Bestes Video-Blog 2007: Alive in Baghdad

Christoph Müller-Stoffels

"Wir sind jetzt verbunden mit unserem Korrespondenten live aus Baghdad" - diesen Satz kennt man aus den Nachrichtensendungen. Zu sehen bekommt man meist einen gepflegten Westler, der seine Einschätzungen von seinem Büro mit Blick über die Stadt aus gibt. Das Videoblog Alive in Baghdad bringt Bilder des irakischen Alltags auf den westlichen PC und macht das so gut, dass es unlängst von der Deutschen Welle dafür ausgezeichnet wurde.



"Ich möchte dem ganzen irakischen Volk gratulieren", sagt der Mann in das Mikrofon, das ihm Nabeel Kamal vor die Nase hält, "all seinen verschiedenen Gruppen, Schiiten und Sunniten. Ich hoffe, jeder hört meine Worte, damit wir all unsere Konflikte vergessen." Der Irak ist gerade Asienmeister im Fußball geworden, zum ersten Mal überhaupt. Auf den Straßen jubeln die Menschen, feiern das Team um Kapitän Younis Mahmoud. Zu sehen ist das auf Alive in Baghdad, einem Videoblog, der das Leben im von Krieg und Terror zerstörten Land dokumentiert.


Alive in Baghdad. Der Name ist mit Bedacht gewählt. Er spielt an auf die Einblendungen in Nachrichtensendungen, wenn der Korrespondent "Live aus..." berichtet und meist doch viel zu wenig Zeit hat, wirklich etwas zu zeigen. Vor zwei Jahren reiste der damals 25-jährige Brian Conley nach Baghdad, um Korrespondeten wie Kamal für sein Journalismus-Projekt zu finden, das den Alltag im Irak zeigen soll. Die Aufnahmen werden dann von Conley und seinen Kollegen in den USA geschnitten. Selten sind die Berichte von einer solchen Ausgelassenheit geprägt wie der von den Fußball-Feierlichkeiten.

Es geht um Folter und Beerdigungen, die Schwierigkeiten einer Mädchenschule in Baghdad, Sicherheitskräfte, die ein Krankenhaus bewachen und immer wieder die alltägliche Gewalt. Im Bericht über irakische Flüchtlingskinder in Syrien sagt ein acht oder neun Jahre alter Bub: "Ich möchte Soldat werden und dafür sorgen, dass niemand jemals wieder mein Land angreift."

"Man bringt die Menschen viel besser zusammen, wenn sie sich sehen können", beschreibt Conley im Interview seine Motivation. "Wir zeigen nicht die Politiker oder hohen Militärs, das macht CNN, das macht FOX News." Und obwohl Conley nicht verschweigt, dass er gegen den Krieg ist, hat Alive in Baghdad keine politische Botschaft, sondern zeigt nüchtern und in beeindruckender Offenheit die Situation der Iraker. Auch das ist ein Grund, warum die Deutsche Welle das Vlog zum "Besten Videoblog" kürte. Solche Preise sind notwendig, denn das Projekt finanziert sich über Spenden und stand schon mehrmals vor der Pleite. Dabei haben Conley, auch CEO von Small World News, und seine Kollegen große Ziele. Vor einem Jahr starteten sie in Mexiko ein ähnliches Projekt: Alive in Mexico.

Alive in Baghdad ist sicherlich Ausdruck einer der sinnvollsten Anwendungen des Internet. Die Bilder vermitteln in der westlichen Welt einen Eindruck davon, was im Irak, was in den Irakern vorgeht. Und auch die Resonanz im Irak ist sehr positiv, zeigt es den Menschen doch, dass sich jemand für sie, für ihre Ängste und Sorgen interessiert. Fußballspieler Younis Mahmoud hat nach dem Gewinn der Asienmeisterschaft übrigens beschlossen, nicht mehr in den Irak zurückzukehren. Er fürchtete um sein Leben.



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