Berlin Alexanderplatz: Wie war's?

Maximilian Vogelmann

Berlin in den 1920er Jahren: Franz Biberkopf kommt aus dem Knast und versucht, anständig zu bleiben. Das ist nicht einfach im Großstadtdschungel, besonders, wenn man dabei vom weiblichen Tod und dem Gespenst der totgeschlagenen (Ex-)Freundin begleitet wird. Gelungene Bühnenadaptierung des Romans "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin durch Thomas Krupa im Freiburger Theater.



Die Bühne sieht seltsam aus. Wie ein großer Kasten aus Stahlträgern. Alles ist eckig, kantig, unbequem. Überall nur Funktion: Schienen, Seile, Kästen, alles durcheinander. Alles vermischt sich in Thomas Krupas Bühnenadaptierung von Alfred Döblins Roman: Stilmittel, Darstellungsformen, Musik, Schauspiel, die Geschlechter, Leben und Tod. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Doch durch dieses Durcheinanderwürfeln entsteht paradoxerweise ein klarer Blick aufs Chaos.


Durch dieses Chaos muss Franz Biberkopf durch (gelungener Einstand am Theater Freiburg: Martin Weigel). Er ist zwar stark und auch beliebt bei den Frauen, aber er ist auch naiv. Nach seiner Freilassung versucht er anständig zu bleiben, während seine Schuldgefühle in Gestalt der Freundin, die er totgeschlagen hat und wegen der er ins Gefängnis musste, ihn martern.

Doch Franz gerät wieder auf die schiefe Bahn. Und das Schlimmste ist: er ist selbst Schuld daran. „Wer kann mir helfen“, fragt der durch die Kamera entfremdete, fast entstellte Franz zu Beginn und am Ende des Stücks. „Bitte, hilf mir!“ Nur sein Gewissen antwortet, und es hat kein Erbarmen: „Keiner kann dir helfen, Franz. Nur du selbst."

Doch Franz packt es nicht. Je besser man ihn im Laufe der fast dreistündigen Aufführung kennenlernt, desto mehr erscheint er nicht mehr als gutmütiger, armer Tropf, dem man wirklich alles Gute wünscht, sondern als ignorante Dumpfbacke, der seine eigene Freundin „Mieze“ (Elisabeth Hoppe) für sich anschaffen gehen lässt und dabei kein schlechtes Gewissen hat, sondern sich selbst wegen eines verloren Arms bemitleidet und an der Flasche hängt. Das Stück lässt einen traurig zurück.



Die Mittel, zu denen Regisseur Thomas Krupa greift, wirken zunächst etwas befremdlich, funktionieren aber exzellent. Wenn Franz mit Bösewicht Reinhold (Thomas Mehlhorn) im Auto sitzt und es immer gefährlicher wird für Franz, bis er schließlich aus dem Fahrzeug geschmissen wird und dabei seinen Arm verliert, sprechen beide plötzlich in der 3. Person über sich und ihre Gefühle, zitieren aus dem Roman, brüllen sich in ihrer Erregung und körperlichen Nähe an, sind aber dabei von sich und vom anderen komplett entfremdet. Sie lesen eine Geschichte, auf die sie selbst in ihren jeweiligen Entgleisungen keinen Einfluss mehr haben.

Dabei sitzen sie in einer hölzernen Kiste auf der Bühne und werden von einer Handkamera gefilmt, deren Bild dann auf ebenjene Kiste projiziert wird. Symbolik?

Vielleicht ist es das Abbild der von Döblin verwendeten collagenhaften Darstellung Berlins als eine monströse Metropole, in der sich der Mensch eine Weile über Wasser halten kann, dann aber von den Monstern, die unter jeder Oberfläche – auch der eigenen – lauern, unweigerlich in die Tiefe gerissen wird.



Was: Berlin Alexanderplatz (Regie: Thomas Krupa)
Wann: 16., 24. & 26. Oktober, 19.30 Uhr 
Wo: Großes Haus, Theater Freiburg 

[Fotos: Maurice Korbel]