Bernd Werneth: Die Spur der Spurlosen

David Weigend

Die Wochenzeitung "Die Zeit" nennt ihn den mysteriösesten Fall der deutschen Kriminalgeschichte: Eine unbekannte Frau hinterlässt ihre DNA an 31 Tatorten. Die Delikte, mit denen die Frau in Verbindung gebracht wird, reichen von Diebstahl über Einbruch bis hin zu Raubüberfall und sechs Morden. Einer von ihnen geschah in Freiburg. Bernd Werneth leitet die SOKO "St. Georgen" und fahndet nach der Unbekannten seit 2001. Ein Interview mit dem Versuch, ein Profil des so genannten Phantoms zu erstellen.



Herr Werneth, am 24. März 2001 wurde der 61-jährige Josef Walzenbach in seiner Wohnung in der Andreas-Hofer-Straße 38 in Sankt Georgen mit drei seiner eigenen Gürtel erwürgt.

Ja. Zuerst sind die Kriminaltechniker und Gerichtsmediziner hingefahren. Sie haben die Spuren gesichert. Befund: Tötungsdelikt. Noch am gleichen Tag wurde eine Sonderkommission eingerichtet.

Die Unbekannte, die Ihnen so viel Kopfzerbrechen bereitet, hat in der Wohnung Spuren hinterlassen, oder?

Ja. Schweißspuren an der Küchenschublade. Da war Besteck drin und Gerümpel. Die Frau muss die Schublade aufgezogen haben, um zu schauen, ob da was Wertvolles drin ist.

Wurde etwas gestohlen?

Es muss Geld weggekommen sein. Einige Tage vorher hat Walzenbach Geld abgehoben und es ist wahrscheinlich, dass er es nicht ausgegeben hatte. Außerdem fand man in der Wohnung einen kleinen, geöffneten Tresor. Wir gehen davon aus, dass Walzenbach ein paar hundert Euro Bargeld darin gehortet hatte.

Können Sie die Tat rekonstruieren?

Er muss die Leute reingelassen haben. Die müssen sich mit einem Trick Zugang verschafft haben. Es war ja ziemlich warm an diesem Märztag. Vielleicht sind sie an die Tür gekommen und haben eine Notlage vorgetäuscht oder um ein Glas Wasser gebeten. Auch beim Mord an Lieselotte Schlenger im Mai 1993 in Idar-Oberstein haben wir eine Tasse gefunden, aus der die Unbekannte getrunken hat.

Und dann?

Dann gehen zwei Personen rein. Der eine lenkt ihn ab, die andere durchsucht die Wohnung. Dann merkt das Opfer etwas von dem Vorhaben. So könnte die Gewaltsituation entstanden sein.



Man kann nicht sagen, wie viele Menschen zur Tatzeit in der Wohnung waren.

Nein. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass die Frau nicht allein war. Der Walzenbach war kein Schmächtiger. Eine 50-Kilo-Frau wird mit so jemandem nicht fertig.

Die Frau agiert also nicht alleine.

Korrekt. Darauf weisen auch die anderen Taten hin. Die Einbruchserie in Österreich etwa. Die sind da eingebrochen in eine Wirtschaft, da standen dann Flaschen rum. Aus einer hat sie getrunken. Sowas macht man nicht allein. Sie war praktisch immer mit anderen zusammen unterwegs.

Wann hat man zuletzt Spuren von der Frau gefunden?

Sie war vermutlich an einem Einbruch beteiligt in Oberstenfeld-Gronau bei Ludwigsburg. Das war in der Nacht vom 9. auf den 10. April. Man hat DNA der Frau am Briefkasten gefunden. Das war der 31. Treffer. Die Täter haben einen DVD-Player gestohlen, eine Videokamera, einen Laptop und mehr.

Welches Bild haben Sie von dieser Frau?

Ich vermute, sie ahnt gar nicht, wie viele Menschen nach ihr fahnden. Andernfalls würde sie doch schauen, dass sie Land gewinnt. Ende 2001, als wir den Zusammenhang festgestellt haben mit Idar-Oberstein, haben wir das schon breit in den Medien kommuniziert. Auch in Österreich war die Berichterstattung sehr ausführlich. Außerdem würde sie sich zumindest darum bemühen, nicht so offensichtlich Spuren zu hinterlassen.

Zum Beispiel?

Ich kann in eine Gaststätte einbrechen, kann dort auch aus einer Flasche trinken. Aber dann nehme ich die Flasche doch mit und werfe sie woanders weg. Aber ich lass die Flasche doch nicht auf dem Tisch stehen. Das weiß doch jeder, dass man da Spuren findet.



Das Glück einer Dummen?

Wir gehen davon aus, dass sie nicht die Hellste ist. Dennoch, sie muss wissen, dass man nach ihr sucht. Warum die sich jetzt nicht verzieht, warum die immer noch im Kreis Heilbronn ist, das ist überhaupt nicht nachvollziehbar.

Wie sieht es aus mit Zeugen oder möglichen Mittätern?

Wir haben viele Personen vernommen, die mit ihr mit großer Wahrscheinlichkeit in Kontakt gewesen sind. Normalerweise steckt dir jemand dann mal was. In diesem Fall: nichts.

In Zusammenhang mit den Straftaten in Österreich wurden eine Reihe von Männern festgenommen, hartgesottene Ganoven, wie Sie sagten. Dass die nichts verraten haben, liegt nahe.

Richtig. Aber wir haben ja auch viele Randfiguren vernommen, die nichts zu befürchten hätten bei einem vertraulichen Hinweis. Aber trotz der stolzen Summe von 150.000 Euro, die mittlerweile ausgeschrieben ist für einen entscheidenden Tipp – nichts. Das ist mehr als verwunderlich.

Was ist mit der Theorie, die Frau könnte die Chefin einer kriminellen Organisation sein?

Sehr unwahrscheinlich. Dafür ist die Qualität der Einbrüche in vielen Fällen wie gesagt zu dilettantisch.



Ist sie Raucherin?

Wahrscheinlich nicht. Wir haben nie Kippen am Tatort gefunden. Kippen ihrer Komplizen dagegen schon.

Und Drogen? Im Oktober 2001 hat man eine Spritze bei Gerolstein gefunden, die die Frau wahrscheinlich berührt hat.

Ja, aber die Frau muss nicht zwangsläufig eine Giftlerin sein. Es wäre natürlich naheliegend. Sie kann aber genauso gut die Spritze einem anderen aufgezogen haben.

In Ihrem Büro hängt ein Ausdruck. Darauf erkennt man so etwas wie Bienenschwärme. Was bedeuten sie?

Das ist ein Diagramm. Wir haben versucht, Schnittmengen zu bilden, um den möglichen Kreis der Täterinnen einzugrenzen. Der rechte Schwarm, das sind die Giftlerinnen aus Baden-Württemberg. Ein weiterer Schwarm stellt die wohnsitzlosen Frauen im Land dar. Ein dritter Schwarm zeigt die Frauen, die an Einbrüchen beteiligt waren.

Wieviele Mitarbeiter hat die SOKO "St. Georgen"?

Das variiert. In der Anfangsphase waren wir sicher 50 Leute. Wenn die Spuren abnehmen, wird runtergefahren. Dann kommt eine neue Spur und du stockst wieder auf. Der Stamm besteht aus dem Kollegen Bruno Bösch und mir.



Gehen Sie davon aus, dass sich die Frau bereits in der Zentralkartei des BKA befindet?

Man muss davon ausgehen. Wenn jemand so lange Eigentumsdelikte begeht, wird er irgendwann einmal ermittelt. Der kommt dann mit dem Fingerabdruck in den Computer rein. Standard. Aber erst seit Anfang 2000 ist die DNA als Beweismittel richtig hochgekommen. Bei schweren Straftaten ist nachtypisiert worden, sofern man noch Asservate hatte. Bisher war es eher so: wenn man eine Frau erwischt hat bei einer eher geringfügigen Tat, hat man von ihr nicht gleich eine Speichelprobe erhoben. Dass die Frau mit Bild und Fingerabdruck in der Datenbank vorliegt, ist dagegen wahrscheinlich.



Wie läuft die Zusammenarbeit mit den anderen SOKOs?

Sehr gut. Wir haben eine gemeinsame Datenbank. Wenn wir eine neue Spur haben, geben wir sie ein und umgekehrt.

Welche Spur war bisher vielversprechend?

2003 hatten wir DNA von ihr auf dem Tankdeckel eines gestohlenen Autos in Heilbronn. Nach menschlichem Ermessen ist klar: wenn du den Dieb von dem Auto hast, dann hast du sie auch. Wer greift sonst an einen Tankdeckel?

Haben Sie den Fall geklärt?

Haben wir. Der Täter war ein junger Deutschrusse. Er hat gestanden, auch, wer mitgefahren ist. Wir haben sein gesamtes Umfeld überprüft, auch den Fahrzeughalter und sein Umfeld. Viele Speichelproben haben wir erhoben. Nichts. Unerklärlich. Es bleibt nur die Theorie: Der Deutschrusse hat das Auto gestohlen und dann in Heilbronn wieder abgestellt. Bevor es gefunden wurde, ist die Frau hingegangen und hat Sprit abgezapft.

Klingt sehr konstruiert.

Tatsache ist: wir haben später wieder in Österreich einen Tatort, wo die Frau Diesel abgezapft hat. Da würde es wieder passen.

Die Frau hat auch Airbags geklaut.

Richtig, auch in Österreich. Da sind die ins Autohaus rein, haben die Autos aufgebrochen und Airbags ausgebaut. Dafür musst du die Motorhaube aufmachen und einen Pol von der Batterie abklemmen. An solch einem Pol hat man ihre DNA gefunden.

Welche Spur hat man von ihr beim aufsehenerregenden Mord an der Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 gefunden?

Am Streifenwagen von der ermordeten Polizistin wurde DNA von der Frau gefunden.



Kommen wir zurück nach Freiburg. Anfang April 2004 wurde im Asyl- und Obdachlosenheim in der Hermann-Mitsch-Straße ein Tresor aufgeschweißt. Einige tausend Euro und Wertmarken fehlen. Man findet eine angebrochene Flasche Wasser mit Speichelspuren von der Frau.

Die Täterin muss zu diesem Heim und den Bewohnern einen Bezug gehabt haben. Sie und ihre Komplizen müssen gewusst haben, dass da Tresore drinstehen.

Was ergaben die Ermittlungen?

Wir haben die gestohlenen VAG-Wertmarken gefunden in einem Freiburger Haus, in dem eine türkische Familie wohnt. Diese Familie hat zur Tatzeit noch im Heim gewohnt. Der normale Schluss: Die haben gewusst, dass da was drin ist, haben den Einbruch gemacht und einen Teil des Diebesguts bei sich im Keller verstaut.

Und wieder dachten Sie: "Jetzt haben wir sie."

Tatsache ist: wir haben das ganze Umfeld von der Familie geprüft, die teilweise erheblich vorbelastet war. Nichts. Wir haben alle Frauen abgespeichelt, die in der Hermann-Mitsch-Straße wohnen oder dort gewohnt haben in den vergangenen Jahren. Nichts. Aber es muss dort Leute geben, die ein wenig was wissen.



Wie sind denn die gestohlenen Wertmarken in die Hände dieser Familie gekommen?

Im Grunde gibt’s nur eine Erklärung. Als die Einbrecher schon weg waren, stand das Fenster noch offen. Das muss einer von den Türken gesehen haben. Er ist dann nachträglich noch mal eingestiegen und hat das mitgenommen, was noch herumlag. Aber letztlich konnten wir ihnen die Tat nicht nachweisen.

Seit sieben Jahren sind Sie nun dieser Frau auf der Spur. Beschäftigt Sie der Fall auch nach Dienstschluss?

Klar, manchmal. Das wurmt schon. Die Unbekannte hat mir schon so manche schlaflose Nacht bereitet.

Glauben Sie, dass Sie der Täterin einmal gegenübersitzen werden?

Ja. Davon bin ich überzeugt. Wir hatten zwar schon Phasen, in denen monatelang nichts passiert ist. Aber die Tatsache, dass sie jetzt wieder im gleichen Raum eine Spur hinterlässt…es kann nicht sein, dass sie nicht gefasst wird.

Herr Werneth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


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