Besuch bei der Basler Grenzwache

David Weigend

Heute tritt die Schweiz dem Schengenraum bei. An den Zollkontrollen bei der Einreise wird das nicht viel ändern. Dennoch sind wir am Grenzposten Weil am Rhein / Autobahn diesmal freiwillig rechts rangefahren, um uns von Stabsadjutant Patrick Gantenbein etwas aus dem Grenzwächteralltag erzählen zu lassen.



„Sie können dort hinten parkieren“, sagt der Mann mit der Baskenmütze. Sein Name sei Gantenbein. Wir parkieren, steigen aus und begrüßen uns. Den Pass dürfen wir stecken lassen. Ein kalter Wind, der Benzingeruch mit sich trägt, fegt über die Hütchenlandschaft.


Wir folgen Gantenbein in die braune Baracke an der A5. Er ist Mediensprecher der Basler Grenzwache, was man allein schon daran merkt, dass er zu Beginn der Tonbandaufnahme so professionell wie unaufgefordert einen Soundcheck durchführt.



Vielen Reportern muss er in diesen Tagen erklären, was sich ab heute an der Schweizer Grenze ändert: Nicht viel. „Schengen kommt, die Zollkontrolle bleibt. Da die Schweiz nicht in der EU-Zollunion ist, werden weiterhin Warenkontrollen durchgeführt. Daneben hat der Grenzwächter auch eine grenzpolizeiliche Tätigkeit. Das entspricht dem, was die deutsche Bundespolizei macht.“

Der Basler Raum hat 80 Grenzkilometer, davon 50 Kilometer an Frankreich, 30 an Deutschland. Etwas mehr als 300 Grenzwächter arbeiten hier in achtstündigen Schichten. Das wird so bleiben. Auch die Grenzanlagen werden nicht abgebaut. Und die mobilen Grenzer werden weiterhin patrouillieren. Man darf also ruhig immer noch nervös sein, wenn man mit seinen Duftsäckli im Rucksack die grüne Grenze zwischen Wiese und Antonella City überwandert.



Genau dort hatte Gantenbein vor einigen Jahren ein traumatisches Erlebnis. Es war auch in der Vorweihnachtszeit, als er mit einem Kollegen im Erholungspark Lange Erle auf Streife war. Aus dem dunklen Wald tauchte plötzlich ein Mann auf, der über die Fußgängerbrücke die Wiese überqueren wollte. Als er die beiden Polizisten sieht, nestelt er hektisch an seiner Tasche herum. „Lassen Sie die Tasche fallen!“, ruft Gantenbein mit seiner gezückten 9 Millimeter im Anschlag.

Der Mann lässt die Tasche fallen, es scheppert. Ein Revolver kommt zum Vorschein. „Es stellte sich später heraus, dass es sich um einen Drittstaatler handelte“, sagt Gantenbein. „Er hatte einen falschen Ausweis, außerdem hat er Sozialgeld in Deutschland und in der Schweiz gleichzeitig bezogen. Es gehört zu unserem Beruf, misstrauisch zu sein. Oft werden wir belogen.“



 Nach welchen Kriterien selektieren die Grenzwächter eigentlich Reisende, um sie zu kontrollieren? Dazu will Gantenbein "aus taktischen Gründen" nichts sagen. Das können Äußerlichkeiten sein, aber auch Fahndungsinformationen. Der Beamte muss innerhalb einer Sekunde entscheiden, ob er das Auto herauswinken soll oder nicht. Geschmuggelt wird so ziemlich alles: Rauschgift jeglicher Art, Fleisch, Reptilien, Tabak und so weiter.

Das Kontrollrecht der Grenzwächter reicht weit: Wenn sie den Verdacht haben, dass jemand in einem Bodypack Heroin verschluckt hat, können sie die Person sofort ins Spital bringen, um sie röntgen zu lassen.

Und sie dürfen detaillierte Informationen von Werkstätten einziehen, wenn sie glauben, dass jemand eine Autoreparatur "geschmuggelt" haben könnte. "Angenommen, ein Basler hat einen VW und lässt einen Pneuwechsel in Weil machen. Dann vergisst er beim Rückweg, bei uns diese Reperaturen anzumelden. Dafür gibt es eine Geldstrafe", sagt Gantenbein. Mehrwertsteuerbetrug von Otto-Normal-Fahrer, auch das ist ein Zeitvertreib der Grenzer.



65 000 Menschen passieren täglich die Schweizer Grenze im Raum Basel. Um die Kriminellen unter ihnen besser rausfischen zu können, darf das Zollorgan nun auch aufs SIS zurückgreifen, das steht für Schengen Informationssystem. "Davor hatten wir nur eine rein Schweizerische Fahndungs-Datenbank", sagt Gantenbein.

Das SIS ist auch ein wichtiges Argument für die Schengen-Beitritts-Befürworter unter den Schweizern. Nur 54,6 Prozent der Eidgenossen stimmten im Referendum im Sommer 2005 dafür. Die Gegner befürchteten, Schengen heble die Nicht-Mitgliedschaft in der EU aus, sei ein Beitritt durch die Hintertür, schränke die Souveränität ein und führe zu mehr Kriminalität.

Fakt ist jedenfalls, dass die Grenzwächter schon seit geraumer Zeit die systematische Passkontrolle aufgegeben haben. "Sonst würde sich ja Stau bis Frankfurt bilden."



Zum Schluss dürfen wir Gantenbeins Kollegen noch ein wenig beim Filzen über die Schulter schauen. Sie untersuchen einen Mercedes mit schwedischem Kennzeichen, ohne fündig zu werden.

Die "Sensoren der Gesellschaft" (Gantenbein) gleichen in ihren dicken Schichten schwer bewaffneten Michelinmännchen: Pistole, Maschinenpistole, Reservemagazin, Schlagstock, Pfefferspray, Handschellen, Handschuhe, Funkausrüstung, Reflektorenweste. "Manchmal kann man sich kaum noch bewegen", sagt Gantenbein. Ist diese martialische Ausrüstung wirklich notwendig?



Gantenbein sagt, er müsse mit dem Schlimmsten rechnen. Man werde als Grenzer oft verbal bedroht. Und dann erzählt er noch eine traurige Geschichte: "Wir hatten vor einigen Jahren einen schlimmen Fall im Tessin. Ein Mann, der an der Grenze kontrolliert wurde, hat tatsächlich herausgefunden, wo die Familie des Grenzwächters lebt. Er hat die Frau des Wächters durch Auftragskiller umbringen lassen. Die Frau war schwanger, man hatte ihr die Kehle durchgeschnitten."