Denkmalschutz

Bertoldsbrunnen verschwindet zwischen Heißdampfwolken

Julia Littmann

Was aussieht, wie Bühnennebel ist der Wasserdampf von Hochdruckreinigern, die den Bertoldsbrunnen säubern. Zwei Nachtschichten braucht es, um das Denkmal tiefenzureinigen.

Was da mitten in der Nacht auf Donnerstag am Bertoldsbrunnen stattfindet, sieht aus wie eine Beleuchtungsprobe im Theater: Ross und Reiter samt Kalksteinsockel erstrahlen wie in Flutlicht getaucht. Dazu puckert Generator QAX 12. Sekunden später erlischt das Scheinwerferlicht und QAX 12 verstummt. Es ist zwei Uhr und das Steinmetz-Zweierteam muss zum Auftakt der nächtlichen Sockelreinigung schon eine Panne ausgleichen, denn dies ist keine Probe, sondern die knapp bemessene Echtzeit für die Putzaktion bei abgehängtem Straßenbahnstrom.


Ein munterer Trupp Partygänger mault, als das grelle Baustellenlicht schlagartig wegdimmt: Man hatte sich gerade für ein Foto vis à vis aufgebaut. Schlecht ist der Stromausfall auch für die beiden Männer hinterm Gitterzaun. Jens Böhme und Siegfried Pilich suchen flink nach der Ursache fürs Lichtmalheur – und stellen fest, der stämmige QAX 12 verkraftet nur entweder die Scheinwerfer oder den Kompressor für den Heißdampfstrahler, mit dem die Steinmetze in zwei Nächten den gesamten Kalksteinsockel unterhalb von Bertold III und seinem Pferd gründlich reinigen.

Schuften gegen den Denkmalschmutz

1965 errichtet, um einige Meter versetzt und seit 1979 an haargenau dieser Stelle in ein flaches Wasserbecken eingelassen, ist das Denkmal seither der ganz normalen Umweltverschmutzung ausgesetzt. "Das sieht man ihm an", stellt auch Finn Lange sachlich fest, der mit einem Freund erst spät zu den spärlichen Zuschauern stößt, "man kann ja die Schrift auf dem Denkmal gar nicht mehr lesen."

Ob die nach Heißdampfstrahl und abschließendem Sandstrahlen besser zu lesen sein wird, und ob sich überhaupt auch die grünen Schlieren entfernen lassen, die aus den Bronzefiguren in den Stein sickern, weiß man nicht, sagen die beiden Steinfachleute. Die statt der großen Beleuchtung nun mit einem simplen Baustellenscheinwerfer vorlieb nehmen müssen, denn die Zeit drängt.

Am Mittag bereits hatten die beauftragten Firmen Luther-Naturstein und Pilich in Absprache mit dem Garten- und Tiefbauamt (GuT) und den Verkehrsbetrieben (VAG) den Bauzaun um den Bertoldsbrunnen aufgestellt. Gegen Mitternacht sind Mitarbeiter und Gerätschaften wie Arbeitsbühnen, Container und Hubwagen schon im Einsatz.

"Bevor die neue Tramlinie kommt und alles im Normalbetrieb ist, wollten wir solche Dinge noch erledigen", erklärt GuT-Mann Wolfgang Zeiher, "es ist unglaublich aufwendig, solche Baustellen einzurichten, bei denen man in beständiger Nähe zu den Straßenbahnleitungen arbeitet und sie folglich vom Strom nehmen muss."

Bühnennebel um den Bertoldsbrunnen

Zusätzlich haben in dieser Nacht VAG-Mitarbeiter provisorische Masten unter die Oberleitungen geklemmt als Erdung. Immerhin ist bei den stundenlangen Steinreinigungsarbeiten ganz schön viel Wasser im Spiel. Und das viele Wasser ist auch bei der eher schummrigen Beleuchtung weithin zu sehen – als eine Art dramatisch inszenierter Bühnennebel um Bertold. Und dieses wabernde Weiß lockt denn auch immer wieder versprengtes Nachtvölkchen an.

Mit flotten Sprüchen und Handy und immer auch mit Mitgefühl: "Boah, mitten in der Nacht arbeiten – und dann bei dieser Kälte!" Böhme und Pilich winken ab, halb so schlimm. Und schuften unbeirrt. Wolfgang Zeiher ist eine ganze Weile dabei: Er will wissen, wie laut diese Arbeiten tatsächlich sind und wie sie vorangehen. Sie gehen gut voran, stellt er fest, und tut’s den Nachtschwärmern gleich und fotografiert das Spektakel – allerdings aus beruflichen Gründen.

Für Pilich und Böhme ist auch die Nacht auf Freitag eine Nachtschicht – nach der vor allem einer strahlt: Bertold von hohem Ross runter auf seinen schicken Sockel.