Berufungsverhandlung: Missbrauch in der Familie

Nina Braun

Im September haben wir von einer Verhandlung vor dem Amtsgericht Freiburg berichtet. Robert S. (35) war damals wegen sexuellen Missbrauchs eines Mädchens angeklagt. Das Urteil, zwei Jahre auf Bewährung und 5000 Euro Schmerzensgeld, fiel ungewöhnlich mild aus und hat auch auf fudder für Empörung gesorgt. Ebenso sah es die Staatsanwaltschaft, die Berufung einlegte. Vergangenen Donnerstag wurde der Fall neu verhandelt.



Ursachenforschung

Auf die große Frage nach dem Warum weiß Robert S. noch immer keine Antwort. Der 35-Jährige schweigt, blickt vor sich auf den Tisch. Er ist nicht besonders wortgewandt, deshalb redet er nicht viel. Aber er hat bereitwillig alle Anklagepunkte bestätigt: Sexueller Missbrauch von Isabell, der Cousine seiner Frau, die bei Beginn seiner Annäherungen im November 2002 gerade mal zehn Jahre alt war. Im Verlauf von vier Jahren kam es regelmäßig zu sexuellen Handlungen – zwar nie zum eigentlichen Geschlechtsakt, aber zu Oral- und einmal, auf dem Dachboden, während des Geburtstages seiner Frau, zu Analverkehr.

Nun sitzt Robert S. bereits zum zweiten Mal auf dem Anklagestuhl. Die erste Verhandlung im September 2007 brachte ein, auch gemessen an den gesetzlichen Vorgaben, sehr mildes Urteil: Zwei Jahre auf Bewährung und 5000 Euro Schmerzensgeld. Die Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt. Es waren Isabell selbst und ihre Mutter, die im ersten Durchgang um die Bewährung gebeten hatten – der jungen Familie des Angeklagten, seinem einjährigen Sohn, der Cousine zuliebe. Inzwischen läuft die Scheidung. Und der Gedanke kam auf, er könne anderen vielleicht Ähnliches antun. Darum wollten nun auch Mutter und Tochter die Revision.

Inzwischen ist manches passiert. Die Familie von Robert S. ist auseinandergebrochen. Er hat seine Arbeit verloren, ist aber seit kurzem wieder bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt. Isabell hat Probleme in der Schule, es fällt ihr schwer, sich zu konzentrieren. Immer wieder leidet sie unter Depressionen. Im Dezember hat ihre Mutter zufällig einen Abschiedsbrief gefunden. Täter wie Opfer sind in Therapie.

Jetzt soll Robert S. erklären, warum alles so kam. Der Richter sagt Sätze wie „Das war doch ein Kind“ oder „Das ist ja schon Wahnsinn, irgendwie“, und Robert S. schweigt dazu und rutscht noch ein bisschen tiefer in den Stuhl. Irgendwann, auf Fragen seines Anwalts, erzählt er leise, dass er selbst als Kind missbraucht worden sei, vom Nachbarn. Und dann fällt ihm noch etwas ein: Isabells Vater habe ihrer Cousine, Robert S.’ Noch-Ehefrau, einst Ähnliches angetan.

Deshalb sei es eben auch sexuell nie gut gelaufen in der Ehe. Isabells Anwältin nennt dies vorsichtig eine „Wie du mir, so ich dir“-Haltung. Die gesamte Verhandlung hindurch ist der Ton so freundlich und die Atmosphäre so friedlich, dass es schon fast unwirklich wirkt, wenn Worte wie „Sperma“, „ejakuliert“ oder „Penis“ fallen.



Zeugenaussagen

Isabell macht am Donnerstag zum ersten Mal selbst eine Zeugenaussage – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Danach bemerkt der Richter, dass sich ihre Beschreibungen mit denen des Angeklagten gedeckt hätten. Robert S. hat sogar Dinge zugegeben, an die sie sich nicht mehr erinnern kann. Sein Geständnis war besonders umfassend und rückhaltlos – das wird ihm als mildernder Umstand angerechnet.

Bei der Aussage der Mutter dann sitzt Isabell hinten unter den Zuschauern, umgeben von Freunden, die alle größer sind als sie. In allem, was sie tut, ist die 16-Jährige zurückhaltend: Beim Lächeln, beim Sprechen, beim bloßen Zusehen. Sie hält die Hand einer Freundin und wirkt zu jung für ihr Alter. Schon immer sei sie sehr kindlich gewesen, bestätigt die Mutter im Zeugenstand – zumal sie sich nie figurbetont, sondern immer eher wie ein Junge gekleidet habe, mit großen Pullis und weiten Hosen. „Im Nachhinein verstehe ich natürlich auch, warum sie ihren Körper versteckt hat.“

Sie erzählt davon, wie es war, als Isabell plötzlich ihre Lieblingscousine nicht mehr besuchen wollte – nicht einmal, um deren Neugeborenen zu sehen. Wie diese Weigerung schließlich eines Tages mit ungewohnter Heftigkeit aus der Tochter herausgebrochen ist und sie der Mutter daraufhin nach und nach das ganze Ausmaß offen gelegt hat. Und wie diese dann, am zweiten Weihnachtsfeiertag 2006, Robert S. beiseite genommen und ihm in Aussicht gestellt hat, von einer Anzeige abzusehen, wenn er nur seiner Frau alles gestehe und eine Therapie beginne.

Sie erzählt davon, wie er zunächst die Verantwortung auf Isabell abwälzte, sie habe diese Dinge selbst ausprobieren wollen. Wie sie, die Mutter, Druck machte und ihm Ultimaten stellte, bis er es schließlich seiner Frau gegenüber zur Sprache brachte. Wie es danach zu Spannungen in der Verwandtschaft kam, und wie Isabell schließlich zur Polizei ging, rechtzeitig vor den Prüfungen in der Schule, um sich auf diese besser konzentrieren zu können.

Die Mutter hat telefonisch von der Anzeige erfahren. Seither gehe es ihrer Tochter besser, sagt sie, sie lache wieder mehr. Und endlich, nachdem der Richter in der Vernehmung große Rücksicht hat walten lassen, ist es der Staatsanwalt, der die Frage stellt, die so dringend im Raum steht: „Warum sind Sie nicht selbst zur Polizei gegangen?“

Die Mutter weiß, dass es schwer zu verstehen ist. Sie schlingt die Hände immer wieder umeinander und versucht, sich zu erklären. Sie habe eben für alle das Beste gewollt. „Ich war wie geblendet. Ich habe mich gefragt, wie die Verwandtschaft reagieren wird, was da alles auf uns zukommt. Heute weiß ich, ich hätte gehen sollen.“

Anschließend wird noch ein von Robert S. hölzern formulierter Entschuldigungsbrief vorgelesen. Wieder steht ihm seine Ausdrucksschwäche im Weg, niemand weiß, wie ernst seine Reue zu nehmen ist.

In den Plädoyers sind sich alle einig, dass ein Urteil unabhängig vom Willen der oder des Geschädigten gefällt werden müsse, und dass die Rechtslage eigentlich klar ist, dass das Strafmaß demnach über dem des ersten Urteils liegen muss. Angedacht wird aber auch beiderseits, ob Scheidung und Verlust des Arbeitsplatzes den Angeklagten nicht schon genug gestraft hätten, und ob eine Gefängnisstrafe nicht seiner Therapie im Wege stünde. Die Frage der Resozialisierung kommt auf.

Das Urteil

Drei Jahre, heißt es schließlich dennoch. Eine Zeitspanne, die nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden kann, und „ein hartes Urteil“, wie der Richter sagt. Fast scheint es, als wolle er sich beim Angeklagten dafür entschuldigen, als er die Begründung vorträgt. Obwohl die geschilderten Situationen zum großen Teil rechtlich hart an der Grenze sind, wurden fast alle Anklagepunkte als „minder schwer“ eingestuft.

Nur beim Analverkehr hätten die Vorgaben keine andere Interpretation mehr zugelassen als schwerer sexueller Missbrauch. Vier Jahre hat Isabells Tortur gedauert, doch ausschlaggebend ist somit letztendlich nur der Abend auf dem Dachboden. Ohne ihn wäre Robert S. auf freiem Fuß geblieben.

Zum Abschluss spricht der Richter dann noch ein wahres Wort: „Es bleibt eine gewisse Ratlosigkeit darüber, was Robert S. umgetrieben hat.“ Man möchte es fast auch auf andere Anwesende anwenden.