Beratersprech: Rumlabern wie die Jungs von McKinsey!

Markus Hofmann

Unternehmensberater sprechen kein Deutsch. Unternehmensberater sprechen Beratersprech. Eine verquaste Mischung aus Anglizismen und verenglischtem Blabla-Deutsch, die irgendwie lustig klingt. Seit einigen Monaten betreibt der Münchner Journalist Tom Hillenbrand (Foto) eine Facebook-Page zu dieser ganz besonderen Sprache. Sie findet enormen Anklang - aber warum nur?



Beratersprech hat auf Facebook in kurzer Zeit mehr als 11.000 Freunde gewonnen. Warum kommt die Seite so gut an?

Wie so viele Web-Projekte hat die Seite in den ersten drei Monaten auf sehr kleiner Flamme geköchelt. Dann wurde Beratersprech von einigen A-Bloggern entdeckt, die sehr viele Follower haben – Mario Sixtus, Thomas Knüwer, Heiko Hebig.  – und dann ist die Zahl der Freunde sehr stark angestiegen.

Viele Leser finden sich auf der Seite wieder: Wer als Unternehmensberater oder in einem größeren Konzern arbeitet, hat genau diese Erfahrung gemacht: Die Leute sprechen dort wirklich so. Nach zehn Jahren als Wirtschaftsjournalist ertappe ich mich selbst dabei: Die Gespräche mit Unternehmensberatern und Vorstandsvorsitzenden färben ab!

Wer hat Sie auf die Idee gebracht, diese Facebook-Seite zu starten?

Wir haben uns im Büro oft darüber lustig gemacht, wenn wir wieder eine besonders schlimme Pressemitteilung bekommen haben, in der drinstand:  „Wir leveragen IT-Plattformen“. Als großer Fan der Dilbert-Comics und von Martin Suters Kolumne „Business Class“ habe ich mir gedacht: Wenn man diese Sprache auf Facebook auf einen Satz reduziert -  das könnte gut funktionieren.

Wer liest Beratersprech – humorbegabte McKinsey-Consultants oder Puristen der deutschen Sprache?

Ich glaube nicht, dass viele Sprachpuristen dabei sind. Aber definitiv Unternehmensberater, das weiß ich. Und viele Leute, die im Marketing, in PR-Agenturen oder in großen, globalen Unternehmen arbeiten, wo man verenglischt kommuniziert.

Sprechen Berater denn wirklich so?

Ja – die sprechen wirklich so! Ich beobachte aber einen Trend: 2001 hätten Berater ihre Gesprächspartner noch eher mit Anglizismen zugeworfen, um Banalitäten zu verstecken. Wenn man sagt: „Unser Finanzchef hat zero Visibility, was den Umsatz betrifft“, heißt das ja nur: „Der Typ hat null Ahnung“. Aber es klingt irgendwie besser. Und „Revenue Target“ klingt besser als „Umsatzziel“.

Heute geht die Entwicklung weg von Anglizismen. Stattdessen wird ein sehr komisches Deutsch gesprochen. Worte, die aus dem Englischen kommen, aber komisch eingedeutscht werden. Also zum Beispiel: Wir adressieren das Problem. Oder: Zu dem Thema muss ich mich mal aufschlauen. Die sprechen wirklich ganz, ganz fürchterlich

Und warum?

Jede Berufsgruppe hat eine Fachsprache. Ärzte und Anwälte versteht ja auch kein Mensch. Das hat immer eine Funktion.

Welche?

Es ist kompliziert, komplexe Sachverhalte kurz und knapp darzustellen. Die Verkürzung der Sprache ist also ein wichtiges Motiv. Der zweite Grund: Fachsprache dient auch der  interpersonalen Distinktion. Berater wollen sich abheben und schlauer wirken. Sie wollen zeigen, dass sie Männer von Welt sind, die dauernd mit den Leuten in New York und Schanghai telefonieren.

Wo spüren Sie neue Blawörter für Beratersprech auf?

Ich habe die vergangenen zehn Jahre damit verbracht, mit Analysten, Unternehmensberatern und Leuten aus der Vorstandsebene zu sprechen Ich habe deshalb noch eine Backlist, die für die nächsten drei Monate reicht –  die habe ich einfach mal so runtergeschrieben.

Sprechen Sie inzwischen selber schon so?

Ja, dauernd! Vor allem natürlich, wenn man mit einem Unternehmensberater über ein Fachthema spricht, dann geschieht das zwangsläufig.

Schlimm? Oder fühlen Sie sich auch ein bisschen cool?

Man fühlt sich schon auch ein bisschen cool, endlich mal auf Augenhöhe die großen Themen der Welt globalgalaktisch top-down diskutieren zu können.

Sie haben einen T-Shirt-Shop an Ihre Facebook-Seite angedockt.  Ist Beratersprech weiterhin ein Spaßprojekt – oder wollen Sie aus der Idee ein kleines Geschäft machen?

Klar, man muss schließlich alles monetizen! Im Ernst: Der T-Shirt-Shop wird mich nicht reich machen. Im Wesentlichen ist das ein Spaßprojekt. Ich kann mir aber ein kleines Lexikon über Beraterdeutsch vorstellen.

Und wie geht es weiter?

Zum 10.000 Fan auf Facebook haben wir ein altes Meeting-Spiel wiederbelebt: Buzzword-Bingo. Solche Sachen machen wir jetzt vielleicht häufiger. Zum Beispiel Votings, um die schönsten Sprüche zu identifizieren. Ich glaube aber, man darf es nicht zu kompliziert machen: Die Leute wollen alle ein bis zwei Tage einen Spruch lesen. Dann wollen sie kurz lachen und einen Kommentar schreiben. Mehr nicht. Tom Hillenbrand, der Macher der Facebook-Page Beratersprech, ist 38 Jahre alt und arbeitet als Buchautor und Freier Journalist in München.

Top 5: Tom Hillenbrand Lieblings-Berater-Phrasen:

  • Prozesse aufsetzen: Fantastisch!  Kann man für alles verwenden. Wenn zum Beispiel bei einer Zeitung die Texte in der Schlussredaktion nicht schnell genug gelesen werden, setzt man eben den Copy-Editing-Prozess neu auf.
  • Sich aufschlauen: Der völlig selbstverständliche Vorgang, dass man sich auf ein Thema vorbereitet – und sei es via Google.
  • Etwas auf der Tonspur rüberbringen: Als normaler Mensch erklärt man einfach, warum man etwas toll findet. Aber für einen Unternehmensberater geht nichts ohne eine Powerpoint-Präsentation mit vielen Folien. Ohne Folien bringen sie das dann „mal eben auf der Tonspur rüber“. Also ob das eine große Leistung wäre, kommunizieren zu können, ohne dass man Folien an die Wand wirft.
  • Etwas adressieren: Schlimmes Beispiel von ’false friends’, also englischer Wörter, die falsch ins Deutsche übersetzt werden.
  • Auf das Markenkonto einzahlen: Das kommt von den Marketingfuzzis. Immer, wenn man sinnlos Geld für etwas verbläst und jemand fragt: ’Was bringt uns das, können wir damit Geld verdienen?’, kann man  immer erwidern: Das zahlt auf das Markenkonto ein und sorgt dafür, dass die Marke beliebter wird.
[Foto: Benne Ochs]

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