, aber auch die anderen muslimischen Studenten kümmern sich darum, dass alles an Ort und Stelle bleibt. Bisher habe es noch nie Probleme oder Beschwerden gegeben, versichert Silvia Kühnle vom International Office der Universität Freiburg, was die Hausmeister des Gebäudes bestätigen. 

Grund zur Beschwerde hätten vielmehr die muslimischen Studenten: Schon mehrfach haben sie anonyme Zettel vorgefunden – Provokationen wie „Islam gleich Terrorismus“ und Anspielungen auf den 11. September werden durch die Türe geschoben. „Wir haben beschlossen, das zu ignorieren und hoffen, dass es die Meinung von einzelnen Menschen ist“, sagt Abdel. Ein ungutes Gefühl bleibe jedoch: „Man fühlt sich fremd und nicht akzeptiert.“



Tuscheln, Diskussionen und Andeutungen entlang der Spinde kommen immer wieder vor, wenn Abdel und seine Glaubensbrüder und -schwestern zum Mittagsgebet im KG IV erscheinen. Auch deshalb klebt seit einiger Zeit das Schild an der Tür, das auf die Funktion des ehemaligen Sanitätsraums aufmerksam macht. „Früher habe ich mich immer gewundert, warum so viele arabisch aussehende Menschen in das Erste-Hilfe-Zimmer gehen“, erzählt die Politikwissenschaftsstudentin Eva, die regelmäßig in der Bibliothek des KG IV lernt. Ihr Kommilitone, der gerade einen Spind weiter seine Sachen verstaut, hat noch nie bemerkt, dass hier Studenten ihr Mittagsgebet vollziehen.

„Es ist durchaus Sinn und Zweck, dass man den Raum nicht gleich findet“, erklärt Silvia Kühnle vom International Office, die den Gebetsraum gerne mehr in der universitären Öffentlichkeit sähe. „Die muslimischen Studenten haben jedoch Angst, dass Chaoten da reingehen.“ Eine Angst, die offensichtlich nicht unbegründet ist. Auch unter Freiburger Studenten scheint die falsche Rechnung "Muslime = Extremisten" vorzukommen. „Vielleicht ist es gerade problematisch, dass der Raum so versteckt ist“, gibt Abdel zu Bedenken – sicher ist er sich nicht. Das vorsichtige Verhalten und die Unsicherheit komme daher, dass man sich als muslimischer Student immer verdächtigt fühle.



Erfahrungen mit Vorurteilen macht Abdel im Moment auch außerhalb der Uni. Seit Wochen ist er auf Wohnungssuche, aber wenn Vermieter hören, woher er kommt, sind die Zimmer meistens schon vergeben. Die Offenheit und Selbstverständlichkeit, mit der er spontan den Gebetsraum zeigt, jede Ecke fotografieren lässt und alle Fragen beantwortet, würde sich der Geologiestudent auch von seinen Mitmenschen wünschen. Statt zu tuscheln und Mutmaßungen anzustellen, sollte man einfach fragen oder nachschauen, sagt Abdel, während er die schwere Eisentür zuzieht. Abgeschlossen wird nicht. Der Gebetsraum ist für jeden offen. „Vielen Dank für das Interesse“, sagt er beim Abschied.

Mehr dazu:

Informationen beim Islamischen Studentenverein der Universität Freiburg