Besser als Radio und MTV: Neue Musik im Netz entdecken

Carolin Buchheim

Mittwochnachmittag, 15 Uhr. Auf MTV läuft Pageant Place, eine Reality-Show über Miss-Wahlen, auf Viva eine veraltete Dokumentation über Britney Spears. Tolle Musikvideos? Neue Bands? Fehlanzeige! Im Radio dudelt derweil oft gehörter Langweiler-Pop und auch ein Blick durch die Musikmagazine ernüchtert: Das Cover des Rolling Stone zieren in diesem Monat Led Zeppelin. Jammern muss nicht sein: Neue Musik entdeckt man heute schon längst ganz woanders und oft auch noch kostenlos. Klar, hier, im Internet.



MySpace, (Net-) Labels & Bands

Erster Anlaufpunkt: Die Bands und Labels direkt. Kleinere Labels bieten fast immer mp3 ihrer Künstler zum legalen Download an, auf MySpacetun das die Bands oft selbst. Und nicht nur etablierte Künstler wie Radiohead, Saul Williams und Prince stellen ganze Alben ins Netz: Bei Verzeichnissen wie Jamendound Opsoundfinden sich mehrere tausend Alben zum kostenfreien, legalen Download. Viele Netlabels bieten ihre Musik ebenfalls kostenfrei an, einen kleinen Einblick in die große Auswahl an Netlabels gibt es bei Wundertunes, eine riesige Auswahl gibt es bei Archive.org.

Musik-Blogs und Aggregatoren

Musik-Blogs sind die Musikmagazine des Internets. Manche, wie das amerikanische Portal Pitchfork oder das deutsche Tonspion werden wie Print-Magazine von Redaktionen gestaltet. Pitchfork bietet täglich redaktionell aufbereitete Streams, Videos und Downloads; Tonspion veröffentlicht regelmäßig Download-Mixtapes, die aus legalen Download-Angeboten von Künstlern und Labels zusammengestückelt werden. Beinahe wie ein normales Magazin kommt das flash-animierte Spoonfork daher. Vierteljährlich bietet das Heft, in dem man mit der Maus blättern kann, Interviews, Rezensionen und ebenfalls ein Download-Mixtape.

Die Mehrzahl der Musikblogs entsteht jedoch noch immer in den Jugendzimmern dieser Welt und sind reine Leidenschaftsprodukte ohne Profit-Absicht; ganz wie die kopierten Fanzines der 80er Jahre. Die meisten Musik-Blogger stellen ihre aktuellen Musikfunde ausführlich vor und verlinken legale mp3-Downloads oder einige selbst-hochgeladenen Dateien mit dem freundlichen Hinweis, die Musik doch bitte trotzdem zu kaufen. Die Zahl der deutschen Musikblogger istimmernochrecht überschaubar. Toll sind die Popnutten, mit dem Berliner Weblog Spreeblickverbandelt, die neben Musik auch über Kunst und Design bloggen.

Einige internatinoale Blog-Clicktipps: Discobelle (Clubsounds & Disco), Fluokids (französisches Blog mit Pop & Clubmusik), Gorilla vs. Bear (Indie), 3hive (alle Genres), Large hearted boy (Indie, mit guten Interviews und Features), My old Kentucky blog (Indie), You ain't no picasso (Indie, aktuell viele ausgefallene Coversongs).

Einen Überblick über die Größe der mp3-Blog-Szene kann man sich zum Beispiel auf der Mega Super Mammooth mp3-Blog-Liste machen. Will man allerdings wissen, worüber all diese Blogger reden und welche Songs sie verlinken, dann sind Blog-Aggregatoren wie Elbows und die Hype Machine der bessere Ort. Dort werden die Informationen von vielen mp3-Blogs gesammelt, und man kann gezielt nach Künstlern oder Songs suchen. Vorsicht! Nicht alle hier verlinkten Downloads sind legal.

Wer mehr sucht als nur mp3, der sollte FoxyTunes und MusicPortl ausprobieren: Wenn man dort den Namen eines Künstlers eingibt, wird bei diversen Portalen, Shops und Web 2.0-Angeboten nach dem Künstler gesucht. Als Suchergebnis bekommt man eine einzige Seite mit dem Wikipedia-Eintrag, flickr-Fotos, den bei Amazon erhältlichen Releases, Hype Machine-Suchergebnissen, relevanten Blog-Posts und YouTube-Videos des Künstlers. Empfehlungen von ähnlichen Künstlern gibt es gleich noch dazu. Besonders nützlich, wenn man schnell etwas über Künstler oder Bands erfahren will, die man noch nicht kennt.

Web-Radio-Sender & Jukeboxen

Web-Radio-Sender können es sich dank geringer Kosten leisten, auch kleine Zielgruppen zu beliefern. So gibt es beim Freiburger Web-Radio Ramp.fm (fudder berichtete) Live-DJ-Sets aus dem Freiburger Nachtleben. Das noch junge byte.fm liefert ein Radio-Vollprogramm im Netz, das eine breite Mischung an Musikstilen abdeckt. Dort gibt es von Labels zusammengestellte Mixtapes, gut moderierte Sendungen und Live-Mitschnitte von Konzerten aus ganz Deutschland (zum Beispiel wurde der Heavy Trash-Gig im Café Atlantik Mitte Januar für byte.fm aufgezeichnet). Das Angebot an Web-Radio-Sendern ist fast unüberschaubar. In fast jedem Media-Player ist eine Web-Radio-Suchmaschine integriert.

Doch manchmal kann Web-Radio mehr, als nur Nischen beliefern: Bei Musicovery (fudder berichtete) gibt man an, welcher Laune man gerade ist und welche Musikstile man mag und bekommt dann den passenden Soundtrack serviert.

Songza hingegen ist eine Art Netz-Jukebox: Einfach einen Künstler oder einen Song ins Suchfeld getippt, und schon bekommt man die gewünschte Musik gestreamt. Wo genau die Songs herkommen, wird bei Songza nicht gesagt; eine deutsche Songza-Copycat-Seite verschwand jedoch nach kurzer Zeit aus rechtlichen Gründen wieder aus dem Netz. Bei Finetune kann man aus einer breiten Songauswahl Playlisten erstellen, die man dann in sein Weblog oder in sein Social-Network-Portal integrieren kann; eine ganz persönliche Jukebox sozusagen.

Last.fm

Noch besser funktioniert das bei last.fm. Mit einem Plug-In für den Media-Player auf dem Computer werden alle Informationen über den eigenen Musikkonsum an die last.fm-Website gesendet („scrobblen“). Dort entsteht mit der Zeit ein Profil des eigenen Musik-Konsums. Das Portal stellt auf dessen Basis mehrere personalisierte Online-Radiosender bereit, über die man neue Bands entdecken kann. Seit einigen Wochen kann man auf last.fm die Mehrzahl aller Songs nicht nur über die Radiostationen hören, sondern auch direkt als Stream anfordern (fudder berichtete). Dann kann man jeden Song allerdings nur drei Mal anhören. last.fm ist außerdem ein großes soziales Netzwerk: man kann seinen Musikgeschmack mit dem seiner Freunde vergleichen, ihre Radiosender anhören und Konzert- und CD-Reviews schreiben. Die Daten des eigenen last.fm-Profils und den eigenen Radiosender kann man mit Widgets in andere Webseiten und Social Networks einbinden.
Ähnlich wie last.fm kombinieren auch goombahund mystrands Musik und Social Network. Das Aktivitäts-Level der Community ist allerdings weitaus geringer als bei last.fm. iLike(fudder berichtete) ist nur mit iTunes nutzbar und dank Widgets vorallem bei Facebook-Usern beliebt. Qloudist eine Art User-basiertes last.fm. Qloud-User können Musik aus den iTunes-Bibliotheken aller User streamen.



Download-Flatrates

Alle Songs, die man will, und das zum Festpreis! Das versprechen die Anbieter von Musik-Flatrates, doch so richtig wollen diese Angebote noch nicht funktionieren. Die meisten Angebote funktionieren als Stream, die Songs werden also nicht wirklich auf den Computer heruntergeladen, sondern immer direkt aus dem Internet abgespielt. Ist die Verbindung nicht da, herrscht Stille im Kopfhörer. Echte Download-Flatrates bieten in Deutschland nur Napsterund Jamba. Allerdings lädt man hier nicht mp3 herunter, sondern Musik im Windows Media Audio-Format, die per Microsoft DRM 9 geschützt ist und nur mit Windows-PCs, WMA-kompatiblen Playern oder (bei Jamba) mit spezieller Handy-Software gehört werden kann; noch lange keine perfekte Lösung.

Ungewöhnliche Download-Shops

Während für Downloader in den USA und Kanada bei Diensten wie Spiralfrog und Ruckusder Traum vom kostenlosen, weil werbefinanzierten, legalen Musik-Download wahr wird, ist die Auswahl für Nutzer in Deutschland noch beschränkt. Allein der britische Dienst We7(fudder berichtete), von Peter Gabriel mitfanziert, kann hier genutzt werden. Jedem Song ist dabei ein kurzer Werbespot vorgeschaltet. Amie St (fudder berichtete), das für Deutschland zumindest ein reduziertes Shop-Angebot bereit hält (leider ohne so beliebte Newcomer-Bands wie Vampire Weekend), funktioniert wie eine Börse: Songs von Newcomern sind billiger als die von beliebten Künstlern. Mut zu unbekannter Musik wird belohnt.

Video-Aggregatoren

Und schließlich ist das Netz auch voller Angebote für alle, die keine Lust haben, bei MTV auf die Musikvideos zwischen den Reality-Shows zu warten. Die meisten dieser Angebote greifen dabei auf die Videos von YouTube zurück und haben aus rechtlichen Gründen eine eher kurze Lebenszeit. Noch kann man bei Muvibee nach Charts geordnete Videos anschauen; eine ähnliche Website verschwand in dieser Woche plötzlich aus dem Netz. Bei Yamelo sind Musikvideos auf einer Zeitleiste angeordnet; perfekt, wenn man in Erinnrungen an eine bestimmte Zeit schwelgen will.