Besuch in der Freiburger Straßenschule

Philip Hehn

Dies sind Regeln, die sich die Besucher der Freiburger Straßenschule selbst auferlegt haben. Die Straßenschule will junge Menschen unterstützen, die auf der Straße leben, aber sich und ihr Leben verändern wollen. Ein Besuch an der Schwarzwaldstraße.



Ein kleines Ladengeschäft an der Schwarzwaldstraße. Durchs Schaufenster sieht man eine Theke, einen Billardtisch, eine Topfpflanze, bunt bemalte Wände. Das Montag bis Freitag geöffnete Ladenlokal in der Schwarzwaldstraße ist eine Anlaufstelle für jüngere Menschen mit Lebensmittelpunkt Straße, eines von fünf Projekten, die unter dem Dach des ehemaligen Freiburger Straßenschule e.V. laufen.


Die Anlaufstelle soll den jungen Leuten als „Rückzugs- und Ruheort“ dienen, wo sie nicht wie auf der Straße ständig in der Öffentlichkeit sind, erklärt Ingrid Götz, die als Studentin ehrenamtlich mit der Straßenarbeit angefangen hat. Inzwischen ist sie als Bereichsleiterin beim SOS-Kinderdorf Schwarzwald tätig, zu dem die Straßenschule seit 2009 gehört.



Der Verein Freiburger Straßenschule e.V. wurde ursprünglich angestoßen vom Freiburger Lehrer Uwe von Dücker, der in Südamerika mit Straßenkindern arbeitete und bei seiner Rückkehr nach Deutschland die Erfahrungen anwenden wollte. Der Name Straßenschule ist übernommen von einem ähnlichen Programm in Paraguay und spielt einerseits auf die Fähigkeiten an, die die Jugendlichen sich zum Überleben auf der Straße aneignen müssen, andererseits auf den Lernprozess der Sozialarbeiter und Freiwilligen, die lernen, den Jugendlichen die beste Hilfestellung geben zu können. Beide Seiten sind hier Lehrer und Schüler zugleich.

Wie viele Jugendliche in Freiburg genau auf der Straße leben oder in Gefahr sind, dort zu landen, ist schwer zu sagen: Der Übergang zum Leben auf der Straße ist oft fließend. „Ganz oft liegt es an gescheiterten oder labilen Beziehungen zu Bezugspersonen, Familie und Freunden.“ Ein Ausbildungsplatz kann dazu führen, dass ein Jugendlicher von der Straße kommt, viele leben auch sehr mobil und nur für kurze Zeit in Freiburg. Um die Jugendlichen, die mit Autoritätspersonen und Institutionen oft schlechte Erfahrungen gemacht haben, auch tatsächlich zu erreichen, muss das Angebot möglichst niedrigschwellig sein, die Mitarbeiter der Straßenschule gehen auf ihre Zielgruppe zu.



„Die Basis von alledem ist die aufsuchende Arbeit“, sagt Ingrid Götz. Fast jeden Tag ziehen sie durch die Freiburger Innenstadt, die ersten Kontakte knüpfen, Beziehungsarbeit. „Wir kennen viele Leute, für die ist die Schwelle schon zu hoch, hier her zu kommen. Und wieso müssen die auch immer kommen, das können wir auch!“ Neben Offenheit ist auch Verlässlichkeit wichtig: Den jungen Leuten, deren Straßenkarriere oft mit schwierigen Elternhäusern und Problemen in der Schule begannen, soll von den drei festen Mitarbeitern gezeigt werden, dass es auch „verlässliche, helfende, unterstützende Kontakte“ gibt, die auch nicht abbrechen, nur „wenn man mal Scheiß gebaut hat“.

Das Innere der Anlaufstelle ist von den Jugendlichen farbenfroh gestaltet worden. In der Küche ist Selbstbedienung. Die Mitarbeiter stellen ein Budget zur Verfügung, mit dem die jungen Leute dann selbst einkaufen und Essen zubereiten können. Kleine Schritte hin zu Selbstorganisation und Verantwortung. Betritt man den Laden, fällt der Blick sofort auf die Regeln: Keine illegalen Drogen, kein harter Alkohol, keine Gewalt. „Die Regeln sind von den jungen Leuten ausgegangen. Wir setzen hier ganz wenig vor, das zieht sich durch die Projekte durch.“

Die Herausforderung besteht darin, einen festen Bezugsraum zu schaffen, der trotzdem nicht durch Regelfülle abschreckt, und die jungen Menschen anzuleiten, den Raum selbständig und konstruktiv zu füllen. „Ihr seid hier die Protagonisten, ihr seid die, die das hier gestalten, und so wie ihr euch benehmt, so wird die Atmosphäre.“ Das Verbot harten Alkohols in der Anlaufstelle ging auch von den Jugendlichen aus, weil der Alkohol zu einer aggressiven Stimmung beitrug.

Die Mitarbeiter der Anlaufstelle helfen mit Kaffee und bei alltäglichen Problemen wie Arbeitssuche, Behördengängen, falschen Berechnungsbögen für Sozialleistungen und sonstigem Papierkram. Oder bei psychisch Erkrankten auch mit der Frage: „Du wirst aber gerade wieder ein bisschen komisch, hast du noch von deinen Medikamenten?“ und dem anschließenden Gang zur Apotheke. Obdachlose mit schweren Drogenproblemen oder psychischen Erkrankungen kann die Straßenschule auf Stellen aufmerksam machen, die ihnen dann weiterhelfen können.

Auch gerne angenommen wird die Möglichkeit, sich künstlerisch zu betätigen – basteln, modellieren, malen - wofür die Anlaufstelle Platz und Material bereithält, das auf der Straße nicht mitgeschleppt werden kann. Eine Kunsttherapeutin ist als Honorarkraft beschäftigt. Eine Galerie, in der die Werke ausgestellt wurden, musste wegen finanzieller Engpässe 2006 geschlossen werden, seitdem sind die Kunstwerke in der den Obdachlosen vorbehaltenen Straßenschule ausgestellt und damit der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich.



Auch Schülern bietet die Straßenschule Hilfeleistungen. Immer wieder begegneten den Mitarbeitern der Straßenschule über die Jahre junge Erwachsene ohne Schulabschluss, die die Schule durchaus wichtig fanden, aber mit den Problemen in der Schule zusätzlich zu Problemen zuhause nicht mehr zurechtkamen und keine Bezugspersonen hatten, mit denen sie ihre Probleme verarbeiten konnten. Lehrer können sich um solche Schüler oft nicht ausreichend kümmern. Nicht nur Wohnungslose, auch „ganz normale“ Kinder und Jugendliche mit Problemen werden daher betreut, um möglichst zu verhindern, dass sie die Schule überhaupt erst abbrechen.

In dem „Werkstattschule“ genannten Projekt an zwei Freiburger Schulen führen die Kinder in enger Begleitung, aber selbstorganisiert, Projekte vom Kochen bis hin zum Bau eines Ziegenstalls für den Mundenhof durch. So wird die Erfahrung „ich kann ja doch etwas“ vermittelt, Arbeitsabläufe werden von den Schülern selbst geplant und organisiert, soziale Fertigkeiten erlernt, alles Dinge, die eine „normale“ Schule nicht leisten kann und die bei vielen Kindern die Eltern auch nicht vermitteln können. „Ganz nebenbei lernen die Kinder noch ein bisschen messen, rechnen, mit Maschinen umgehen und so weiter, das stärkt das Selbstbewusstsein. Das macht den Kindern auch Spaß.“



Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene entwickeln sich in der Straßenschule weiter, einfach aus eigenem Interesse und ohne Strafandrohungen. Konflikte über Ordnungsvorstellungen und ähnliches gibt es gelegentlich in der Anlaufstelle, aber weder Diebstähle noch Gewalt sind ein großes Problem. „Wir sind ein Projekt für Leute, die sich verändern wollen,“ sagt Ingrid Götz, und das Angebot werde angenommen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten mit. Ingrid Götz zeigt mir einen Bildband einer Freiburger Straßenpunkerin, die inzwischen als Fotografin arbeitet: Die Straßenschule ist für viele der jungen Obdachlosen eine offene Tür, die den ersten Schritt zu notwendiger Betreuung und möglicherweise in ein anderes Leben ermöglicht.

Die Bewohner der Straßenschule freuen sich über Kunst-Materialien (Farben etc). Einfach vorbeibringen in der Schwarzwaldstraße 101 während der Öffnungszeiten, Mo-Fr 13-17 Uhr.

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