Berghain-Resident Norman Nodge im Interview: Im Club geht es um Offenheit

Bernhard Amelung

Er ist Resident-DJ im vielleicht bekanntesten Techno-Club der Welt: Am Samstag kommt Berghain-Stammspieler Norman Nodge für ein Set ins Crash. Ein Gespräch über die Faszination Techno und das Auflegen im Berghain.

Seit 2005 bist du Resident im Berghain. Was kannst du dort auflegen, was du in anderen Clubs nicht spielen kannst?

Norman: Im Berghain kann ich mich absolut auf die Technik verlassen. Ich kann dort mit Schallplatten auflegen, ohne dass die Nadeln springen oder dass es zu Rückkoppelungen kommt. Das ist in vielen Clubs heute leider nicht mehr selbstverständlich. Ich kann mich im Berghain aber auch als Künstler ausleben. Zwar muss ich die Menge auf der Tanzfläche bei Laune halten, aber durch die Dauer des Sets kann ich mich musikalisch entwickeln und auch Brüche riskieren.


Was kann man sich darunter vorstellen?

Norman: Genre- und Tempowechsel. Manchmal gehe ich von 130 BPM auf 110 BPM runter, oder umgekehrt. Manchmal spiele ich Stücke, die Clubgänger mit Scheuklappen vielleicht als kitschig oder unpassend empfinden könnten. Eine alte Cosmic Baby-Nummer zum Beispiel. Aber das ist mir egal. Wir sprechen ja inzwischen von einer Zeitspanne von über 30 Jahren, in der Musik unter den Techno-Begriff subsumiert wird. Es gibt daher immer Menschen, die diese Musik gerade für sich entdeckt haben und für die Altes neu ist, und umgekehrt. Und auch ich kenne längst nicht alle Platten.

Du legst seit über 20 Jahren auf. Wie vermeidest du, dass sich bei der Plattenauswahl und beim Auflegen Routinen einstellen?

Norman: Eine gewisse Abstumpfung kann ich nicht vermeiden, manche Stücke höre und spiele ich ja immer wieder. Trotzdem höre ich viel neue Musik, und wenn ich aus 100 gehörten Stücken zwei für mich entdecke, erweitere ich meine Sammlung um diese zwei.

Worauf achtest du beim Plattenkauf zuallererst?

Norman: Ich werde hellhörig bei Musik, die ich zuvor noch nicht oder noch nicht so gehört habe. Der Loop muss mich fesseln. Ich gehe gerne in Plattenläden einkaufen, in Berlin aber fast nur ins Hardwax, weil ich weiß, dass ich dort qualitativ hochwertige und ein bisschen vorgefilterte Musik zu hören bekomme.

Ich tausche mich aber auch mit Freunden aus. Wir spielen uns gegenseitig Platten vor, und dann kommt es auch vor, dass ich eine Platte für mich neu entdecke, die schon seit zehn Jahren im Regal steht. In den letzten Jahren gehe ich auch wieder vermehrt aus, höre mir an, wenn Freunde und Bekannte im Berghain spielen. Wenn es sich ergibt, gehe ich mit meiner Freundin dort auch einmal an einem Sonntagabend hin.

Wie fühlt es sich dich an, wenn du das Berghain als Gast besuchst?

Norman: Da ich Resident-DJ bin, habe ich schon einige Privilegien. Ich muss zum Beispiel an der Tür nicht Schlange stehen. Ich kenne die Türsteher, viele Mitarbeiter, und das vermittelt mir immer auch das Gefühl, dass ich Freunde treffe.

Fällt es dir leicht, dich in deinem Stammclub der Musik eines anderen Discjockeys hinzugeben?

Norman: Das ist ganz einfach. Wenn der Discjockey gute Musik spielt, gehe ich auf die Tanzfläche und tanze. Ich bin dann einer von vielen Tänzern und gehe in der Menge auf.

Warum hat deiner Ansicht nach Techno bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren?

Norman: Ich bin mir nicht sicher, ob die Musik als solche für eine Anziehungskraft sorgt. Ich kann da nur von mir aus gehen. Ich kann Techno nicht in jeder Umgebung hören. Für mich muss diese Musik mit einem Club und einer Menschenmenge zusammengehen, die sich dem Rhythmus hingibt, sich antreiben lässt und in eine Art Trancezustand fällt. Das macht für mich den ungebrochenen Reiz aus.

"Love, Peace and Happiness" war in den Neunzigerjahren das Motto vieler Raves. Wofür sollte Techno im Jahr 2017 stehen?

Norman: Ich finde, man kann Musik und Clubkultur nicht auf einen Nenner herunterbrechen. Auch wenn dieses Motto grundsätzlich in Ordnung ist, finde ich es dennoch zu plakativ. Man kann nicht davon ausgehen, dass man eine große, eingeschworene Gemeinschaft ist. Auch ich muss immer wieder Denkhemmungen ablegen. Um Offenheit, darum geht es im Club doch eigentlich.


  • Was: Youth Life w/ Norman Nodge, T.A.N.N.E., K_arim
  • Wann: Samstag, 4. März 2017, 23 Uhr

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